Rainer Eppelmann bei einer Feierstunde zum Jahrestag des Mauerfalls. 
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BerlinDer große Abrüster und Aufarbeiter: Ausgerechnet der DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann wird Minister für Abrüstung und Verteidigung der letzten DDR-Regierung. Eppelmann empfängt an seinem Arbeitsplatz, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin-Mitte. Als Erstes stellt er einen Grenzturm aus Holz auf den Tisch, den ihm die Grenztruppen Anfang 1990 überreichten. Dazu einen Rahmen mit zwei Orden.

Berliner Zeitung: Tolle Orden!

Rainer Eppelmann: Die Sie noch nie gesehen haben – und die kein einziges Mal vergeben wurden. Die Orden waren gedacht für den siegreichen Krieg gegen den Aggressor Bundesrepublik Deutschland und die Nato. Die waren kistenweise vorbereitet. Zum Glück sind sie nie vergeben worden. Ich hab sie gefunden, als ich aufgeräumt habe als Minister. Ich hatte ja die Aufgabe, abzurüsten. Am Ende gab es die NVA, die Nationale Volksarmee, nicht mehr.

Und was hat es mit dieser Krawatte mit schwarz-rot-goldenen Streifen und diesen gebogenen Schwertern auf sich?

Immer wenn ich ausländische Politiker traf, gab ich ihnen so eine Krawatte: Nie mehr Auschwitz, nie mehr Überfall auf Polen. Sondern Schwerter zu Pflugscharen.

Das ist aus einem Bibeltext, den Sie in ihren Blues-Messen gelesen haben. Sie waren ja Pfarrer, Pazifist und Bürgerrechtler, haben den Armeedienst verweigert, kamen dafür ins Gefängnis. Warum sind ausgerechnet Sie Verteidigungsminister geworden und damit Oberkommandierender einer Volksarmee?

Nicht Verteidigungsminister. Abrüstungsminister!

… und wie kam das?

Das weiß ich auch nicht so genau. Schließlich war das Verhältnis zwischen mir und Lothar de Maizière immer spröde, wir duzen uns erst seit ein paar Jahren. Er ist ein sehr sensibler Mensch, und ich war eben der Maurer und Pfarrer aus Friedrichshain. Ich hatte ihn als Rechtsanwalt immer wieder in Anspruch genommen, wenn Leute den Dienst mit der Waffe verweigern wollten oder Rechtsschutz brauchten im Umgang mit den Einberufungen. Und als unser Parteienbündnis „Allianz für Deutschland“ die ersten freien Volkskammerwahlen klar gewonnen hatte, dachte ich, dass er mich als Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs eigentlich fragen müsste, ob ich mitmachen wolle.

Und dann hat er gefragt. Am Telefon?

Nein, unter vier Augen. Ich hatte mir vorher überlegt, wenn er dich fragt – was kannst du überhaupt? Ich hatte ja einen anständigen Namen und wollte mich nicht tödlich blamieren. Drei A's hätte ich mir zugetraut: Auswärtiges, Arbeit und Soziales oder Abrüstung und Verteidigung. Also gab es fortan ein Ministerium für Abrüstung und Verteidigung – erstmalig und leider bisher immer noch einmalig.


Was hätte denn aus ihnen werden sollen? Arbeitslos, alle, sofort.

Rainer Eppelmann


170.000 Soldaten und Offiziere waren in Ihrer Verantwortung. Sie sollten abrüsten, die Armee abbauen, angeblich auch noch sozialverträglich. Wie macht man das?

Als ich Minister wurde, haben Katja Havemann und Bärbel Bohley in einer Zeitung annonciert: „Rainer, wir schämen uns für dich, dass du dieses Amt übernommen hast.“ Nach dem Motto: Wenn schon dieses Amt, dann hätte ich wenigstens sofort die NVA abschaffen müssen. Aber das wäre ganz falsch gewesen. Wenn ich als Erstes gesagt hätte: „Danke, meine Herren – damals waren es nur Männer –, Sie können alle nach Hause gehen, es gibt Sie nicht mehr“, was hätte denn aus ihnen werden sollen? Arbeitslos, alle, sofort. Was hätte es für die Abrüstungsverhandlungen zwischen dem Warschauer Vertrag und dem westlichen Gegenstück, der Nato, bedeutet? Menschlich kann ich es verstehen. Aber politisch und realistisch wäre es verantwortungslos gewesen.

Sie forderten früher den kompletten Abzug der Nato. Als Sie dann selbst Verantwortung hatten, klangen Sie nicht mehr so radikal. Hat sich Ihr Blick verändert?

Ich stand jetzt in einer politischen Verantwortung und hatte für 170.000 Menschen auch ökonomisch betrachtet Verantwortung. Und ich wusste: Die sind alle bewaffnet. Wir nicht. Was, wenn die jetzt auf den Gedanken kommen … Wir wären so was von in den Hintern gekniffen! Man darf nicht vergessen: Wenn der entsprechende Befehl gekommen wäre, wären beide Seiten jederzeit bereit gewesen, aufeinander loszugehen.

Hatten Sie da Angst?

Ich hatte Sorge, dass die alle sagen: „Ich hab sowieso keine Chance mehr und dann ist mir das – Entschuldigung – scheißegal, was aus dem Ganzen wird.“ Daher wusste ich auch bei der ersten Kommandeurstagung Anfang Mai 1990 in Strausberg mit 300, 400 Kommandeuren der NVA: Die musst du jetzt gewinnen.

Und wie?

Ich habe versucht, deutlich zu machen: Das heißt jetzt nicht für euch alle das Ende.

Wie haben die Sie wahrgenommen, Sie waren ja quasi der Feind.

Richtig. Aber ich bin kein einziges Mal – zumindest nicht offen – beschimpft worden, sondern die haben sich korrekt verhalten, auch nachher im Umgang mit den Offizieren der Bundeswehr. Auf meine Bitte hin hat eine kleine Gruppe aus Offizieren und Zivilpersonen in Strausberg überlegt, wie man die Strukturen zusammenbringen kann. Ich war bei den ersten Gesprächen nicht dabei, das muss voller Misstrauen und Kälte gewesen sein. Da sollten plötzlich vorherige Feinde über eine Zusammenarbeit verhandeln. Die Offiziere, Generäle und Berufsunteroffiziere kannten ein System, in dem sie nach einer bestimmten Zeit einfach einen Dienstrang höher rückten, wenn sie sich nichts zuschulden kommen ließen: feste Arbeitsstelle, festes Gehalt, anständige Rente. Dann war plötzlich alles offen. Ich habe gesagt, dass nicht alle übernommen werden. Aber dass ich dafür kämpfen würde, dass möglichst viele von denen, die wollen, auch aufgenommen werden – also im Prinzip in die Armee des Feindes. Und es wurden dann auch 11.500 Armeeangehörige der NVA in die Bundeswehr übernommen.

Rainer Eppelmann, letzter DDR-Verteidigungsminister, im September 2020. 

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Stasiakten vieler Offiziere und Soldaten wurden vernichtet. Wollten Sie so Ihre Leute schützen?

Ganz so stimmt das nicht. Als ich den General für Aufklärung besuchte, legte er mir einen Befehl hin, den ich unterschreiben sollte: dass ich für die Vernichtung aller Akten bin. Da meinte ich, dass er wohl nicht erwarten könne, dass ich einen Befehl unterschreibe, von dem ich nicht weiß, was drin steht, und wo ich mir nicht mal eine Minute Gedanken machen kann, welche Konsequenzen das hat. Es ging darum, dass DDR-Angehörige, die in Militärspionage gegen die BRD verwickelt waren, nicht vor Gericht gestellt werden können. Weil man umgekehrt auch keinen Westdeutschen bestraft hätte, weil er in der DDR Spionage betrieben hat. Aber die Akten der westdeutschen Bürger wiederum, die im Auftrag der DDR in der BRD spioniert haben, hätten nicht vernichtet werden dürfen – wurden sie aber, alle. Er wollte wohl bloß eine Absicherung haben, „ich habe das nur getan, weil der Minister das gesagt hat“.

Die haben das eigenmächtig gemacht?

Na sicher. So wie die Stasi … Die fingen im November an, als klar war: Es besteht die Gefahr, dass sie nicht ewig die Macht behalten.

Manche sagen ja, dass die Revolution auch deshalb so friedlich geblieben ist, weil Armee und Grenztruppen nicht zu den Waffen gegriffen haben. 

Wobei es auch brenzlige Situationen gab, zum Beispiel als im Vorfeld der Riesendemo am 9. Oktober Einheiten um Leipzig lagen. Die Truppen wurden wochenlang vorbereitet, durften keine Zeitungen mehr lesen, kein Radio mehr hören, Informationen bekamen sie nur durch ihre Offiziere. Als dann kein Befehl kam, sind sie zurück in ihre Kaserne und haben Einrichtungsstücke zertrümmert. Bis heute weiß keiner, warum. Aus Jubel? Aus totalem Frust? Jedenfalls: Wenn sie den Befehl bekommen hätten, sie hätten geschossen oder wären marschiert, das haben die meisten ehrlicherweise zugegeben.

Und warum kam der Befehl nicht?

Wir hatten zu der Zeit an der Spitze der DDR einen ewigen Funktionär, der immer das machte, was sein Chef sagte. Und auf einmal war er der Oberste. Egon Krenz hätte etwas sagen müssen, konnte es aber nicht. Wir waren ein Staat, in dem letztlich einer – der Generalsekretär – alles bestimmte. Und jetzt hatten wir erstmals einen Generalsekretär, der damit Probleme hatte. Das war unser Glück: Wenn an der Stelle noch Honecker gewesen wäre, wäre das alles anders gelaufen …


Biografie

Rainer Eppelmann wurde 1943 in Berlin geboren. Abitur konnte er nicht machen, weil er kein FDJ-Mitglied war. Also arbeitete er erst einmal als Dachdecker und Maurer, verweigerte 1966 den Dienst an der Waffe in der NVA und wurde zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach einem Theologiestudium war er Pfarrer in der Samariterkirchengemeinde im Bezirk Friedrichshain, wo er auch die legendären „Blues-Messen“ organisierte, die von der Stasi geduldet wurden. 1982 rief er im „Berliner Appell“ zur Abrüstung in Ost und West auf und engagierte sich in der DDR-Opposition. Eppelmann war Gründungsmitglied und später Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs. Ab März 1990 war er Minister für Abrüstung und Verteidigung und somit Mitglied der Volkskammer der DDR bis zur Wiedervereinigung. Als Mitglied des Deutschen Bundestags blieb er noch bis 2005 in der Politik. Heute engagiert er sich für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und ist Schirmherr des Mauerweglaufs, mit dem an die Opfer der Berliner Mauer erinnert wird.


Zurück zur Zeit vor der Einheit: An welchem Punkt haben Sie gesagt: „Es kann jetzt nur auf eine schnelle Einheit hinauslaufen.“ Immerhin haben Sie ja noch im Herbst ’89 für eine engere Zusammenarbeit mit der erneuerten SED geworben. Was ist da passiert?

In den Papieren, die wir als Demokratischer Aufbruch im Oktober und im November verfasst haben, haben wir natürlich nicht von deutscher Einheit schreiben können. Auch nicht vom Machtverzicht der SED. Wir wären sofort eingesperrt worden. Und wir wussten, im Knast kannst du die DDR nicht verändern. Also überleg dir deine Schritte genau. Deswegen haben wir mit dem Rechtsanwalt Wolfgang Schnur – von dem wir ja nicht wussten, dass der alles gleich brühwarm an die Stasi weitererzählt – besprochen, wie weit wir gehen können. Wer die Papiere verstehen will, darf nicht von heutigen Maßstäben ausgehen. Wir agierten damals in einer Diktatur, die zuvor noch jeden kleinen Protest auch mit Gewalt niedergeschlagen hatte.

Die  Stimmung veränderte sich ja auch rasend schnell  …

Ein Beispiel, woran das deutlich wird: 95 Prozent aller wahlberechtigten DDR-Bürger sind am 18. März 1990 zur Wahl gegangen. Davon haben über 80 Prozent die Parteien gewählt, die gesagt haben: Wiedervereinigung, ja bitte, so rasch und so gut wie nötig. Die einzige Partei, die die DDR behalten wollte, war die Gysi-Partei. 80 bis 85 Prozent aller DDR-Bürger haben in den Westen geguckt und dem Neuen Deutschland, auch der Berliner Zeitung, nicht mehr geglaubt, dass es denen im Westen so viel sauschlechter geht als uns in der DDR. Die wollten vergleichbar leben.

Lothar de Maizière hat uns von dem Druck in dieser Zeit erzählt, dass er sich quasi nur noch von Zigaretten und Kaffee ernährt hat, und er fühlt sich noch heute, 30 Jahre später, ungerecht behandelt, und bedauert, dass man in den Verhandlungen nicht mehr rausgeholt hat. Wie sehen Sie das?

Ich glaube nicht, dass man mehr rausholen konnte. Womit hätten wir drohen sollen? Dass wir gegen den Willen der Wähler sagen: Wir machen keine Einheit? Wir brauchten Geld! Dazu kam, dass immer noch Tausende abhauten, auch nachdem die Mauer geöffnet war. In großen Städten sind teils Straßenbahnen nicht mehr gefahren, weil die Leute in den Westen abgehauen waren. Oder, das erzählte Wolfgang Berghofer: Es gab noch einen Dachdecker in ganz Dresden! Alle anderen waren weg. Kohl meinte mal, sicher weniger bösartig als naiv: „In sieben Jahren geht’s denen in Dresden genauso gut wie denen in …“ Ich weiß nicht mehr, welche westdeutsche Stadt er nannte. Aber das war natürlich Quatsch. Ich glaube, Marianne Birthler hatte recht: Das wird drei Generationen dauern. So lange, wie die DDR gedauert hat. Das heißt, da verhandelten zwei ökonomisch nicht Gleichstarke, die auch noch total verunsichert waren. Wir wussten bloß, wir wollen nicht mehr, was wir vorher hatten. Aber keiner von uns hatte sich damit in öffentlichen Debatten intensiv beschäftigen können, wie eine demokratisierte DDR aussehen könnte. So eine Diskussion zu führen, dafür wäre man ja eingesperrt worden.

Aber diese Diskussion gab es ja dann 1990.

Aber unter was für einem Druck! Zahllose Gesetze, viele davon mit verfassungsänderndem Charakter. Ich habe nie in der Länge und der Intensität arbeiten müssen wie in der Zeit!

Sie sagen, Sie hätten nicht mehr rausholen können. Aber Sie haben ja am Runden Tisch mitverhandelt. Wenn Sie jetzt ein bisschen träumen könnten, was hätten Sie gern gehabt?

Mehr Zeit! Das hatten wir praktisch überhaupt nicht in der Hand. Das hing von der Sowjetunion ab. Es ist doch nicht im Herzen und im Kopf von 17 Millionen auf einmal alles anders. Und ich bin traurig über den Abschied der Soldaten. Die Westalliierten wurden am Brandenburger Tor verabschiedet – die sowjetischen Truppen blieben außen vor. Das war eben beschlossen und dabei blieb es. Wir wurden da nicht gefragt. Dann war ich dabei und bin bis heute gerührt, dass die das tatsächlich bis zuletzt durchgehalten haben. Und wenn man weiß, was zwischen Deutschland und der Sowjetunion war, was wir denen angetan haben … Die marschierten ab, anständig im Gleichschritt und mit dem Absingen eines deutschen Volksliedes. Das war richtig berührend.


Wer sich heute noch zweiter Klasse in der DDR fühlt, sollte sich bitte daran erinnern, dass er vorher dritte oder vierte Klasse war.

Rainer Eppelmann


Es gibt eine neue Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, nach der 60 Prozent der Ostdeutschen sich immer noch als Bürger zweiter Klasse fühlen.

Das finde ich schon einen Erfolg.

Ja?

Natürlich! Wir waren ja Bürger vierter Klasse! Ein Beispiel: In der Gemeinde, in der ich Pfarrer war, hatten zwei alte Damen lange gespart für eine Woche Budapest. Und kamen völlig geknickt wieder. Sie erzählten, dass sie in Budapest – in einem befreundeten sozialistischen Land – essen waren. Bis der Kellner sie rausschmiss und aufforderte, sofort zu bezahlen: Vor der Tür standen zwei Westdeutsche, die in D-Mark bezahlten. Also wer sich heute noch zweiter Klasse in der DDR fühlt, sollte sich bitte daran erinnern, dass er vorher dritte oder vierte Klasse war. Sicher, wenn Leute beklagen, dass sie ihren Kindern weniger vererben können als vergleichbare Westdeutsche, dann muss man bedenken: Die konnten 40 Jahre länger wirtschaften und Erfolg haben als wir. Das wird drei Generationen dauern. Außerdem: Menschen zweiter Klasse – woran misst man das? An den Superreichen in dieser Welt?

An der Wirtschaftsleistung, der Besetzung von Spitzenämtern, der Bezahlung. Natürlich vergleicht man sich mit Westdeutschland und nicht mit der Slowakei.

Sollten wir aber. Keiner in den 30 Jahren hat es so weit gebracht wie wir – ist das gar nichts wert? Ich kann ja verstehen, dass man sagt: Denen in Frankfurt am Main geht’s immer noch besser. Aber uns ging es noch nie so gut wie heute.

Aber das ist nicht die Gefühlslage im Land …

Das ist für mich auch im Hintergrund der gegenwärtigen Debatte. Ich habe jetzt wieder ein paar Veranstaltungen zu 30 Jahre Deutschland. Mein Thema wird sein: „Uns ging’s noch nie so gut wie heute.“

Sie haben ja auch diverse Aufrufe unterzeichnet, in denen es darum geht, wie die AfD die Wendezeit für sich vereinnahmt.

Unsere Worte und Formulierungen zu kapern, finde ich unverschämt.

Warum fällt das auf fruchtbaren Grund?

Vielleicht haben viele vergessen, wie es war. Oder es fehlt das Interesse. Wer sagt, das ist ja wie in der DDR, dem sage ich: Kannst du dich noch erinnern, dass du kein Abi machen durftest, weil du den falschen Vater hattest? Ich habe den Eindruck, es ist auch ein intellektuelles Problem. Da muss man sich schon ein bisschen detailliert mit befassen. Es ist auch ein Stück Verärgerung.


Rainer Eppelmann 1990 während einer Volkskammersitzung.
Foto: imgao/Stana

Nach 1990 waren Sie in der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“. Die hat sich sehr auf die Analyse der Stasi-Akten konzentriert. Sehen Sie das im Nachhinein als Fehler? War das zu schwarz-weiß?

(Eppelmann steht auf, geht zu einem der Regale und zeigt auf zwei Bücherreihen.)

Das sind die Protokolle, die wissenschaftlichen Arbeiten und die Parlamentssitzungen zum Thema der ersten und zweiten Enquetekommission. Davon haben vielleicht zwei von 34 irgendwas mit der Stasi zu tun.

Da ist die öffentliche Wahrnehmung etwas anders.

Aber das entspricht nicht der Realität, das hat mit der Behörde zu tun! Da sind ein paar Tausend Mitarbeiter. Hier in der Stiftung sind 31. Bei uns kommt die Stasi am Rande vor, als „Schild und Schwert“ der Partei, der SED – wie es sich gehört. Die 17 Millionen DDR-Bürger haben nicht alle für die Stasi gearbeitet und sind auch nicht alle von der Stasi begutachtet oder verfolgt worden. Also mir fällt kein Bereich des Lebens ein, der da keine Rolle gespielt hat – das waren immerhin sechs Jahre, die wir gearbeitet haben: Welche Freiheiten, welche Möglichkeiten hatten Künstler? Inwieweit war das Recht in der DDR unangreifbar und allgemein unverbindlich? Wer hat Entscheidungen in der Wirtschaft getroffen? Wie ist die SED an die Macht gekommen, wie hat sie die gefestigt?

Also Sie würden sagen, die Aufarbeitung ist geglückt?

Naja, die ist ja noch am Laufen. Wir sind die einzige Aufarbeitungs- und Fördereinrichtung zur DDR- und Teilungsgeschichte, zu der alle Menschen kommen können, die sich für die deutsche Geschichte interessieren und ein Archiv einrichten, Ausstellungen machen, eine Arbeit dazu schreiben wollen und dafür Geld brauchen. Monika Grütters, die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, kann Projekte unterstützen, die von internationaler oder gesamtstaatlicher Bedeutung sind. Aber wenn jemand kommt und sagt: Ich will die Teilung meines Dorfes in Thüringen darstellen, wir wollen Zeitzeugen dazu befragen – die können bloß bei uns Geld und Beratung beantragen. Und wir bekommen dafür inzwischen fast sechs Millionen Euro vom Bund im Jahr; auch das ist eine Leistung, dass die Bundesrepublik dieses Geld jedes Jahr bereitstellt.

Wie haben Sie den 2. Oktober erlebt?

Am Abend wurde ich alle Privilegien des Ministers los, den Personenschutz, alle Vergünstigungen, das Dienstauto. Der Personenschutz war bedeutend, weil mir noch wenige Wochen vorher gesagt wurde, ich stehe auf der Abschussliste der RAF an vierter Stelle. Ich hatte in Strausberg praktisch die Reste der NVA übergeben.


Uns war klar: Das ist ein Abschied. Jetzt beginnt etwas völlig Neues und eine gewaltige Herausforderung.

Rainer Eppelmann


Waren Sie bei der großen Feier am Reichstagsgebäude?

Ich hatte eine Einladung, bin aber nicht hin. Nicht aus Verbitterung, weil ich nun keinen Dienstwagen mehr hatte, sondern weil ich mit der Familie feiern wollte und mit denen aus der Gemeinde, die mitgekämpft haben, die mitversucht haben, in dieser DDR etwas zu verändern. Irgendwie war es aber kein richtiges Fest. Auf der einen Seite waren wir froh, dass wir nicht ganz erfolglos waren. Aber es lagen auch die ganzen Verhandlungen zwischen uns. An einer Hauswand in der Samariterstraße, meiner früheren Gemeinde, war ein Schild: „Rainer führt uns in die Nato.“ Das war eine merkwürdige Situation. Ein bisschen Wehmut, ein bisschen Stolz. Manche auch mit Frust. Wir wollten die Geschichte nicht zurückdrehen, um Gottes willen! Aber uns war klar: Das ist ein Abschied. Jetzt beginnt was völlig anderes, was Neues und eine gewaltige Herausforderung. Und es ist anders, als wir es uns möglicherweise erträumt haben: kein buntes Schlaraffenland. Kannst du haben, aber dafür musst du hart arbeiten – denen im Westen ist das auch nicht in den Schoß gefallen, die haben oft härter, viel härter, dafür gearbeitet, als uns das bewusst war. Und wir wussten, dass das Leben auf einmal für jeden mehr Risiken und Auseinandersetzungen mit sich bringen und persönliche Entscheidungen fordern würde.

Im Job haben Sie abgerüstet, privat aufgerüstet. Oder stimmt das Gerücht nicht, dass Sie sich eine Pistole zugelegt haben?

Ich war ja damals verheiratet, hatte vier Kinder. Es gab nur noch Reste von Familienleben. Und immer, wenn wir das Haus verließen, waren diese Leibwächter im Abstand von wenigen Metern hinter uns, selbst bei der Hochzeit meines Bruders in München – da standen die dann neben dem Tisch. Ich hatte mich irgendwann dran gewöhnt. Meine Kinder fanden das aber fürchterlich. Einmal wollte ich mit meiner Familie Pilze suchen und wollte nicht, dass sie mitgehen. Da schlugen sie als Kompromiss vor, dass sie mir eine Pistole geben und ich mir erklären lasse, wie das Ding funktioniert. So konnten sie sagen, sie hätten für die Situation gesorgt. Dann habe ich einmal geschossen – und nie wieder.

Wenn man sich die damalige DDR-Regierung anschaut – eine, die es am weitesten geschafft hat und am längsten im Amt ist, ist Angela Merkel. Damals war sie ja stellvertretende Regierungssprecherin. Haben Sie sie damals entdeckt, im Demokratischen Aufbruch?

Das ist übertrieben. Also, ich fand sie vor. Eines Tages war sie da. Ich weiß inzwischen, dass sie im Herbst 1989 den Eindruck gewonnen hatte: Jetzt kann man auch eigene politische Vorstellungen einbringen, was man vorher in der FDJ oder in der SED nicht konnte. Wir haben dann gesagt: Klar brauchen wir Hilfe, komm rein. Sie hat dann unsere ersten Computer mit eingerichtet. Und wurde Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs. Als wir dann Wolfgang Schnur rausgeschmissen haben, war ich zunächst amtierender Vorsitzender. Die erste Pressekonferenz zum Rauswurf Schnurs hat Merkel organisiert. Ich habe mich dann dafür eingesetzt, dass sie den Posten als stellvertretende Regierungssprecherin kriegt. Merkel hatte Glück, weil der Regierungssprecher Flugangst hatte. Heißt: Sie hat alle großen Reisen nach Paris, nach London, nach Moskau, nach Washington gemacht. Und da hat de Maizière gemerkt: Donnerwetter, die kann was.

Dann kamen die ersten gesamtdeutschen Wahlen im Dezember, Kohl bildete das erste gesamtdeutsche Kabinett. Und wie kam Angela Merkel dazu?

Lothar de Maizière hat wohl zu Kohl gesagt, dass er auch jemanden aus der DDR dazuholen sollte, wenn möglich auch jung und weiblich. Sie wurde dann bald Bundesministerin für Frauen und Jugend, und später machte Kohl sie zur Umweltministerin. Ihre Kollegen damals spotteten schrecklich. Und jetzt: Wir werden noch mal sehr traurig sein, wenn sie mal nicht mehr da ist.