Vom langsamen Verschwinden des Fußballers Jörg Stübner: Versteckspiel des Rasenmäher-Mannes

BERLIN, 13. November. Das ist die Geschichte eines Verschwindens. Damals, als er noch leicht zu finden war, nannten sie ihn den Rasenmäher, weil er jeden Grashalm einzeln abstempelte. Das ist ein bisschen übertrieben. Aber die Legende will es so. Jörg Stübner ist der Rasenmäher-Mann. Stübs, wie ihn die Fans nannten, spielte im Mittelfeld von Dynamo Dresden. Terrier. Pferdelunge. Arbeitstier. Solche Namen bekam er.Der Rasenmäher-Mann machte 47 Länderspiele für die DDR und keines für die Bundesrepublik. Er war der Freund von Ulf Kirsten. Das hatte sich so ergeben. Mit 13 waren sie schon beisammen auf der Sportschule in Dresden. Mit 17 standen sie in der ersten Mannschaft von Dynamo, 1983. Wenig später debütierten sie im Nationalteam. Der gemeinsame Lebensweg hatte sie zusammengebracht. Der eine war aus Riesa gekommen, Stübner aus Halle. Delegiert, nannte man das seinerzeit. Am Sonntag feiert Kirsten. Er hat zu seinem Abschiedsspiel ins Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden geladen. Kirsten hat all seine Kumpels von Dynamo angerufen, auch Stübner. Kirsten ist ein renommierter Profi, jeder kennt ihn, kann sich ein Bild von ihm machen, zu ihm Kontakt aufnehmen, wenn er will. All das geht mit Jörg Stübner nicht. Er verkriecht sich in einer Wohnung in Dresden, manchmal auch in Freiberg, geht nicht ans Telefon und lehnt jeden Kontakt mit der Presse ab. Nur ein paar Vertraute verkehren mit ihm. Er wird zum Abschiedsspiel seines Freundes kommen. Vielleicht.Er hat zwar zugesagt und ein paar Karten bestellt, aber ins Stadion zu gehen, vor Tausenden aufzutreten und womöglich noch Fragen zu beantworten, das vermag sich in Stübners Umfeld niemand vorzustellen. "Er war seit zehn Jahren nicht mehr im Rudolf-Harbig-Stadion, er hat immer gesagt, dort gehe ich nie wieder hin, er hat sicherlich große Angst vor diesem Schritt", sagt ein Freund Stübners. "Mal sehen, was passiert." Im Internetforum von Dynamo haben seine Anhänger zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen. Sie huldigen ihm in höchsten Tönen. Eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle hat die Mails in Stübners Postkasten geworfen. "Ein Weihnachtsmärchen", soll Stübner dazu gesagt haben. Kirsten hat ihn nur auf dem Anrufbeantworter erreicht und keinen Rückruf erhalten. Über Umwege hat ihn die Nachricht vom Kommen Stübners erreicht. "Ich freue mich riesig auf ein Wiedersehen", sagt Kirsten. "Er war immer ein Führungsspieler, aber nur auf dem Platz, nicht daneben."Er hat ihn nach der Wende aus den Augen verloren, als die Zeit für Kirsten und gegen Stübner lief. Was ist passiert, dass der eine erfolgreich Fußball spielte und der andere nur noch ein trauriges Versteckspiel? In Halle lernt Stübner, Jahrgang 1965, kicken - bei Wolfgang Tiffert, der auch Dariusz Wosz, Steffen Karl und Andreas Wagenhaus betreute und dessen Enkel Christian Tiffert derzeit beim VfB Stuttgart spielt. "Er war eigentlich ins Kollektiv integriert", erinnert sich Tiffert. "Ihm war Fußball ein und alles." Was er später dann für "Schtories" hören musste, konnte er kaum glauben, "er war doch so ein lieber und ehrgeiziger Junge".Nur die Scheidung der Eltern habe ihn damals etwas besorgt. Stübner hat dem Trainer gelegentlich Postkarten geschickt. Stübner wechselt mit zwölf nach Dresden. Er kämpft mit Kirsten um die Position im Angriff. Später weicht Stübner ins Mittelfeld. Er gilt als Einzelgänger, der im Spiel "aufgezogen wie eine Figur aus der Duracell-Werbung herumrennt", so ein Journalist. "Aber nach 90 Minuten war die Batterie alle." Recht bald war klar, dass Stübner nur Fußball konnte. Von seinen Kollegen ließ er aufschreiben, wie er sich mit seinen Freundinnen zu unterhalten hat. Einmal, bei einer Weihnachtsfeier, soll er den ganzen Abend mit seiner Freundin am Tisch gesessen haben, ohne ein Wort zu sagen."Er ist so ein Typ, völlig abgekapselt", sagt ein enger Vertrauter. Nach der Wende bricht das System der Rundumversorgung zusammen. Von Stübner wird verlangt, nicht nur Rasenmäher zu sein, sondern mehr. Er kann das nicht. Als es keine Kantine mehr gibt, findet er eine Lösung. Er isst nach dem Training aus der Dose. Andere wie Kirsten nehmen ihr Schicksal in die Hand. Stübner braucht andere, die das erledigen. Aber die sind mit sich selbst beschäftigt. Er verletzt sich häufig. Sein Marktwert sinkt rapide. Begleitet werden die Verletzungen von "gewissen Dingen", wie der damalige Vereinsarzt Wolfgang Klein sagt.Stübner fängt an zu trinken. 1993 muss er Dynamo Dresden verlassen. Ein Trauma. Eduard Geyer holt ihn zu Sachsen Leipzig. "Ich wollte ihn noch einmal fit machen, aber es ging nicht so richtig gut", sagt Geyer. "Er war aber ein guter Mann, er hat hervorragende Spiele gemacht." Sein größtes machte Stübner am 11. September 1985 im Leipziger Zentralstadion. Beim 2:0 über Frankreich schaltete er Michel Platini aus. "Er hat Platini regelrecht zur Sau gemacht", sagt Andreas Trautmann, ein früherer Dynamo-Spieler. Es ist der Höhepunkt in Stübners Karriere, die in unterklassigen Vereinen versandet, dem FC Neubrandenburg zunächst. Aber selbst dort werfen sie ihn raus. Er unternimmt einen Selbstmordversuch, prallt, mit Tabletten voll gestopft, im Auto gegen eine Mauer. Matthias Döschner nimmt sich seiner an, holt ihn zum nordrhein-westfälischen Verbandsligisten Eresburg-Obermarsberg. Er brennt mit einem vereinseigenen Auto durch. "Er hat sich einfach nicht mehr helfen lassen", sagt Döschner. Versuche beim VfL Pirna-Copitz und beim VfB Sangerhausen scheitern. Das Muster ist stets das gleiche. Ein paar Wochen hält er durch, dann haut er ab. Am Sonntag warten seine Fans auf ein Zeichen des alten Jörg Stübners. Sie hoffen, dass er auftaucht. Und wenn es nur für die Dauer eines Spiels ist."Es ist traurig, dass er nicht den Weg genommen hat wie andere auch. Das Zeug dazu hätte er gehabt. " Eduard Geyer.IMAGO Weltstar daneben: Im Länderspiel gegen den damaligen Europameister Frankreich lässt Jörg Stübner (l. ) auch Jean Tigana keine Chance.