BERLIN, 21. November. Vier Jahre lang hat Elisabeth Naumann ein Leben zwischen Zeitungsstapeln, Pommes rot-weiß und Büchsenbier verbracht und über 100 Currywürste gegessen. Zu Forschungszwecken. Denn die Berliner Kultursoziologin hatte sich als Thema für ihre Dissertation die Lebenswelt des Kiosks ausgesucht. Vor vier Jahren hat die 1923 geborene pensionierte Lehrerin damit als Berlins älteste Promovendin ihren Doktortitel erlangt. Nun hat sie aus der Arbeit ein populärwissenschaftliches Buch über ihre "Entdeckungen an einem alltäglichen Ort" veröffentlicht. Rund 300 Kioske hat Naumann während ihrer Feldforschung aufgesucht, fotografiert und beobachtet. Sie interessierte sich dabei nicht nur für das jeweilige Angebot, architektonische Besonderheiten, sondern auch für die Kommunikation zwischen Händler und Kundschaft und die lange Geschichte dieser Begegnungsstätte.Der Begriff Kiosk stammt aus dem Persischen und gelangte im 18. Jahrhundert in die türkische Sprache. Damals bezeichnete er noch ein Gartenhäuschen. Als Pavillon verbreitet er sich zunächst über die englischen Gärten nach Europa, später entwickelten sich diese Lusthäuschen zu kleinen Verkaufsständen - europaweit. Der Brockhaus von 1894 beschreibt den Kiosk als "leichte, aus Holz oder Eisen und Glas errichtete Bauten in den Straßen der Großstädte, die zum Verkauf von Zeitungen, Erfrischungen, Cigarren u. dergl. dienen".In Berlin wurden die ersten dieser Verkaufsbuden 1859 vom Polizeipräsidium genehmigt - als "bewegliche Trinkhallen". Entworfen hatte sie der Architekt Martin Gropius, aufgestellt wurden sie erstmals auf Gehwegen, Grünanlagen und Plätzen. Ihr Erfolg war so groß, dass sie - nur leicht abgewandelt - bald darauf auch schon auf den neuen Pariser Boulevards standen und die deutsche Aufschrift "Trinkhalle" trugen. Denn diese "Büdchen", wie man sie im Rheinland nannte oder "Wasserhäuschen", wie sie die Hessen bezeichneten, waren in der Tat zunächst vor allem für den Verkauf von Mineralwasser gedacht. Erst seit kurzem wurde Quellwasser mit Kohlensäure angereichert und ärztlich für Trinkkuren und zum allgemeinen Verzehr empfohlen. Um den Umsatz anzukurbeln, erweiterten die Fabrikanten der Mineralwässer ihre Sortiment. Schon bald gab es auch Kautabak, Zigarren und Zigaretten, Kaffee und Brauselimonade zu kaufen. Alkoholhaltige Getränke waren untersagt. Die Trinkhallen sollten stattdessen die unter den Arbeitern weit verbreitete Trunksucht bekämpfen helfen.Erst um die Jahrhundertwende entstanden schließlich die ersten Zeitungskioske. Die Idee dazu hatte der Verlagsbuchhändler Georg Stilke. Nach einem Probelauf auf dem Leipziger Platz genehmigte ihm der Berliner Magistrat gleich 15 dieser Verkaufshäuschen im Stadtgebiet. Statt einfacher Bretterbuden mit ihren Stoffmarkisen wurden nunmehr elegante Formen und mit Glas, Kupfer und Eisen auch edlere Materialien gewählt.Die Würstchenbude, so wie man sie heute kennt, ist eine Erfindung der Nachkriegsjahre. Damals eine Behelfslösung, um die schwierige Versorgung mit Lebensmitteln zu organisieren, hat sie heute auch eine soziale Funktion. Der Kiosk, so Naumann, "bietet einen vertrauten Fixpunkt in den Wirren des Großstadtlebens", ist Anlaufstelle, Kieztreffpunkt und Zufluchtsort. Das weiß man spätestens, seit die Vorabendserie "Drei Damen vom Grill" mit Brigitte Grothum, Brigitte Mira und Günther Pfitzmann das deutsche Fernsehpublikum mit Alltagsgeschichten rund um eine Würstchenbude unterhielt. Und von Anbeginn war diese ein Sinnbild für Bürgernähe. Allzu gern lässt sich deshalb die Prominenz beim Verzehr einer Bockwurst am Kiosk fotografieren, wenn es mal wieder darum geht, ein volkstümliches Image zu präsentieren. Das war beim Berliner Oberbürgermeister Otto Suhr in den fünfziger Jahren nicht viel anders als später bei Eberhard Diepgen oder heute bei Kanzler Gerhard Schröder. Und selbst Claudia Schiffer beißt mal herzhaft in eine Currywurst - solange genügend Fotografen dabei sind.Mobile Trinkhalle // Das Wort Kiosk stammt aus dem Persischen und bezeichnete ursprünglich ein Gartenhäuschen, erst später wurden auch Verkaufsstände so genannt. Berlins erster Kiosk öffnete 1859 - als mobile Trinkhalle.Die Soziologin Elisabeth Naumann hat nun ein Buch über die Kiosk-Geschichte geschrieben. Titel: "Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. " 240 Seiten, 20 Euro. Die Autorin präsentiert ihr Buch am Sonntag, 23. 11. , 18 Uhr im Café Bilderbuch, Akazienstraße 28, 10823 Berlin.DPA/MARTIN SCHUTT In Weimar dient ein alter Zeitungskiosk längst als Mini-Museum.