In seinen "Orientalischen Promenaden" nimmt uns Volker Perthes mit auf Spaziergänge durch große und kleine Städte im Nahen Osten, von Assiut in Südägypten bis nach Kerman im Iran. Durch sechs Länder führt er uns dabei. Länder? Damit wären wir schon bei einem Hauptproblem, das die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Region prägt: Weder Palästina noch Kurdistan sind eigenständige Staaten.Es brodelt unter der Oberfläche. Entgegen allem politikwissenschaftlichen Gerede vom Stillstand in der arabischen Welt zeigt uns der Autor, wie sich die Bürger in den Ländern selbst einmischen und welchen Reim sie sich auf das aktuelle nationale und internationale Geschehen machen. Das ist für Ägypten ebenso spannend wie für Saudi-Arabien. Der trockene Humor des niederrheinischen Politikwissenschaftlers macht das Buch zu einer flüssigen Lektüre.Volker Perthes hat sich für seine "Promenaden" Zeit genommen. Bevor der renommierte Nahostexperte im Oktober 2005 Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin wurde, hat er trotz seiner mehr als 20-jährigen Kenntnis der Region beschlossen, eine Auszeit zu nehmen, um durch die Zentren, aber auch durch abgelegenere Kleinstädte wie das ägyptische Minya zu laufen und mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Fragte eines seiner letzten Forschungsprojekte nach den Eliten der Region, so geht es hier um die Politik-Wahrnehmung von Menschen, die am Billardtisch anzutreffen sind, einen baufälligen Bücherkiosk führen oder das Schwimmbad besuchen.Damit bietet der Autor etwas, was selten genug ist: Einen Einblick in das Alltagsleben im Nahen Osten, ohne nach Altbekanntem zu suchen. Perthes berichtet vom Generationenkonflikt zwischen den heute in der Politik aller behandelten Länder noch immer aktiven 70-Jährigen und den nachdrängenden 40-Jährigen. Der Autor macht deutlich, dass es keinen Konflikt der Kulturen gibt, sondern dass die Konfliktlinien durch die Gesellschaften selbst gehen - ob sie nun muslimisch oder christlich geprägt sind. Perthes spricht von einem "Bürgerkrieg in slow motion" in der Region."Normal" heißt ein Wort, das Perthes immer wieder hört. Israelis, Palästinenser, Ägypter, Kurden, Iraker und Iraner - alle wünschen sich nur Normalität für ihr Leben in einer Region, die seit der Entkolonialisierung in jedem Jahrzehnt einen Krieg miterlebt hat. Am Westufer des Suez-Kanals trifft der Autor den 20-jährigen Said. Früher seien hier israelische Stellungen gewesen, erklärt Said, man könne noch Reste davon entdecken. Heute kämen gelegentlich israelische Touristen. "Das ist doch ganz normal." Ebenso natürlich scheint es einigen seiner ägyptischen Gesprächspartner, dass ihr Präsident Hosni Mubarak "noch hundert Jahre regiert".------------------------------Foto: Volker Perthes: Orientalische Promenaden. Der Nahe und der Mittlere Osten im Umbruch. Siedler, München 2006. 400 S., 24,95 Euro.

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