Vom Kernkraftwerk zur grünen Wiese In Würgassen sammeln Techniker Erfahrung beim Rückbau des ersten kommerziellen Kernkraftwerks

Die schlechte Nachricht kam aus der Schweiz: Vor zehn Jahren entdeckten Ingenieure feine Haarrisse in einem Stahlzylinder des Kernkraftwerks Mühleberg. In einer Kontrollmitteilung informierten sie die Kollegen in aller Welt. Ein Jahr später fanden deutsche Ingenieure ähnliche Haarrisse im Kernkraftwerk Würgassen, einem 640-Megawatt-Reaktor im nordrhein-westfälischen Teil des Weserberglandes. Das Kraftwerk wurde abgeschaltet - und ging nie wieder ans Netz.Der Stahlmantel um den Reaktorkern, an dem die Risse entdeckt wurden, soll lediglich Wärme leiten. Er muss aber keinen Druck aushalten. In der Schweiz gelten kleine Haarrisse daher als ungefährlich, das Kernkraftwerk Mühleberg durfte folglich weiter Strom produzieren. In Deutschland sind die Vorschriften jedoch strenger: Die Behörden verlangten den Austausch des Stahlzylinders. Dem damaligen Betreiber, der Preussen-Elektra AG, war die Reparatur zu teuer, und sie beschloss, das älteste kommerzielle Kernkraftwerk Deutschlands stillzulegen. Nach 24 Betriebsjahren wurde das Kernkraftwerks Würgassen am 26. August 1994 abgeschaltet. Sein Rückbau, der 1997 begann, und die Endlagerung der radioaktiven Abfälle kosten den Energiekonzern Eon, in dem Preussen-Elektra inzwischen aufgegangen ist, rund eine Milliarde Euro.Milliardenschwerer AbrissIm Jahr 2009 sollen Gänseblümchen und Löwenzahn blühen, wo einst Uran gespalten wurde. Vorbild für den Rückbau ist der 100-Megawatt-Versuchsreaktor Niederaichbach, der 1974 nach nur anderthalb Jahren Probebetrieb wegen technischer Mängel stillgelegt und anschließend komplett zurückgebaut wurde. "Wir treten hier den Beweis an, dass man auch ein großes Kernkraftwerk bis zur grünen Wiese zurückbauen kann", sagt der Pressesprecher des Kernkraftwerks Würgassen, Peter Klimmek. Das ist eine Herkulesaufgabe. 250 000 Tonnen Material müssen hierfür entsorgt werden. Etwa 80 Prozent davon sind Beton, der Rest besteht vor allem aus Stahl, Kupfer und Kunststoff. An den Innenseiten vieler Rohre haften radioaktive Partikel, ebenso an der haushohen Turbine, die früher den heißen Dampf des Reaktors in elektrischen Strom umwandelte. Meistens handelt es sich dabei um Kobalt-60, eine radioaktive Substanz, die durch den Beschuss von kobalthaltigem Stahl mit Neutronen aus der Kettenreaktion entsteht. Kobalt-60 sendet Gamma-Strahlen aus und hat eine Halbwertszeit von 5,3 Jahren. Am stärksten verstrahlt sind im Kernkraftwerk Würgassen das schwimmbadgroße Becken zur Lagerung der Brennelemente und der 20 Meter hohe Druckbehälter aus Stahl und Schwerstbeton, in dem einst die Kettenreaktion das Wasser zum Sieden brachte. Dort haben sich Zerfallsprodukte von Uran angesammelt, die in geringen Mengen aus beschädigten Brennelementen herausrieselten. Sie strahlen mehrere hundert bis tausend Jahre lang und senden meist Alpha-Strahlen aus, die zwar leicht abgeschirmt werden können, menschliches Gewebe aber stark schädigen. Gelangt zum Beispiel kontaminierter Staub, der beim Zerschneiden oder Putzen entsteht, in die Lunge, kann dies schwere Gesundheitsschäden zur Folge haben. In Würgassen sind derzeit 500 Arbeiter und Ingenieure mit dem Rückbau der Anlage beschäftigt. Die Turbine und den Generator zur Stromerzeugung haben sie bereits zerlegt. Dadurch wurde in dem fabrikhallengroßen Maschinenhaus Platz geschaffen für die Dekontaminierungsarbeiten. Diese haben zunächst meist wenig mit Hightech zu tun: Der Schrott wird von Arbeitern in Schutzkleidung abgewaschen und mit Tüchern trockengerieben. Da meist nur die Oberflächen kontaminiert sind, deren Poren zudem einst mit einem Spezialanstrich versiegelt wurden, reicht dieses Verfahren oft aus, um einen Großteil der radioaktiven Verschmutzungen zu beseitigen. Die meisten Arbeiter halten sich daher auch ohne Mundschutz, Handschuhe oder Kopfbedeckung in der Halle auf. Die Belastung durch Gamma-Strahlung sei dort gering, versichert Peter Klimmek.Haben sich radioaktive Teilchen dennoch in Poren oder Rissen des Materials festgesetzt, werden dieses in einem Container mithilfe von Stahlkies gesäubert. Ein Arbeiter mit Gasmaske und Schutzkleidung führt hierzu eine Düse über den Schrott, aus der stecknadelkopfgroße Stahlkörner fast mit Schallgeschwindigkeit auf die Oberfläche schießen. Dabei wird die kontaminierte oberste Schicht abgetragen. Der Stahlkies wird wiederverwendet und als radioaktiver Müll entsorgt, wenn der Rückbau abgeschlossen ist. So schnell wie der SchallDen blank geschmirgelten Schrott untersuchen Strahlenschutzbeauftragte mit Geiger-Zählern. Strahlt das Material mit weniger als 0,1 Becquerel pro Gramm, wird es zur Wiederverwertung freigegeben. Dieser Grenzwert gilt auch für Lebensmittel, während die natürliche Radioaktivität vieler Baustoffe - etwa die von Ziegelsteinen oder Leichtbeton - bei 0,5 bis 1 Becquerel pro Gramm liegt. 97 Prozent des Baumaterials der Anlage fließen nach Angaben von Eon nach der Dekontamination wieder in den normalen Stoffkreislauf und werden zum Beispiel im Straßenbau verwendet. Rund ein Prozent wird als gering belastetes Material in anderen Kernkraftwerken verbaut. Die restlichen zwei Prozent - knapp fünftausend Tonnen - müssen als radioaktiver Müll entsorgt werden. Bis ein atomares Endlager feststeht, lagern die Fässer in einer umgebauten Halle auf dem Gelände.Der meiste radioaktive Müll stammt aus dem Reaktorkern, der in den kommenden Monaten demontiert werden soll. Vor dieser Aufgabe haben Strahlenschutzbeauftragte und Dekonter, wie das Dekontaminierpersonal im Fachjargon heißt, den größten Respekt. Das zeigen schon die Sicherheitsvorkehrungen am Rand des Beckens, in dem einst die Kettenreaktion des Urans Wärme produzierte. Ein Strahlenschutzbeauftragter überwacht den Bereich von einem Glashäuschen aus. Wer sich dem Wasser bis auf einen Meter nähert, muss zwei zusätzliche Overalls und drei Paar Überschuhe tragen. Bei Schneidearbeiten ist je nach Kontamination eine Gasmaske Pflicht. Um zu verhindern, dass bei den Arbeiten Staub aufgewirbelt wird, werden die Rohre im Reaktorkern möglichst unter Wasser zerschnitten. Die Arbeiter verwenden dafür Werkzeuge, die mit Stangen und Kabeln gehalten und über eine Fernbedienung gesteuert werden. Für die letzte Phase des Rückbaus - der Demontage kontaminierter Stahlteile im Reaktorkern - werden derzeit mehrere Verfahren diskutiert. Beim mechanischen Schneiden wird zum Beispiel eine rotierende Trennscheibe eingesetzt, wie sie Heimwerker von der Flex kennen. Beim Wasserstrahlschneiden richtet man einen spagettidünnen Wasserstrahl mit einem Druck von einigen tausend Bar auf das Metall. Sandkörner, die dem Wasser beigemischt sind, schneiden mehrere Zentimeter tief in den Stahl. Solche mechanischen Verfahren haben allerdings den Nachteil, das bei ihnen feiner Staub anfällt, den die Dekonter nach Möglichkeit vermeiden möchten.Das ist beim Plasmaschneiden anders: Dort legt man eine elektrische Spannung zwischen einer Metallspitze und dem zu zerkleinernden Rohr an und führt ein Gas durch eine Düse an den Schneidepunkt. Das Gas wird in einem Lichtbogen ionisiert und bildet so ein heißes Plasma, von dem das Metall aufgeschmolzen wird.Etablierte VerfahrenDiese Verfahren zum Rückbau von Kernkraftwerken sind in anderen Industriezweigen, etwa beim Schiffs- und Autobau, schon etabliert. "Ein verstrahlter Reaktorkern ist nicht der Ort, an dem man mit neuen Techniken experimentiert. Schließlich muss jedes Verfahren, das in einem Kernkraftwerk eingesetzt wird, aufwändig genehmigt werden", sagt Peter Klimmek.Neue Zerlegetechniken werden daher vor allem an Forschungsinstituten erprobt. Führend in Deutschland ist das Institut für Werkstoffkunde der Universität Hannover unter der Leitung von Friedrich-Wilhelm Bach und den Oberingenieuren Ralf Versemann und Peter Wilk. Vor einigen Wochen erst haben die Hannoveraner einen Weltrekord beim Wasserstrahlschneiden aufgestellt und eine acht Zentimeter dicke Aluminiumplatte mit einem Druck von neuntausend Bar zerschnitten.Zu den jüngsten Entwicklungen der Werkstoffkundler gehört ein Lichtbogen-Verfahren, bei dem zwischen dem Stahl und einer Grafitklinge ein Strom von bis zu sechstausend Ampere fließt. Dadurch schmilzt der Stahl und das Grafitmesser gleitet durch ihn wie ein warmes Messer durch Butter. Mit diesem Verfahren lassen sich auch schwer zugängliche Rohre zerschneiden. "Die Schnittfläche sieht zwar aus wie eine Mondlandschaft", sagt Versemann, "doch für den Rückbau sind keine perfekten Schnitte erforderlich." Nach viel versprechenden Laborversuchen wird das Lichtbogenschneiden im Kernkraftwerk Greifswald, das seit 1995 zurückgebaut wird, bereits eingesetzt.Wenn es bei dem von der Bundesregierung beschlossenen Atomausstieg bleibt, wird es den Werkstoffkundlern nicht an weiteren Betätigungsfeldern mangeln. Schon im kommenden Herbst soll mit dem Abriss des Kernkraftwerks Stade begonnen werden.EON KERNKRAFT GMBH (4) Das Kernkraftwerk Würgassen soll bis zum Jahr 2009 komplett zurückgebaut werden.Gutachter untersuchen jedes einzelne Teil auf Radioaktivität.In diesen Containern werden mit schallschnellen Stahlkörnern radioaktive Oberflächen gesäubert.Mit dem Plasmabrenner zerschneiden Experten den Spezialstahl, aus dem der Reaktor und die Rohrleitungen des Kernkraftwerks gebaut sind. Die Schutzanzüge halten radioaktive Strahlen und gefährlichen Staub ab.