Ein Buch vom Chef. Nein, nein, nicht von Frau Fehrle, nicht von Herrn Dr. Vorkötter, nicht von Franz Sommerfeld, sondern von dem, der nicht einfach mein Chef ist, sondern der Chef des Chefs meines Chefs, vom Allerobersten also, von dem Mann, dem die Berliner Zeitung gehört, jedenfalls große Teile davon, der die Frankfurter Rundschau gekauft hat, dem noch ein paar andere Zeitungen gehören. Alfred Neven DuMont heißt er, Jahrgang 1927. Vor zwei Jahren erschien sein erster Roman „Reise zu Lena.“ Heute erscheint „Vaters Rückkehr“.

Ein Buch, das gelesen werden wird. Aus einem einfachen Grund, der nichts mit literarischen Qualitäten zu tun hat: der Titel. Über Monate waren die Medien voll mit dem Konflikt zwischen Alfred Neven DuMont und seinem Sohn Konstantin. Der Konflikt endete mit der Entthronisierung des Sohnes und der Rückkehr des Vaters.

Konstantin Neven DuMont wurde 1969 geboren. Das ist exakt das Geburtsjahr des Erzählers in „Vaters Rückkehr“. Er heißt Karl und ist der Sohn. Die Geschichte hat natürlich nichts mit der zwischen Alfred und Konstantin Neven DuMont zu tun. In „Vaters Rückkehr“ geht es um einen Vater, der vor dreizehn Jahren verschwand und pünktlich zum 42. Geburtstag seines Sohnes zurückkommt und für Verwirrung sorgt.

Er becirct Ehefrau und Töchter des Sohnes, er begeistert alle mit seinen Reden und mit seinem Schweigen. Nach einer Woche verschwindet er wieder. Niemand weiß wohin. Man kann die Geschichte auch anders lesen: Als die Fantasie eines Sohnes über die Rückkehr des von ihm ermordeten Vaters. Eine etwas wilde Auslegung, aber wie soll man den Schlussdialog zwischen Karl und seiner nackten Mutter verstehen? „Sag mir, warum hast Du deinen Vater erschlagen?“ „Was für eine Frage! ... Ich will leben! Ist das zu viel verlangt? Nur leben …“

Von radikaler Wucht

Ein 84-jähriger Vater schreibt, nachdem er weit mehr als ein Jahr absorbiert war von einer Auseinandersetzung mit seinem Sohn um sein Lebenswerk, um eines der größten Verlagshäuser Deutschlands, ein Buch über einen Vater-Sohn-Konflikt aus der Sicht des Sohnes. Das ist mehr als interessant. Das ist von einer radikalen Wucht, auf die man im Literaturbetrieb nur selten trifft.

Der Hass des Jungen auf den Alten, der mit seinem Charme jeden Widerstand wegschmelzt, ist nur zu verständlich. Spiegelneuronen. Sie werden viel gepriesen als die Nervenzellen, die es uns erlauben, Mitleid zu empfinden. Wir vergessen dabei gerne, dass, wer die Fähigkeit besitzt, sich in andere, in deren Gefühlsleben, hineinversetzen zu können, sie besser beherrschen kann. Der Vater, der hier einen Vater-Sohn-Konflikt aus der Sicht des Sohnes beschreibt, der zeigt ihm, dass er sehr genau weiß, was in ihm vorgeht. Er zeigt ihm freilich auch, dass er ihm das nicht vorwirft.

Man ist versucht, diesen Roman als ein Angebot zu lesen. Ein vorbereitendes Papier zu Friedensverhandlungen. Der Autor wird das weit von sich weisen. Aber der Leser kann kaum anders. Bis ihm einfällt, dass der Vater auch einmal ein Sohn war. Dass, als er 1953 in den Verlag eintrat, der noch von Vater Kurt und Onkel August geleitet wurde. Es wird einiges auch aus diesen Erfahrungen in den Roman eingeflossen sein. Ein Vatermord ist freilich auch da nicht überliefert. Wir haben es also mit Fiktion zu tun.

Das merkt auch der schwerfälligste Leser allein schon an den sexuellen Aktivitäten des Sohnes, der stundenlang mit seiner Sekretärin Akten bearbeitet, dann streckt sie ihm „ihre stattlichen Brüste entgegen“, woraufhin er ihr „ein Küsschen rechts und links“ gibt und ihr dann „mit dem Zeigefinger über die vollen Lippen“ streicht.

Ein paar Schritte weiter wird der Erzähler – der 42jährige Karl – von einer Kollegin attackiert: „Als mich ihre Lippen endlich vereinnahmten und unsere Zungen sich berührten, sich umschmeichelten und die Schlange tiefer und tiefer in mich drang, entstand eine neue Welt.“ Sex im Büro! Das muss eine Fiktion sein. Unmöglich, dass unser Verleger dergleichen im Auge hat, wenn er davon spricht, dass er sich freut, wenn das Arbeitsklima in einer Redaktion gut sei.

Privilegien des oberen Managements

Vielleicht sind das aber die Privilegien des oberen Managements – der Karl der Erzählung ist nicht Erbe des Eigentümers, sondern er hat es in dem Unternehmen, in dem sein Vater nur Abteilungsleiter wurde, bis in den Vorstand geschafft – von denen wir kleine Angestellte nur träumen können.

Manchmal freilich bricht sich die Wirklichkeit Bahn. Wenn zum Beispiel der Erzähler schreibt: „... die freien Gedanken, die über alles herrschen.“ Das ist ein anderer Blick auf die Welt. Für uns Kleinbürger sind die Gedanken nicht nur darum frei, weil sie von niemandem beherrscht werden, sondern auch, weil sie nichts beherrschen. Hier spricht einer, der seit Jahrzehnten freier Unternehmer ist. Das ist etwas anderes als freie Gedanken. Das sind – manchmal – freie Taten. Die herrschen, die verändern. Die Gedanken sind frei, weil sie herrschaftsfrei sind.

Es werden ein paar Reden gehalten in diesem Buch. Ein Büro ohne Reden ist keines. Und das Büro spielt eine große Rolle. Der Sohn hält zum Beispiel eine Rede, mit der er großen Erfolg hat bei seinem Chef. Er wagt etwas. Er hat eine eigene Meinung. Aber diese Rede ist merkwürdig steif. Sie hat nichts von dem Feuer, das ihr attestiert wird. Sie raschelt. Sie ist aus Papier.

Schade. Aber das bedauernd, erinnert man sich. Wir denken bei diesen Szenen an Hollywoodfilme, an Plädoyers, an Tom Cruise oder Julia Roberts. Aber so sind die Reden in unseren Büros nicht. Sie sind aus Papier. Sie werden ungelenk vorgetragen. Sie richten sich an den Chef und nicht an das Publikum. Andersherum würden sie nicht funktionieren.

Mutig und distanziert

An wen richtet sich das Buch von Alfred Neven DuMont? An keinen Chef. Er ist der Chef. An ein Publikum? Ich glaube es nicht. Welches sollte es denn sein? Vor vielen, vielen Jahren gab es eine viel, viel geschmähte Literatur. Sie hieß Verständigungstexte. Sie erreichte zehn Jahre lang hohe Auflagen, dann wurde sie nur noch geschmäht.

Ein wenig erinnert Alfred Neven DuMonts Buch an diese Texte der 70er-Jahre. Da hat einer etwas erlebt, das ihn ergriffen, bewegt, ja umgeworfen hat. Er schreibt, um sich klar zu werden und um zu vergessen. Gleichzeitig. Diese Geschichte ist die Geschichte eines Angeschlagenen, eines Mannes, der sie aufgeschrieben hat, um sie sich vom Leibe zu halten und um sie besser sehen zu können.

Er kämpft mit dieser Geschichte darum, seine Geschichte zu verstehen. Er kämpft aber auch darum, verstanden zu werden. Solche Texte sind nicht jedermanns Sache. Sie sind am wenigsten Männersache. Ich weiß von keinem Konzernchef, der Vergleichbares publiziert. Es gehört Mut dazu und sicher auch ein tüchtiges Stück Distanz zum Rest der Welt, um sich so schutzlos auf sie einzulassen.

Alfred Neven DuMont: Vaters Rückkehr. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2011. 144 S. 17,99 Euro.