Günther Krause im September 2020.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Günther Krause hat von allen Mitgliedern der letzten DDR-Regierung die steilste politische Karriere hingelegt. Der Ingenieur aus Halle wurde 1990 mit 36 Jahren Parlamentarischer Staatssekretär, er verhandelte mit Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag und war Bundesverkehrsminister, bis er 1993 mit Affären in die Schlagzeilen geriet und zurücktreten musste.

Krause will erst kein Interview geben, die Berliner Zeitung habe als Erstes über die Putzfrauenaffäre berichtet, sagt er, empfängt dann aber doch in einem Haus in Brandenburg an der Havel, seiner „Repräsentanz“. An den Wänden hängen Fotos, die ihn mit Kohl, Schäuble, Weizsäcker, Merkel zeigen. In einer Glasvitrine steht der Einigungsvertrag, auf dem Tisch liegt sein neues Buch „Das ewige Licht“. Ohne eine Frage abzuwarten, erklärt er: „Das Buch ist mir wichtiger als die deutsche Einheit. Vielleicht mal kurz zu mir als Person, weil das immer völlig falsch gesehen wird: Ich bin Wissenschaftler, kein Politiker.“

Berliner Zeitung: Das wäre eine unserer ersten Fragen gewesen: Wie sind Sie als Ingenieur und Wissenschaftler denn in die Politik gekommen?

Günther Krause: Weil ich zur Wendezeit politisch unbelastet war. Ich war Mitglied der Jungen Gemeinde und durfte in Weimar nicht an der Hochschule bleiben, obwohl ich Beststudent war.

Sie kommen eigentlich aus Halle.

Ja, ich wurde an der Kirchenmusikschule in Sachsen-Anhalt ausgebildet, habe später in Weimar Orgel gespielt und mit meiner Jazz-Band Mugge gemacht. Ich war der einzige Ingenieur, die anderen waren Musikstudenten.

Neue Podcast-Reihe „Vom Ende der Geschichte“


Teil 1: Lothar de Maizière: „Meine Damen und Herren, wir schaffen uns ab!“

Teil 2: Sabine Bergmann-Pohl: „Wir wollten uns erhobenen Hauptes verabschieden“

Teil 3: Günther Krause: „Wir wollten, dass der Tag des Beitritts der Tag null wird. Dass klar wird: Das ist ein Neubeginn. Und nicht ein Anschluss.“

Teil 4: Rainer Eppelmann: „Bürger zweiter Klasse? Ist doch ein Erfolg!“

War Ihr Elternhaus auch schon so musikalisch?

Meine Eltern haben sich Mühe gegeben, mich an die Musik heranzuführen. Mit sechs bekam ich eine Geige, mit acht ein Klavier und ein Harmonium.

Wie haben Sie Ihre Kindheit in Erinnerung?

Wir waren 212 Schüler in der 8. Klasse. Davon haben 211 Schüler die Jugendweihe gemacht und einer Konfirmation – das war Krause. Vor dem Schulbeginn hat mich mein Vater zu sich geholt: Wenn dich morgen deine Lehrerin fragt, wie unsere Fernsehuhr aussieht. Dann sagst du, die hat Punkte. Dann habe ich zu meinem Papa gesagt: Wieso? Die hat doch Striche.

Die mit den Strichen war die Westfernsehuhr?

Ja, und die Frage kam. Die Eltern der Kinder, die gesagt haben, ihre Uhr hat Striche, mussten sich dann bei der Elternversammlung rechtfertigen. So war die DDR. Diese Vorstellung, die es im Westen gab, man hätte alles viel eher stürzen können, ist absurd. Das war eine fest eingeschworene Diktatur.

Wir haben getauscht: Autoersatzteile, Holz und Fliesen gegen Champignons. Waren ja alles Engpässe in der DDR.

Günther Krause

Was haben Sie dann zur Zeit des Mauerfalls gemacht?

Ich habe als Dozent an der Hochschule Wismar über 2000 Ostmark verdient, das war viel Geld. Gewohnt habe ich mit meiner ersten Frau im Haus meiner Schwiegereltern in Börgerende an der Ostsee. Wir haben im Keller Champignons gezüchtet.

Champignons? Als Selbstversorger?

Nicht als Selbstversorger, wir haben getauscht: Autoersatzteile, Holz und Fliesen gegen Champignons. Waren ja alles Engpässe in der DDR. Die Konsumgaststätte im Ort haben wir auch beliefert. Wir haben vielleicht am Tag maximal zehn Kilo geerntet.

Wie sind sie denn auf Champignons gekommen?

Meine Frau war Diplomlandwirtin, und zu DDR-Zeiten gab es in Mecklenburg-Vorpommern viele Sportpferde; der Abfall ist gut geeignet für Champignons. Man musste den Mist backen, umstapeln, nach vier Wochen war er reif für die Champignonzucht.

Wir wollten, dass der Tag des Beitritts der Tag null wird. Dass jedem in Deutschland klar wird: Das ist ein Neubeginn. Und nicht ein Anschluss.

Günther Krause

Und wie kam es, dass Sie dann Profipolitiker wurden?

Ich bin 1975 in die Ost-CDU gegangen, um meine Ruhe zu haben. Später, so Mitte der Achtziger, wollte ich was ändern, habe gesagt, ich habe Ideen, und wurde von meinem Leuten in Bad Doberan gefragt: Willste nicht Kreisvorsitzender werden? Nach der Wende, am 2. März 1990, wurde ich zum neuen Landesvorsitzenden Mecklenburg-Vorpommerns gewählt, hatte mich überreden lassen, meine Frau wusste gar nichts davon, und war so automatisch Spitzenkandidat für die Volkskammerwahl.

Und wurden dann gleich Staatssekretär, Fraktionsvorsitzender und Unterhändler für den Einigungsvertrag?

Lothar de Maizière hat mich am 19. März 1990 in meiner Hochschule angerufen und gesagt: Du musst jetzt nach Berlin kommen, wir müssen ’ne Regierung bilden. Ich habe gesagt, ich komme nicht. Ich will an meiner Hochschule bleiben. De Maizière wollte ja auch nicht Ministerpräsident werden. Das ist er übrigens, der Einigungsvertrag. (Krause zeigt auf einen Ordner auf dem Tisch)


Der Einigungsvertrag, unterzeichnet von Günther Krause und Wolfgang Schäuble..
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Die 18. Fassung, die letzte. Die DDR hatte ja die allererste vorgelegt. Wolfgang Schäuble gibt das bis heute nicht zu. In unserem DDR-Entwurf stand, dass wir die erste Strophe der DDR-Nationalhymne als zweite Strophe der heutigen Nationalhymne wollen. Damit dieses Deutschlandlied für immer verschwindet.

Deutschland, Deutschland über alles.

In der DDR-Hymne hieß es: „Auferstanden aus Ruinen“.

Ein schöner Text.

Wir wollten, dass der Tag des Beitritts der Tag null wird. Dass jedem in Deutschland klar wird: Das ist ein Neubeginn. Und nicht ein Anschluss.

Was hätte das konkret bedeutet?

Dass wir die Rechtsprechung des Westens nicht auf das Staatsgebiet der DDR übertragen – was ja ein riesengroßer Fehler war. Denn diese Rechtsprechung hat gar nicht unseren Denkweisen entsprochen. Schäuble wollte zum Beispiel bis zum Schluss, dass die Stasi-Akten weggeschlossen werden. Er war der Meinung, dass die Veröffentlichung mit dem westdeutschen Datenschutz nicht vereinbar ist. Da haben wir gesagt: Dann muss der westdeutsche Datenschutz eben verändert werden.

Hatte er Angst, dass die Verfassungsschutzakten dann auch öffentlich werden?

Ob das der Grund ist, da will ich nicht spekulieren. Helmut Kohl hat gesagt: Wir machen es so, wie es Krause will, Punkt, aus. Oder die Frauenrechte: Schäuble wollte, dass der Paragraf 218 in der DDR eingeführt wird.

Das Abtreibungsverbot.

Da haben wir uns auch durchgesetzt, indem ich hart geblieben bin und gesagt habe: Dann fällt die deutsche Einheit eben aus. Es war  nicht nur der grüne Rechtsabbiegepfeil, den wir eingebracht haben. Ich habe mir nicht alles gefallen lassen. De Maizière vergisst heute gerne, dass sein Spruch damals war: „So schnell wie möglich und so gut wie nötig.“ Was ja von vornherein ausschließt, dass alles perfekt ist.

Was war denn Ihr Spruch?

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Über 90 Prozent der Produkte der DDR waren bei offenen Grenzen nicht verkaufsfähig. 1960 wurde der alte Wartburg Sport zum Auto des Jahres in Europa gewählt, und im Grunde genommen hat sich dieses Auto nicht mehr groß verändert. Als ich damals in Zwickau bei den Arbeitern war, habe ich gefragt: Wer von Ihnen kauft denn noch einen Trabi? Gelächter. Ich habe nicht gelacht. Ich habe gesagt: Wenn Sie Ihr eigenes Produkt nicht mehr kaufen, können wir den Laden zumachen.

Die Revolutionäre von 1989 wussten, was sie nicht wollen. Aber nicht, was sie wollen. Da mussten wir ab dem 18. März den Kopf hinhalten

Günther Krause, Mitglied der letzten DDR-Regierung

Wäre neben einer Schließung nicht auch Privatisierung infrage gekommen? Mit einem anderen Produkt?

Aber wie denn? Das ist eben das Problem. Die Revolutionäre von 1989, die die DDR abgeschafft haben, wussten, was sie nicht wollen. Aber die wussten nicht, was sie wollen. Da mussten wir ab dem 18. März den Kopf hinhalten und irgendwie einen Übergang finden. Der Übergang hieß: Für jeden DDR-Bürger ändert sich das Leben um 180 Grad. Und beim Um-die-Achse-Drehen muss man noch was völlig Neues lernen. Der Westen hatte – auch das wird gerne vergessen – nur eine Auslastung seiner Produktion von 65 Prozent. Deren alte Schleudern sollten im Osten teuer verkauft werden, damit sich die Wessis alle neue Autos kaufen. Wenn Detlev Rohwedder (der Präsident der Treuhandanstalt, d. Red.) länger gelebt hätte, wäre vieles bei der Treuhand anders gelaufen. Der hat versucht, eigene Strukturen in der DDR aufzubauen. Welche Hochschule hat denn heute eine Führung aus dem Osten? Keine. Welcher ostdeutsche Professor ist Rektor einer Universität im Westen? Auch fast keiner. Alles selbstverständlich. Aber dass wir im Osten Dinge anders sehen, ist nicht selbstverständlich.

Man merkt schon, Sie wären eigentlich gerne selbst noch Politiker.

Nein, nein. Da würde sich meine zweite Frau sofort scheiden lassen. Politik ist doch kein Leben, ich habe das dreieinhalb Jahre durch. Ich wollte das ja auch gar nicht, ich wäre gerne bei meinen Studenten in Wismar geblieben. Ich hatte ein unglaublich gutes Verhältnis zu ihnen. Bei mir gab es nie Anwesenheitskontrolle. Aber eine Minute nach Beginn der Vorlesung wurde die Tür abgeschlossen.

Von Ihnen?

Natürlich. Die Kommunisten hatten Anwesenheitskontrolle vorgeschrieben. Mach’ ich nicht, habe ich gesagt, meine Studenten kommen freiwillig. Die haben sich vom ersten Tag an auf den gleichen Platz gesetzt. Und ich habe mir immer jemanden rausgepickt, der bei der letzten Vorlesung nicht da war. Der wusste natürlich nichts und hat eine Fünf bekommen. Bis mein Hörsaal immer voll war.

Die im Verkehrsministerium haben mich ja alle nicht für voll genommen. Ich war 37 und ich war aus dem Osten.

Günther Krause, Ex-Bundesverkehrsminister

Haben Sie das Verkehrsministerium in Bonn später auch so geleitet?

Wenn man in einer politischen Aufgabe etwas durchsetzen will, muss man zeigen, dass man Chef ist. Möglichst auf eine humane Art und Weise. Wenn das nicht geht, dann auch machtpolitisch. Die im Verkehrsministerium haben mich ja alle nicht für voll genommen. Ich war 37.

Und Ihre Mitarbeiter?

Über 50. Und ich war aus dem Osten. Wir konnten ja angeblich weder rechnen noch lesen noch schreiben. Dann habe ich die Jungs auseinandergenommen.

Wie haben Sie die auseinandergenommen?

Indem sie mir Vorlagen zu neuen Projekten geben mussten. Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern habe ich die Vorlagen lesen können, weil ich von links oben nach rechts unten lesen kann.

Sie haben ein visuelles Gedächtnis?

Ja, und ein Verkehrsminister hat ungefähr 300 Vorlagen. Ich habe dann das Beschleunigungsgesetz eingeführt, das hieß: Wenn alle 42 Träger der öffentlichen Belange nichts gegen ein Bauvorhaben haben, wird sofort genehmigt, ohne Planungsfeststellungsverfahren. Dadurch konnten schon nach drei, vier Monaten Bauprojekte beginnen.

Und waren alle begeistert von Ihren Neuerungen?

Ach, die waren überhaupt nicht begeistert. Damit ich diese Dinge durchbekomme, musste ich zwei Abteilungsleiter entlassen. Ohne Kohl zu fragen. Im Bundesministergesetz steht, dass der Bundesminister für die Berufung und Abberufung der politischen Beamten zuständig ist, nicht der Bundeskanzler. Also habe ich bei Weizsäcker angerufen, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte: Herr Bundespräsident, ich will den Osten schnell voranbringen, ich habe hier zwei Typen, die sind nicht bereit, etwas zu verändern. Wenn ich das nicht mache, geht der Osten stehend k. o. Weizsäcker machte mich auf Kohls Reaktion aufmerksam. Ist mir egal, habe ich gesagt. Machen Sie die Entlassungsurkunden fertig!

Und Kohl hat getobt?

Ja, Juliane Weber, die Büroleiterin Kohls, rief an: Günther Krause, was haste denn nun wieder gemacht! Der Kanzler tobt! Einer der Abteilungsleiter war einer seiner besten Freunde. 14 Tage später hat mir Kohl auf die Schulter geklopft und gesagt: War richtig.

Sie waren in Bonn in der ersten Zeit recht beliebt …

… ich glaube auch bis zum Schluss, weil ich in kurzer Zeit viel geschafft habe. Die Bauzeiten waren schneller als in China oder Japan. Nur, weil ich es gemacht habe, wurde nicht drüber geredet. Mich hat die Presse schlecht behandelt, und ich hatte das Prinzip nicht verstanden.

Welches Prinzip?

Dass ich nicht für meine Arbeit von den Bürgern bewertet werde, sondern danach, was die Bürger über mich lesen und hören.

Sie haben die Presse unterschätzt?

Völlig. Nehmen Sie nur das Beispiel Berliner Zeitung. Die haben die Schlagzeile rausgebracht: Krause lässt sich die Putzfrau vom Arbeitsamt bezahlen. Die Realität war: Unsere Ehe war fast kaputt, und damit meine Frau ab und zu mit nach Bonn konnte, suchten wir jemanden, der die Kinder betreut und den Haushalt macht. Das war eine 51-jährige Langzeitarbeitslose aus Bad Doberan, die das unbedingt machen wollte. Und die gesetzlichen Vorgaben von Norbert Blüm für die neuen Bundesländer waren: Wer eine Langzeitarbeitslose für mehr als zwei Jahre einstellt, bekommt die Sozialleistungen vom Staat bezahlt. Für Familie Krause durfte das nicht gelten, weil man mich in Bonn abschießen wollte.

Dieser Staat ist doch in dieser Form, in der er jetzt existiert, nicht mehr reformfähig.

Günther Krause

Warum wollte man Sie abschießen?

Weil ich in Bonn gesagt habe, ihr seid doch verblendet, ihr Wessis. Ihr konntet immer aus dem Vollen schöpfen. Dieser Staat ist doch in dieser Form, in der er jetzt existiert, nicht mehr reformfähig. Und da komme ich wieder auf mein Buch: Wir sind permanent umgeben von einer nicht sichtbaren Strahlung, einer natürlichen, aber auch von Elektrostrahlung, Smog oder Handys. Das sind die Neutrinos. Und wenn sie einen Physiker fragen, ob man die Strahlung in Energie umwandeln kann, sagt der, das geht nicht, weil es keinen Stoff gibt, der das Durchfliegen der Neutrinos behindert. Dann sagt ein Ingenieur, der im Osten ausgebildet wurde …

Also Sie …

… dann müssen wir etwas entwickeln, dass das geht. Das ist der große Unterschied zwischen dem Wessi und dem Ossi. Wir haben gelernt zu improvisieren, zu knaupeln, zu tun und zu machen. Wir haben jetzt seit 2016 ein Patent für unser Verfahren eingereicht.

Es gibt aber viele Leute, die sagen, das funktioniert nicht, die Neutrinos interagieren zu schwach mit der Materie.

Die Wahrheit ist, dass pro Atom pro Sekunde 60 bis 100 Neutrinos ihre Energie abgeben. Nicht nur eins. Jetzt, wo wir uns hier unterhalten, kommen pro Sekunde 60 Milliarden Neutrinos pro Quadratzentimeter an, und das permanent.

Das ist ein bisschen unheimlich.

Ja, wir spüren sie nicht, die Neutrinos. Trotzdem ist das der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Warum, glauben Sie, sagt der große Teil der Wissenschaft, dass das Quatsch ist?

Galileo Galilei musste auch  500 Jahre warten, bis die Kirche gesagt hat, die Welt ist eine Kugel. Rudolf Diesel musste 20 Jahre warten, bevor man akzeptierte, dass der Diesel-Motor besser ist als die Dampfmaschine.

Sind die Neutrinos so ein bisschen wie Ihre Champignons im Keller damals?

Naja, es ist nicht nur eine Idee, es funktioniert ja. Das sagen auch die Russen und das MIT in den USA. Entweder wollen wir den Planeten retten oder nicht. Wir haben nur 40 Prozent erneuerbare Energien. Gehen Sie mal durchs Land und fragen, wer noch bereit ist, neue Windmühlen in seinem Garten zu haben!

Haben Sie Ihr Neutrino-Konzept mal Robert Habeck oder Annalena Baerbock vorgestellt?

Nein, mit den Leuten will ich nichts zu tun haben, das sind doch die, die meinen, Elektromobilität ist schön, fragen aber nicht danach, woher der Strom in der Steckdose kommt.

Biografie

Günther Krause, 1953 in Halle (Saale) geboren, studiert in Weimar Informatik und Ingenieurswesen. 1975 tritt er der DDR-CDU bei, wird 1987 CDU-Kreisvorsitzender in Bad Doberan und 1990 CDU-Landesvorsitzender. Als Staatssekretär der letzten DDR-Regierung verhandelt er mit Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag, anschließend wird er Bundesverkehrsminister, muss aber 1993 wegen verschiedener Affären zurücktreten und gründet eine Firma für Heizkostenabrechnung in Osteuropa. Immer wieder bekommt er es mit Steuerfahndungen und Hausdurchsuchungen zu tun – verurteilt wird er nie. Gerade hat er das Buch „Das ewige Licht“ veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie er mit der „Neutrino-Technologie“ die Energieprobleme unserer Welt lösen will. Günther Krause ist verheiratet, hat sechs Kinder und elf Enkelkinder.

Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen? Ist Ihnen vielleicht auch Ihr schneller Aufstieg zu Kopf gestiegen?

Glaube ich nicht. Dieser Druck war schwierig, ich hatte ja keine Erfahrung. Alles, was ich konnte, war Probleme lösen. Kohl hat gesagt: Erst der Bauch und dann der Kopf. Ich habe es umgekehrt gemacht. Mir doch egal, wie die Mehrheiten sind. Wir können doch nicht Dinge machen, die die Bevölkerung beruhigen, aber uns langfristig noch größere Probleme bereiten. Bei Kohl hatte ich einen Stein im Brett. Auch Dr. Ludewig hat in seinem Buch „Unternehmen Wiedervereinigung“ geschrieben: Ohne Günther Krause hätte die deutsche Einheit höchstwahrscheinlich nicht stattgefunden. Weil ich den Wessis verschiedene Zähne gezogen habe und weil ich unberechtigte Forderungen der Ossis ausgeschlagen habe.

Sie haben 1995 prophezeit, im Jahr 2000 rollt der Osten den Westen auf. Es ist aber nicht passiert.

Na, doch, der Osten hat schon den Westen aufgerollt, indem wir leider neben der CDU eine andere Partei haben, die sich bürgerlich nennt, aber nicht bürgerlich ist. Und die Infrastruktur ist im Osten definitiv besser als im Westen.


Wolfgang Schäuble und Günther Krause bei der Unterzeichnung des Einigungsvertrages. 
Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Sagen Sie, dieser Stift, mit dem Sie die ganze Zeit spielen, ist das der Montblanc, mit dem Sie den Einigungsvertrag unterschrieben?

Ja und nein. Meiner hatte versagt, und dann habe ich den genommen.

Warum haben Sie und Schäuble den Einigungsvertrag unterschrieben und nicht de Maizière und Kohl?

Weil Kohl das festgelegt hat. Er hat gesagt: Ihr habt die Arbeit gemacht, und ihr unterschreibt auch.

Da gibt es aber noch eine andere Version der Geschichte: Kohl soll sich geweigert haben, nach Berlin zu kommen, er wollte in Bonn unterschreiben oder im Reichstag, aber nicht in Ost-Berlin.

Kohl hat sich nicht geweigert, nach Berlin zu kommen. Er hat gesagt: Ich will da nicht neben dem dünnen de Maizière sitzen, und ich mache mich dann wieder als Birne breit.

So großzügig war er?

Ja, logisch. Er wollte das Bild nicht.

Aber das berühmte Gruppenbild vorm Reichstag am 3. Oktober sagt genau das aus.

Sie müssen wissen: De Maizière und Kohl waren wie Feuer und Wasser. De Maizière hat mal zu Journalisten gesagt: Wenn ich in einen Raum komme, wo Kohl ist, habe ich das Gefühl, der Raum ist schon voll. Das Ergebnis war, dass de Maizière zu mir sagte: Ruf mal Kohl an und frag mal, wie wir das machen wollen. Oder dass Kohl anrief und sagte: Kannste mal mit de Maizière darüber reden. Das war meine Scharnierfunktion, und die war häufig unangenehm.

Wo waren Sie denn auf dem Foto vorm Reichstag?

In der dritten oder vierten Reihe. Kohl wollte, dass ich mit vorgehe. Ich wollte aber nicht.

Wie war Ihnen zumute?

Es ist geschafft, ich war froh.

Auch gerührt?

Natürlich ist man da gerührt. Viel später hätte es auch nicht sein dürfen. Die Umbruchsituation war kompliziert, auch die Diskussion zum 3. Oktober. Lothar de Maizière wollte den 14. Oktober haben. Wollte ich nicht.

Warum nicht?

Weil ich immer gesagt habe: Was willste denn zum 41. Jahrestag der DDR am 7. Oktober sagen? Willste dich verabschieden? Ne Rede halten? Kohl wollte den 6. Oktober. Dann hätte er sagen können: Wir sind froh, dass es die DDR nicht mehr gibt. Sie hätte morgen Geburtstag gehabt.

Zum 60. Geburtstag Kohls ist de Maizière nicht geflogen. Das war sein Fehlstart. 

Günther Krause

Die Wiedervereinigung wurde bei jenem mysteriösen Treffen am Wolfgangsee verhandelt. Es gibt das Gerücht, dass Kohl de Maizière mit dessen Stasi-Akte unter Druck gesetzt hat. Sie waren dabei, wie war es?

Völliger Quatsch das mit der Stasiakte. Kann natürlich sein, dass ich gerade Klavier gespielt habe.

Sie haben das Deutschlandlied gespielt, sagt de Maizière.

Ja, aber nicht nur. Auch so ein Potpourri. Am Wolfgangsee ging es darum, ob der Wahltermin vorgezogen wird. Darauf hatten sie sich geeinigt. Der Fehler war, dass de Maizière am nächsten Tag damit an die Presse gegangen ist. Das war nicht verabredet. Es war ja nicht das erste Mal, dass er sich ungeschickt verhalten hat. Zum 60. Geburtstag Kohls ist er auch nicht geflogen. Das war schon de Maizières Fehlstart. Obwohl Kohl viel Wert darauf gelegt hat.

Das ist aber auch ein bisschen so wie: Der König empfängt. Oder?

Was heißt, der König empfängt – Kohl war der Kanzler der Bundesrepublik.

Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben nicht geschafft haben?

Ich bin bekennender Christ, und ich habe es nicht geschafft, meine erste Ehe glücklich über die Bühne zu kriegen. Nach 23 Jahren haben wir uns scheiden lassen. Vor der Wende haben wir eine sehr gute Ehe geführt. Aber wenn sie in Bonn arbeiten und in Börgerende wohnen, kommen Sie frühestens Sonnabendnachmittag zu Hause an und sind hundemüde. Ich habe meine Frau verstanden, dass sie das nicht mehr wollte. Es gab Morddrohungen, einen Attentatsversuch, die Kinder in der Schule wurden angepöbelt, mein jüngster Sohn hat Selbstverteidigung, Karatetraining, gemacht und die anderen Geschwister verteidigt. Mein Sohn hatte mit 17 in den USA den Führerschein gemacht und ist Auto gefahren …

Das war Ihre Führerschein-Affäre …

Ja, man hat versucht, ihn in Verkehrsunfälle reinzuziehen, ihn überholt, auf der Autobahn geschnitten.

Wer hat das versucht?

Journalisten, die „Bild“-Zeitung. Er hat Personenschutz bekommen. Also, ich würde wahrscheinlich heute nicht wieder Politiker werden.

Die Öffentlichkeit war bei allem dabei, und wenn der Name Günther Krause heute fällt, heißt es gleich, ah, Steuerfahndung, Hausdurchsuchung.

Aber es ist ja nichts dabei rausgekommen. Ich bekomme regelmäßig Schreiben von der Staatsanwaltschaft, ich soll meine Akten abholen, nichts passiert.

Wie viele Strafverfahren hatten Sie denn?

Ich glaube, drei.

Und wie viele Steuerfahndungen?

Ein paar, aber ich bin nie verurteilt worden.

Wie oft waren Sie pleite?

Nie.

Insolvent?

Zweimal.

Wie viele Kinder haben Sie?

Drei und drei. In der zweiten Ehe noch drei Töchter, angeheiratete.

Wie viele Enkelkinder?

Elf.

Wie viele Autos?

Kein Auto. Gehört meiner Frau.

Wie viele Häuser?

Auch die gehören meinen Frauen.

Warum gehört denn alles Ihren Frauen?

Einer muss das Vermögen haben, der andere geht die Risiken ein. Das machen eigentlich alle vernünftigen Geschäftsleute so.

Wie viele gute Freunde haben Sie?

Vielleicht eine Handvoll.

Wie viele Feinde?

Einen ganzen Sack voll.

Warum waren Sie Anfang dieses Jahres im Dschungelcamp?

Um über die Neutrinos zu berichten.

Und Sie mussten dann gleich am ersten Tag aussteigen?

Ja, weil ich einen Kreislaufkollaps hatte. Ich empfehle keinem in meinem Alter, in den Dschungel zu gehen.

Was werden Sie in diesem Jahr zum 3. Oktober machen?

Mit meiner Frau zusammen sein. Ich bin nicht eingeladen zur Einheitsfeier am 3. Oktober. Das Land Brandenburg hält es nicht für notwendig, den Unterzeichner des Einigungsvertrages einzuladen.