Volker Beck: Ein Blick in die Archive

Hätte es einer wissenschaftlichen Studie bedurft, um den Vorwurf aufzuklären, ob die Grünen in ihren Anfangsjahren die Forderung pädophiler Lobbygruppen nach einer Legalisierung von Sex mit Minderjährigen unterstützt haben? Wohl kaum. Einschlägige Anträge und Beschlüsse lassen sich im Parteiarchiv der Grünen finden. Die Debatte um das fehlgegangene Engagement der Partei ist zudem nicht in Hinterzimmern, sondern öffentlich geführt worden. Ein Blick in die Archive deutscher Tageszeitungen hätte sie jederzeit wiederbeleben können.

Zahlreiche Stellungnahmen

Der Verlauf dieser Debatte belegt denn auch, dass das Nachdenken der Grünen über den eigenen Umgang mit pädophilen Forderungen älter ist als die Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Der Parlamentarische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen Volker Beck jedenfalls wollte seinen zahlreichen Stellungnahmen zu den Vorwürfen gegen seine Person und der Haltung der Partei am Mittwoch keine weitere Äußerung hinzufügen.

Am Mittwochmorgen hatte ihn die Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer im Deutschlandfunk beschuldigt, sich von einem eigenen, 1988 veröffentlichten Text zur Legalisierung der Pädophilie nie distanziert zu haben. Beck reagierte auf Anfrage mit einer Sammlung einschlägiger Eigenzitate aus den Jahren von 1993 bis heute.

So erschien am 4. Oktober 1993 unter der Überschrift „Die Medienwelt steht Kopf“ ein Leserbrief Volker Becks in der taz, in dem er erklärt: „Lange Zeit hatten wir in der Schwulenbewegung von ‚einvernehmlichen‘ und ,gleichberechtigten‘ pädophilen Beziehungen gefaselt und über die strukturelle Asymmetrie der Erwachsenen-Kind-Beziehung hinwegschwadroniert.“

Zu dem von Alice Schwarzer erwähnten eigenen Text hatte Beck im Mai dieses Jahres in einem Interview mit der Berliner Zeitung erklärt: „Dieser Aufsatz ist gegen meinen Willen vom Herausgeber redigiert worden. Aber auch in dieser verfälschten Fassung wandte sich der Text eindeutig gegen die Forderung, das Sexualstrafrecht abzuschaffen. Gleichwohl war auch ich in jener Zeit in dem Irrtum gefangen, dass sexueller Missbrauch und manche pädophile Handlungen unterschiedliche Tatbestände seien.“

In einem Blog-Beitrag von 2006 schrieb Beck, „die Sicht auf die Pädophilie war in den 70er- und 80er- Jahren in Deutschland von einem systematischen Irrtum in weiten Teilen der Sexualwissenschaft und auch Teilen der Kriminologie verstellt: Selbst Kriminologen des Bundeskriminalamts schlugen damals vor, zwischen gewaltlosen, angeblich „harmlosen“ Sexualkontakten und gewaltförmigen, schädlichen Sexualkontakten zwischen Erwachsenen und Kindern zu unterscheiden.“

Seit Ende der 80er-Jahre, schreibt Beck weiter, habe er sich intensiv mit der Arbeit von Organisationen auseinandergesetzt, die Opfer sexualisierter Gewalt und sexuellen Missbrauchs betreuen. „Seitdem habe ich mit Liberalisierungsüberlegungen zum Sexualstrafrecht, die über die 1994 in Deutschland erfolgte Gleichstellung von Hetero- und Homosexualität (Streichung des § 175 StGB) hinausgehen, völlig gebrochen und bin Forderungen in diese Richtung immer entgegengetreten.“

Wie der Titel der Studie zu „Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen in den Milieus der Neuen Sozialen Bewegung sowie der Grünen“ des Göttinger Parteienforschers Franz Walter nahelegt, geht die Untersuchung nicht dem Vorwurf nach, ob die Grünen sich pädophile Forderungen zu eigen gemacht haben. Er ist längst belegt.