Vivaldis erste Oper "Ottone in villa" beim Festival Schloss Britz: Eifersucht im Pferdestall

Von der Autobahn und den großen Verbindungsstraßen kommend, biegt man in die Straße Alt-Britz ein wie in die feinste Kapillare des Stadtplans, Kopfsteinpflaster, dichter Baumbestand. Hier soll das Schloss Britz liegen? In der Tat: Plötzlich weitet sich für einen kurzen Moment der Raum, rechts ein Park mit See, links das Schlösschen samt Gut und Stallungen. Der topografische Effekt ist gut gesetzt - der kulturelle dagegen ist ein bisschen übertrieben.Zum dritten Mal wird hier das "Festival Schloss Britz" ausgerichtet, und die Veranstalter sprechen von "Hochkultur im sozialen Spannungsfeld". Britz gehört zu Neukölln, aber die Menschen, die sich im ehemaligen Pferdestall des Gutes Britz zum Kunstgenuss versammeln, wirken sozial eher entspannt. Das Festival ist einer dieser kleinen, sympathischen Ferien-Versüßer für Daheimgebliebene, bei denen der Künstler-Nachwuchs sich empfiehlt und das Publikum das ländliche Ambiente genießt. Geboten wird Unbekanntes in engagierter Produktion, diesmal: Vivaldis erste Oper "Ottone in villa".Obwohl ihm Dezius immer wieder schlechte Nachrichten aus Rom überbringt, hat Kaiser Otho keine Lust aufs Regieren und vertreibt sich die Zeit auf dem Lande. Der Ehrgeiz seiner Mätresse Cleonilla ist größer: Sie würde gern Kaiserin werden. Dennoch unterhält sie eine Affäre mit des Kaisers Günstling Cajus, was dessen Verlobte Tullia wiederum stört, die sich in Männerkleidern einschleicht, um Cleonillas Begehren auf sich zu ziehen.Die Inszenierung von Wolfgang Ansel siedelt das Stück in einer Endzeit an: Die Bühne ist voller Sand, darin stehen drei verrostete Badewannen. Dennoch gibt es auch etwas zu lachen, und das liegt nicht zuletzt an den gut spielenden Sängern: Franka Kraneis als sinnliche Cleonilla, Stefanie Golisch als etwas zu würdiger Otho, Stefania Gniffke als leidenschaftlicher Cajus, Andrea Chudak als melancholische Tullia. Szenenapplaus bekam Patrick Vogel als Dezius in seiner einzigen Arie. Anna Shefelbine leitete mit Umsicht, aber nicht allzu pointiert das Kammerorchester Schloss Britz.Die erste Aufführungsserie vor zwei Wochen füllte in der Pause, gemäß barocker Opernpraxis, ein Intermedium: Das Teatro Paravento Locarno brachte im Stil der Commedia dell'arte ein Stück über den Hunger auf die provisorische Freilichtbühne des Gutes. In den beiden letzten Aufführungen heute und morgen wird stattdessen ein Werk des Berliner Komponisten Georg Katzer uraufgeführt: "Monumentum per A.V." für drei Instrumente befasst sich mit Vivaldis Ende in Wien, wo er nach seiner erfolgreichen Laufbahn in Venedig vergessen und verarmt starb.Im nächsten Jahr soll der Pferdestall zur Ausstellungsfläche des Museums Neukölln umgebaut werden: Teil eines größeren Umnutzungsplans des gesamten Gutshofes, der 2011 dann von dem neuen "Kulturzentrum Gutshof Britz" gekrönt werden soll, einer 300 Besucher fassenden Freilichtbühne.------------------------------"Ottone in villa" wieder am 26.+ 27. 7., 19 Uhr, Alt-Britz 73, Karten 60 97 92 30------------------------------Foto : Franka Kraneis als Mätresse Cleonilla, dahinter eine rostige Badewanne