Schwer zu bekommen war die Wohnung nicht - gerade mal fünf Menschen waren zur Besichtigung gekommen. Dabei hatte das Angebot der Ateliervermittlung richtig gut geklungen: Maisonette-Wohnung, 130 Quadratmeter, 1 400 Mark warm. Die Adresse: Platz der Vereinten Nationen. Also: Plattenbau. "Das hat wohl viele abgeschreckt", sagt Erik Schmidt. Ihn nicht. Der 32-jährige Künstler kündigte seinen ofenbeheizten Altbau in Prenzlauer Berg und zog mit seinem Freund in den zehnten Stock des Neubaus am ehemaligen Leninplatz in Friedrichshain.Fast drei Jahre ist das her. Seitdem haben viele Menschen seine Wohnung zu Gesicht bekommen: Jeder, der den Coca Cola-Werbespot gesehen hat, in dem ein Mädchen an einem stickigen Sommertag zum Kühlschrank geht, um eine eisgekühlte Unterhose herauszuholen. Und jeder, der das Video "Weinst du" der Gruppe Echt gesehen hat, in dem ein Paar verloren zwischen Bett und Couch herumsteht, weil es merkt, dass es sich nichts mehr zu sagen hat. Der Kühlschrank, das Bett und die Couch standen in Erik Schmidts Wohnung. Den Sichtbeton freigelegtSobald er die Blumentapete des Vormieters abgekratzt, in der Küche den Sichtbeton freigelegt, die Bogenlampe, die weiße Ledercouch, die Bogenlampe und die anderen 60er-Jahre-Möbel in den Räumen verteilt hatte, begann Schmidt, sein neues Domizil Location-Firmen als Drehort anzubieten - mit Erfolg. Erik Schmidt hat aus einer piefigen, raufasertapezierten Wohnung ein Design-Objekt gemacht, in dem sich Schauspieler effektvoll platzieren lassen. Aus seiner Sicht passt er sich mit der Einrichtung an sein Umfeld an, in dem er nun lebt. Die Visionen der Moderne faszinieren ihn, sagt er, und das 1968 gebaute Plattenbau-Ensemble mit 1 280 Wohnungen, das das "Neue Deutschland" damals für einen der "schönsten Plätze der sozialistischen Metropole" hielt, sei für ihn eine solche Vision.Der Künstler aus Hamburg ist nicht der Einzige, der sich gern mit den Architektur-Visionen der DDR umgibt. Ein Freund von ihm ist gerade in eines der Hochhäuser auf der Fischerinsel gezogen, ein Bekannter wohnt in der Platte an der Karl-Liebknecht-Straße. Für die Büroräume im zwölfstöckigen Haus des Lehrers am Alexanderplatz, in die junge Existenzgründer vorübergehend einziehen durften, gibt es Wartelisten.Ein Trend? Von Trend zu sprechen wäre übertrieben, sagt Birgit Stötzer von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). "Aber es gibt immer wieder junge, kreative Leute, die bei uns in Mitte oder in Friedrichshain einziehen", sagt sie. Dabei gehe es jedoch nicht nur um die Faszination an der Platte, sondern vor allem um den Standort."Die Höhe macht es aus""Sehr gut gehen die Häuser in der Leipziger Straße. Ich kenne Leute, die bei einem Blick aus dem Fenster im 23. Stock sagen: Mensch, das ist ja richtig Großstadt hier. Die Höhe macht es einfach aus", sagt Stötzer.Den ironisch-neugierigen Umgang mit der Geschichte der Häuser, den die Neuankömmlinge gern pflegen, mögen die, die sich seit Jahrzehnten in den Häusern bewegen, nicht immer verstehen: Erik Schmidts Nachbarn begegnen dem jungen Mann mit kühler Distanz, nicht erst, seit das Filmteam für den Cola-Spot mit seinen Wagen die Parkplätze im Hof besetzte.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Stilecht: 30 Jahre alt ist das Hochhaus am Platz der Vereinten Nationen, in dem Erik Schmidt wohnt. Ebenso alt ist das Design seiner Möbel.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.