Heute paßt irgendwie nichts zueinander. Eigentlich sollte die Live-Übertragung aus dem Schiller Theater eine ruhige Arbeit werden. "Figaro läßt sich scheiden", Ödön von Horvath, Regie: Luc Bondy. Anhand eines Videomitschnitts der Wiener Inszenierung hatte der Bild-Regisseur zuhause in Darmstadt einen detaillierten Schnittplan angefertigt, nun soll alles vor Ort nur noch überprüft werden. Routine. Da stellt sich heraus, daß die andere Bühne den Schauspielern völlig andere Gänge abverlangt. Nichts stimmt mehr. Der Schnittplan, Analysearbeit von Tagen, ist Makulatur. Aber 3 Sat, Medienpartner des Berliner Theatertreffens, hat Glück. Regisseur Volker Weicker läßt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. "Jetzt müssen wir das wohl machen wie beim Fußball. Live."Die Mannschaft wird eingekauftIn seinem eigentlichen Leben ist der Mann nämlich ein ausgebuffter Sportregisseur, Spezialgebiet: Live-Events. Die Box-WM-Kämpfe von Maske und Schulz gehen auf sein Konto. Tennis, Formel 1, Fußball-Bundesliga. Bis Ende der Saison gehörte der 42jährige auch zu dem RTL-Team, das die Champions League übertrug. Und wie die meisten seiner Handvoll Kollegen ist er an keinen Sender fest gebunden. Ob er nun im Gefolge der Champions-League-Senderechte zu TM 3 wechselt? "Noch hat niemand mit mirgesprochen", sagt er.Als TM 3 unlängst die TV-Rechte an der Champions League erwarb, fragten viele, wie der Münchener Ex-Frauensender die Qualität der Übertragungen sichern will. Doch das ist kein Problem. Zunächst muß sich der Sender für einen Sportchef entscheiden. Der wird sich dann seine Vierer-Kette einkaufen: Vom Redaktionsleiter über den Kommentator zum Regisseur und den Kameraleuten. Der freie Markt ist klein, aber hochkarätig besetzt. Kein Zweifel, daß sich TM 3 eine ordentliche Champions League zusammenkaufen kann.Weil die Ware Fußball so inflationär teuer geworden ist, dürfen auch bei der Einspielung des Events keine Kosten und Mühen gescheut werden. Der Ü-Wagen, in dem Volker Weicker in Sekundenschnelle aus einem Überangebot an Kamerabildern die perfekte Perspektive für den Zuschauer auswählt, ist vollgestopft mit Technik und so frei wie Weicker selbst. Man kann ihn mieten. Längst lohnt es sich für die Fernsehveranstalter nicht mehr, das teure Equipment selbst zu unterhalten. Man verläßt sich auf spezialisierte Technik-Anbieter. Schließlich müssen die Kräne und Schienenwagen von erfahrenen Leuten bedient werden. Undenkbar, daß einer den entscheidenden Paß verpassen würde."Die freien Kameraleute sind hochspezialisierte Profis. Die machen oft nichts anderes als Spieleschwenken", meint Weicker. Ob für RTL oder Sat 1, die ARD oder Premiere bei Großereignissen sitzt er zumeist in dem immer gleichen U-Wagen des Marktführers "Top Vision". Unter sechs Kameras pro Fußballspiel geht gar nichts: Die erhöhte Führungskamera 1 für den Spielverlauf und die Kamera 2 für die großen Köpfe. Zwei auf Schienen am Spielfeldrand und je eine Hintertorkamera, flach auf dem Boden oder von oben. Besser aber beides. Viel ist damit nicht drin. Deshalb sind inzwischen 16 bis 18 Kameras selbst bei normalen Bundesliga-Begegnungen Standard. Bei ganz wichtigen Spielen stellt Weickers Manschaft gleich 30 Kameras und mehr auf: Dann gibt es für alle Blickwinkel flache und hohe Positionen, und Kräne und Fischaugen-Chips in den Torpfosten und eine im Boden und welche vor dem Abgang zu den Katakomben, manchmal sogar ein Luftschiff über dem Stadion, mit Sicherheit aber Super-slowmotions hinter den Toren."Eigentlich gibt es keine Grenzen nur finanzielle", sagt Weicker. Bis zu 500 000 Mark ließ sich RTL in der letzten Saison allein die technische Herstellung eines "Champions League"-Spiels kosten Lizenzgebühren nicht mitgerechnet.Nichts soll das Auge entbehren, kein Detail darf dem Zufall überlassen bleiben. In der Vorbereitung auf große Spiele wird eigens das taktische System der Mannschaften analysiert. Vielleicht spielt auf der linken Seite ein beachtenswerter Stürmer, womöglich ist er gerade heute in Topform und könnte ja sein, er erzielt das entscheidende Tor. Dann postieren die Bildregisseure noch ein paar Extra-Kameras auf diese linke Seite, um ihren Mann nie aus den Augen zu verlieren. Und dann? Weicker lacht. "Dann ist Platzwahl, und unser Topspieler läuft in der ersten Halbzeit schon mal von der falschen Seite auf. Und dann spielt der schlecht, verletzt sich, wird ausgewechselt. Und unsere ganze hübsche Aufstellung war für die Katz."Das Ziel ist der perfekte Eindruck aus dem Stadion. Trotzdem ist das Vor-Ort-Feeling für das Fernsehen nicht reproduzierbar, das weiß auch der versierte Live-Regisseur: "Der Lärm um mich herum, die Fahne, die meinen freien Blick verstellt, der Typ neben mir, der sich mit mir freut. Das alles können wir nicht übertragen. Wir machen ein anderes Angebot: Nähe." Das Fernsehen zeigt die Plackerei auf dem Rasen, als wäre man in Hörweite.Und längst stoppt das Spiel nicht mehr an der Seitenaus-Linie. Sogenannte "Emotionskameras" beschäftigen sich mit dem Gefühlsstau, den ein spannender Wettkampf mit sich bringt. Sie zeigen den nervösen Trainer, den gesperrten Verteidiger, den glücklichen Präsidenten und die grübelnde Ersatzspieler. Großes Kino.Aber nur, wenn auch das Fußballspiel großartig ist. "Ich bilde ab, was da ist. Ich kann keine Gefühle transportieren, die es nicht gibt." Aber Beziehungen lassen sich schon herstellen, wenn in einer Überblendung nicht nur der eine, traurige Trainer, sondern auch der andere, siegesgewisse gezeigt wird. "In der entscheidenden Minute vermittelt das mehr als jede Totale vom Spiel."Timing, Rhythmus, blitzschnelle Entscheidungen sind das Kapital eines jeden Live-Regisseurs. Deshalb schneidet Weicker seine Bilder selbst. Kein Bildmischer ist zwischen ihm und dem Material, wenn er seine Geschichten von Sieg und Niederlage erzählt. Manchmal brauchen die nicht mal das Fußballspiel: Als in Madrid im letzten Jahr vor der Partie Real Madrid gegen Borussia Dortmund ein Tor rostzerfressen umfiel, reagierte Weickers Übertragungsmannschaft sofort. Sie zeigte sprachlose Funktionäre mit ihren wichtigen Handys und hilflose Platzwarte mit ihren nutzlosen Werkzeugen. "Sucht mir alle Verrückten! Die mit den kleinen Hämmerchen", rief Weicker seinen Kameraleuten über Funk zu, "und dann immer wieder auf die Verantwortlichen!" Zwei Fernsehpreise haben Marcel Reif und Günther Jauch für die Moderation dieses Abends bekommen. Und die Kameraleute? Die Bildregie? "Die im Dunkeln sieht man nicht", zuckt Weikker die Achseln.Totale NäheFür die Zuschauer machen die Kommentatoren das Spiel, deshalb sind sie für die Sender unbezahlbar. Auch bei TM 3 wird es darauf ankommen, wer bei der Übertragung der Champions League in der Sprecherkabine sitzt. Was könnte der neue Mitspieler im Fernsehfußball auch Neues bieten? "Beim Spiel selbst sind wir wohl an der Grenze angekommen", schätzt Volker Weikker, "aber im emotionalen Bereich könnte man noch einiges machen: Im Umfeld des Spieles, in der Vorberichterstattung, in der Kabine." Aber die totale Nähe wird teuer für den übertragenden Sender. Die Profis denken deshalb längst an den nächsten Schritt. Wenn doch sowieso alle für alle Sender arbeiten, dann könnte zum Beispiel der DFB seine Bundesliga-Spiele auch selbst produzieren und den TV-Sendern nur noch Fertigangebote verkaufen: Komplett live für den Meistbietenden, der Fünf-Minuten-Zusammenschnitt für den zweiten, nur die Tore für die Dritt- und Viertverwerter. Die Sender brauchten dann nur noch ihre eigenen Redakteure und die Kommentatoren.Und natürlich guten Fußball. Kein Fernsehgefühl ist so intensiv wie die Freude über einen Sieg. Das weiß auch der Regisseur: "Wir können in den Ü-Wagen, an den Kameras, in der Kommentatorenbox noch so gute Arbeit abliefern, wenn die Falschen gewinnen, haben wir verloren."