Im Jahr 1950 lag die mittlere Wohnfläche in Deutschland bei 15 Quadratmetern pro Person. 2006 standen jedem Deutschen 43 Quadratmeter zur Verfügung - im Westen etwas mehr, im Osten etwas weniger. Betrachtet man den Ikea-Katalog mit seinen ausufernden "Aufbewahrungslösungen", "Lager- und Aufbewahrungsserien" und "Kleider- und Schuhaufbewahrungen", kann man den Eindruck gewinnen, dass das Volk diesen hinzueroberten Raum auch dringend nötig hat.Gleichzeitig jedoch kommt es zu einem Exodus der Gegenstände - auch wenn sich diese Bewegung noch nicht bis zu Ikea herumgesprochen hat und es eventuell auch so bald nicht tun wird. Schließlich ist mit dem Nichtaufbewahren des Nichtmehrvorhandenen nur wenig Geld zu verdienen. Bei näherer Betrachtung fällt aber das Fehlen der Vinylplatten- und Videosammlungen auf, das Schwinden der CD- und DVD-Bestände, die Verschlankung der Fernsehgeräte auf platzsparendes Posterformat, während sich am Horizont bereits eine Leerung der Bücherregale abzeichnet.In den letzten Jahren war häufig zu lesen, das Internet sei ein Instrument zur bloßen Selbstdarstellung. Dass große Teile der Wohnung bei weit höheren Kosten bisher eben diesem Zweck dienten, wird gern unterschlagen. Die Funktion des Bücherregals oder der CD-Sammlung, der Umwelt mitzuteilen, wie ihr Besitzer tickt, welchen Kreisen er angehört und welche Sozialisation er genossen hat, verlagert sich zusehends in den digitalen, ergo raumsparenden Raum. Vieles, was gerade noch kubikmeterweise Platz verschlang, passt jetzt in ein Gerät, das seinerseits immer kleiner wird.Aber was geschieht mit der Wohnung, wenn sie allmählich von ihrer Primärfunktion der Verstauung und Präsentation von Habseligkeiten freigestellt wird? Wohin mit dem vielen Platz? Es kann ja nicht jeder aus seinem Lebensmittelpunkt ein buddhistisches Kloster machen. Den Forschern von trendwatching.com zufolge nisten sich auf den freigeräumten Flächen umgehend professionelle Geräte und Installationen ein. Die Wohnung beginnt es mit der Gastronomie und Vergnügungsindustrie aufzunehmen. Dafür sprechen Indizien wie die Professionalisierung der Kaffeemaschinen oder die Beliebtheit von Gastronomieküchen und Bierzapfanlagen. Das mit Surround-Sound und Popcornmaschine ausgestattete Heimkino kann es seit der Einführung erschwinglicher Beamer und Großdisplays mit dem Komfort der meisten Kinosäle aufnehmen. "Insperiences" nennt trendwatching.com diese Hochrüstung der Wohnung auf professionelles Bespaßungsniveau. Ein Trend nicht ganz ohne Nachteile, denn zum einen wissen die meisten Partykeller- und Heimsaunenbesitzer, Vorreiter des "Insperience"-Trends aus den 70er Jahren, dass die tatsächliche Nutzung solcher Einrichtungen nach dem ersten Enthusiasmus gegen Null tendiert. Und zweitens muss man das Popcorn danach selbst vom dem Teppich aufsammeln.Eine andere Antwort auf die Frage, was mit dem neuen Wohnraum passieren soll, ist im anschwellenden Mobiliar auszumachen. Kühl-Gefrierkombinationen nehmen die Größe begehbarer Kleiderschränke an, Sitzgarnituren, die traditionell schon die Breite ganzer Räume ausreizen, wachsen seit einigen Jahren in die Tiefe, in manchen Badewannen lassen sich mehrköpfige Familien und ein paar Gäste unterbringen. Womöglich gibt es eine Art Platzbedarfs-Homöostase der Möbel, vergleichbar dem Größenwachstum von Aquarienfischen, die in einen größeren Lebensraum umgesetzt werden.Eine exotischere Variante der Nutzung überschüssiger Wohnfläche ist der hydroponische Nahrungsmittelanbau, von dem man derzeit vor allem in amerikanischen Blogs liest. Seine Anhänger ziehen ihr eigenes Gemüse unter Kunstlicht auf nährlösungsgetränkten Substraten wie Steinwolle oder Tonkügelchen. Wer nicht an seinen 43 Quadratmetern hängt, kann aber auch auf eine platzsparende Aufbewahrungslösung für die eigene Person wie die "Tumbleweed Tiny Houses" setzen: Das kleinste Modell bietet sechs Quadratmeter Wohnfläche. Und sobald jemand eine digitale Lösung für Dusche und Sockenschublade erfindet, wird es zumindest theoretisch möglich, ganz zum Nomadendasein zurückzukehren. Eventuell unter Zuhilfenahme einer Bahncard 100.