St. Petersburg - Wenn es die Schwulen nicht gäbe, dann gäbe es auch Vitali Milonow nicht. Den Menschen Milonow gäbe es natürlich schon, mit seinem prallen rosigen Gesicht und dem Christuszeichen auf der Gürtelschnalle – der Mann ist ja nicht schwul, Gott bewahre! Aber den erfolgreichen Politiker Milonow, der es in die Talkshows geschafft hat, den gäbe es nicht. Denn ohne Schwule gäbe es keine Schwulenfeindschaft, und ohne Schwulenfeindschaft wäre der 39-jährige Petersburger Politiker nie zur landesweiten Marke geworden. Schwulenhass verkauft sich derzeit gut in Russland.

Es ist erst einen Monat her, dass die Duma die „Propaganda nicht-traditioneller Beziehungen unter Minderjährigen“ verboten hat. Das Gesetz ist so schwammig formuliert, dass es sich wie ein Freibrief für die Behörden liest. Wer unter Kindern „verzerrte Vorstellungen von der sozialen Gleichwertigkeit traditioneller und nicht-traditioneller Beziehungen“ verbreitet, muss zwischen 100 und 5 000 Euro zahlen. Ausländer werden dafür sogar deportiert. Kein Abgeordneter hat gegen das Gesetz gestimmt, ein einziger hat sich enthalten.
„Streichen Sie Hitler, schreiben Sie Judas“

In Wahrheit hat die Hauptstadt nur nachgeholt, was die Regionen vormachten. Ausgerechnet in der Großstadt St. Petersburg gilt schon seit einem Jahr ein ähnliches Verbot. Es betrifft die „Propaganda von Pädophilie und Homosexualität“ unter Kindern – als wären Pädophilie und Homosexualität dasselbe und als wäre Pädophilie nicht längst schon strafbar. Eingebracht hat das Gesetz Vitali Milonow. Er hat sodann Madonna, Rammstein und Lady Gaga angezeigt, und wenn das auch erfolglos war, so hat es ihm doch Aufmerksamkeit gebracht, genau wie sein Vorstoß, Wasserpfeifen zu verbieten und eine Sittenpolizei einzuführen.

Schwule und Serben

Es ist sehr leicht, sich mit Milonow zum Gespräch zu verabreden. Er hat sein Büro im Petersburger Mariinski-Palais, dem Prachtbau des Stadtparlaments. Zur Zarenzeit hat hier der Staatsrat residiert, nach der Februarrevolution 1917 die Provisorische Regierung. Das Vorzimmer ist gewaltig groß, mit prächtiger hoher Decke und einem halben Dutzend Assistenten, selbst ein Duma-Abgeordneter könnte da neidisch werden. Über dem Sofa hängt eine serbische Flagge. Es gibt nämlich zwei Themen, die Milonow in Rage bringen, das sind Schwule und Serben. Die einen behandelt der Westen zu gut, die anderen zu schlecht. Das Haager Tribunal, so schimpft Milonow auf dem Sofa mit seiner leicht näselnden Stimme, „ist ein Konzentrationslager für Serbiens Helden“. Besser solle man dort François Hollande verurteilen, weil der in Frankreich die Homo-Ehe mit Gestapo-Methoden durchsetze. „Hollande ist ein Hitler!“ Milonow räkelt sich. Es gefällt ihm, wenn er zornig ist. „Ach nein“, sagt er dann, „streichen Sie Hitler, schreiben Sie Judas.“

Dieser Mann ist ein neues Phänomen in der russischen Politik, und die Öffentlichkeit weiß nicht, wie ernst sie es nehmen soll. Einerseits gilt er als Spinner. Er will Embryonen Bürgerrechte verleihen, das fanden auch seine Parteigenossen absurd. Andererseits liegen konservative Ideen und religiöse Rhetorik im Trend. Schon dürfen in Moskau Kosaken in Fantasieuniformen an der Seite von Polizisten patrouillieren. Die Kirche ergreift Partei, und Patriarch Kyrill verherrlicht Präsident Putin mit den Worten, er habe „die Krümmung der Geschichte begradigt“. Es scheint, als hätte der Protestwinter 2011/2012 nicht nur die liberalen, sondern auch die konservativen Kräfte in der Gesellschaft aktiviert. Sie sind es, auf die sich Wladimir Putin seit seiner Rückkehr in den Kreml stützt. Wollte er in den ersten Amtszeiten noch der Präsident aller Russen sein, so wird er nun zum Präsidenten des antiliberal-patriarchalen Teils der Gesellschaft. Und ausgerechnet Homosexualität ist das Thema, an dem die neue Front definiert wird.

Milonow ist selbst ein Beispiel dafür, wie sich die Überzeugungen ändern. Es gibt ein altes Wahlplakat von 1998, da ist er erst 24 Jahre alt. Man sieht ihn mit bravem Scheitel und Schlabberpulli neben der prominentesten Petersburger Politikerin stehen, der rebellischen Galina Starowojtowa. Sie war seine Gönnerin und unterstütze seine Kandidatur für das Stadtparlament. Sie war zugleich eine radikale Demokratin, trat gegen den ersten Tschetschenienkrieg auf und für eine Entmachtung der Geheimdienste. Vermutlich würde sie vor Schreck erstarren, wenn sie Milonow heute hören könnte. Aber das kann sie nicht. Sie wurde 1998 erschossen, und Milonow wechselte Wochen später ins Lager der Gegenseite, zu einem Mitbewerber, der im Ruf eines zweifelhaften Geschäftsmannes stand. Es war eine Zeit, in der viele ihre Ideale verloren. Petersburg erinnerte damals an das Chicago der Zwanzigerjahre. Mafiagruppen kämpften mit Waffen und dicken Geldbündeln um Einfluss auf die Politik.

Im selben Jahr 1998 ließ Milonow sich auch orthodox taufen. Aber zum Christentum hatte er schon sieben Jahre vorher gefunden, ausgerechnet bei den Baptisten. „Ich kam damals nach zwei Stunden aus der Kirche und spürte einen tiefen Hass gegen alles, was ich vorher getan hatte“, sagt er.

Politclown in den eigenen Reihen

Milonow machte fortan eine steile Karriere. Er wurde Abgeordneter und erhielt 2009 den Vorsitz im wichtigen Ausschuss für Gesetzgebung. Dabei ist er gar kein Jurist. Es war der Lohn für besondere Loyalität zur Exekutive und für besondere Skrupellosigkeit beim Herstellen der richtigen Wahlergebnisse. Fälschungen in seinem Bezirk ließen sich nicht beweisen, jedenfalls nicht vor Petersburger Gerichten. Ratten hätten sämtliche Wahlzettel aufgefressen, hieß es offiziell.

Im Parlament schlägt Milonow einen scharfen Ton an. „Schirinowschtschina“ nennen es viele, nach der überdrehten Aggressivität, die der Ultranationalist Wladimir Schirinowski einst in die russische Politik gebracht hat. Aber Schirinowski ist Opposition – der Popanz, gegen den sich die Kremlpartei abgrenzt. Milonow dagegen ist der Politclown in den eigenen Reihen. Alle Gegner sind für ihn Banditen, Kinderschänder, Perverse. Diejenigen, die 2011/12 gegen Wahlfälschungen auf die Straße gingen, nennt er „Würmer und Parasiten, gegen so etwas hilft nur ein Entwurmungsmittel“.

„Natürlich muss man ihn trotzdem Ernst nehmen. Er steht für eine sehr gefährliche Richtung“, sagt Maxim Resnik, liberaler Abgeordneter im Stadtparlament und ein regelmäßiger Gegner Milonows in Debatten. Privat duzen sich die beiden. Neuerdings stütze sich das Putin-Regime auf die Kirche, sagt Resnik, und Milonow habe – „ich weiß nicht, ob bewusst oder unbewusst“ – diesen Trend früh und erfolgreich aufgegriffen. Es stünden mächtige Menschen hinter ihm, und zweifellos auch ein großer Teil der Gesellschaft. Laut einer Umfrage des Lewada-Zentrum wird das Verbot homosexueller „Propaganda“ von drei Viertel der Russen unterstützt. Was nicht heißt, dass sie Milonows religiösen Eifer teilen oder dass sie auch Homosexualität als solche ähnlich stark verurteilen.

125 Euro Strafe für ein Plakat

Die verbieten wir ja auch nicht, beschwichtigt Milonow, soll jeder im Privaten tun, was er will. Wenn nun aber Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit in Petersburg seinen Satz „Ich bin schwul, und das ist gut so“ wiederholen würde – wäre das verboten? Ach wo, behauptet Milonow – „es sei denn, er geht in einen Kindergarten und sagt es dort“.

Tatsächlich ist das Petersburger Gesetz bisher nur ein Mal zur Anwendung gekommen. Der Schwulen-Aktivist Nikolaj Alexejew hatte auf der Straße ein Schild mit der Aufschrift „Homosexualität ist nicht pervers“ hochgehalten. Alexejew wurde zu einer Geldstrafe von 5000 Rubel (125 Euro) verurteilt, das Gericht begründete das damit, dass Eltern von Minderjährigen dagegen protestiert hätten. Alexejew hat beim Verfassungsgericht Beschwerde eingelegt.

„Das Gesetz ist nicht in erster Linie dazu gedacht, angewendet zu werden. Es soll einschüchtern“, sagt Olga Lenkova. Sie ist 27 Jahre alt, „ganz banal heterosexuell“ und arbeitet bei der Petersburger Organisation „Wychod“ („Coming Out“). Es ist schwieriger geworden, schwul oder lesbisch zu sein in dieser Stadt, sagt sie. Radikale Nationalisten und Orthodoxe treten bedrohlicher auf. Neulich war eine Gerichtsverhandlung, in der „Wychod“ zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil die Organisation sich selbst nach einem neuen Gesetz als „Ausländischer Agent“ hätte deklarieren sollen. Die Aktivisten konnten den Gerichtssaal gar nicht betreten, sagt Olga, weil vor dem Eingang eine orthodoxe Kampftruppe mit zwei Priestern stand.

Milonow jagt in seiner Freizeit Pädophile

Mitte Mai hatte ein Grüppchen von Aktivisten auf dem Petersburger Mars-Feld gegen Homophobie demonstriert. Die Kundgebung wurde abgebrochen, die Polizei behauptete, sie könne die Sicherheit der Teilnehmer nicht gewährleisten, sagt Olga. Es war eine Überzahl an Gegnern erschienen – Mütterchen mit Ikonen, glatzköpfige Nationalisten, aber auch Vitali Milonow mit seiner kleinen Tochter an der Hand. Sie hatten Porträts von Pädophilen mitgebracht.

„Ich glaube, Milonow hat das Schwulen-Thema eher zufällig für sich entdeckt, im Wahlkampf. Und wenn die Aktivisten ihn damals ausgelacht und verspottet hätten, dann wäre er schnell damit gescheitert“, sagt der Stadtplaner Alexander Karpow. Er hat die Proteste gegen den Bau eines Gazprom-Hochhauses in der Petersburger Innenstadt mitorganisiert und gilt als Experte für erfolgreichen zivilen Widerstand. Für ihn ist Milonow das Beispiel eines Politikers, der fehlende Kompetenz durch hysterisches Auftreten überspielt. Es hätte auch ein anderes Thema sein können als der Kampf gegen Homosexualität.

Die Frage ist, wie lange das gut geht. Patriarch Kyrill hat dieses Wochenende erst die Ausbreitung der Homo-Ehe in Europa als Vorzeichen des Weltuntergangs gedeutet, das Thema ist in den Nachrichten also ständig präsent. Und der neue Gouverneur von Petersburg, Georgi Poltawtschenko, hegt Sympathien für Milonows Eifer. Er ist ein „orthodoxer Tschekist“ – so nennen sie in Russland die ehemaligen KGB-Offiziere in Putins Mannschaft, die sich heute in frommen Organisationen engagieren. Poltawtschenko ist Mitglied der „Russischen Berg-Athos-Gesellschaft“.

Aber es ist riskant, sich mit einem Mann wie Milonow zu verbinden. Anfang Juni gab es schlechte Schlagzeilen. Milonow jagt nämlich in seiner Freizeit Pädophile, mit einer Organisation namens „Elternkontrolle“. Erst werden auf Internet-Kontaktbörsen Köder ausgelegt, und wer zum Rendezvous mit Minderjährigen erscheint, wird gefilmt und auf die Polizeiwache gebracht. Dieses Jahr haben sie dummerweise den Fahrer des Vize-Gouverneurs erwischt.

Auch der Ruf der Kremlpartei leidet unter Milonows Ideen. Homophobie ist mehrheitsfähig in der russischen Gesellschaft, aber sein Kampf gegen den Darwinismus ist es sicher nicht. Und als Milonow im September seinen Vorstoß zum Bürgerrecht für Embryonen ins Plenum brachte, da erntete er sogar von seiner eigenen Partei Hohn. „Ich schäme mich, diese Frage zu diskutieren“, sagte eine Parteigenossin unter Applaus.

Das Spiegelbild zu Pussy-Riot

Immerhin gibt es in Petersburg noch echte Debatten. Die Kremlpartei hat dort nur 20 von 50 Sitzen – anders als in Moskau, wo sie 32 von 35 Mandate hat. „Das Moskauer Stadtparlament ist tot. Im Petersburger Parlament gibt es einen echten politischen Kampf über strittige Themen der Stadt“, sagt Karpow. Und Milonow ist ein Produkt dieses Parlamentarismus. Das Parlament ist die Bühne, die er braucht, um im Namen des Glaubens zu provozieren – so wie andere die Kirche als Bühne brauchen, um im Namen der Freiheit zu provozieren. Vielleicht ist Milonow einfach das Spiegelbild der Gruppe Pussy-Riot, die in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ein Punk-Gebet abhielt. Beide wurden zu Stars, auf ihre Weise. Nur dass die Feministinnen zwei Jahre Lagerhaft erhielten, während Milonow ungestraft Gewalt gegen Homosexuelle herunterspielen darf.

Im Mai war der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry in seinem Büro, um Milonow für einen Dokumentarfilm über die Lage der Homosexuellen zu interviewen. Fry ist bekennender Schwuler. „Er hat sich zur Kamera gedreht und gesagt: ‚He ist simply mad‘“, ärgert sich Milonow, schlicht verrückt. „Dabei hat Fry selbst schon zweimal im Leben Selbstmord begehen wollen! Für so was wurde man bei uns früher in die Irrenanstalt gesteckt.“

Wer hier verrückt ist, ist also noch offen. „Aber was für ein Glück für so ein kleines Käferchen, wenn er ohne jedes Verdienst zum Politiker im Landesmaßstab aufsteigt!“ So sagt es ein Petersburger, der in der Stadtpolitik öfter mit ihm zu tun hat. „Der wird sein Steckenpferd nicht mehr aufgeben.“