Vom Musikfernsehen zur ernsthaften Schauspielerin: Jasmin Gerat hat den Durchbruch geschafft: Ein Brief an Onkel Gottschalk

Fragt man Jasmin Gerat, ob sie weiß, dass die "Playboy"-Ausgabe aus dem Juli 1998, in der sie nackt posierte, auf Internet-Auktionen bei Ebay hoch gehandelt wird, sagt sie: "Ach, echt?" Fragt man Jasmin Gerat, ob sie verstehen kann, dass man ihr als Schauspielerin angesichts von Stationen wie "Bravo-TV" mit Vorurteilen entgegen tritt, sagt sie: "Ja, klar." Die Antworten kommen schnell, durchaus freundlich, aber auch mit unterschwelligem Desinteresse. Vermutlich würde Jasmin Gerat lieber die Gegenfrage stellen: "Mann, wie uninteressant ist das denn?"Aber Jasmin Gerat - unauffällig unifarben gekleidet, aber mit markant kniehohen Stiefeln - bleibt höflich. Ein paar Mal in ihrer Vergangenheit war die 27-jährige Berlinerin dies nicht, sondern direkt. Oder naiv. Oder wahrheitsliebend. Je nach Sichtweise. Dafür ist sie auf die Schnauze gefallen.Wollen und KönnenSo erzählte sie beispielsweise in einem Interview, dass der Model-Wettbewerb "Look of the Year", bei dem sie vor gut zehn Jahren den zweiten Platz gewann, schon lange vor Ablauf der Bewerbungsfrist entschieden war. Und man sie zur Siegerin gekürt hätte, wenn sie im Gegenzug auf Arbeit für das Fernsehen verzichtete. Für die veranstaltende Agentur hat sie nie mehr gearbeitet.Auch als Thomas Gottschalk sie, gerade Anfang zwanzig, öffentlich als "Szene-Opfer" und "Rentner" bezeichnete, hielt sie nicht still. Ausgerechnet in der "Bild am Sonntag" schrieb sie einen offenen Brief an den "lieben Onkel Thomas": "Ich kann mir die Haare abrasieren, ohne Angst vor der Glatze haben zu müssen. Und ich kann schrille Klamotten anziehen, ohne dass es albern wirkt." Es dauerte eine Weile, bis sie bei Gottschalks Haussender, dem ZDF, wieder über Vorabendserien hinaus kam.Aber sie hat es geschafft. Und jetzt sieht es so aus, als könne das, was Branchenkenner seit einiger Zeit prognostizieren, wirklich wahr werden. 2006 könnte für Jasmin Gerat das Jahr werden, das den Durchbruch als ernsthafte Schauspielerin, zur Persönlichkeit markiert - so wie es Heike Makatsch oder Jessica Schwarz, die ebenfalls dem Musikfernsehen entstammen, auch gelungen ist.So hat sie sich zwar einerseits langfristig an die ZDF-Serie "Soko Köln" gebunden, wo sie am 14. März als deutsch-türkische Kommissarin Jale Beck ihren ersten Fall löst. Andererseits ist sie aber gleich mehrfach in Fernsehfilmen zu sehen: Für das späte Frühjahr plant Sat.1 die Ausstrahlung des Thrillers "Ausgelöscht", in dem Jasmin Gerat die Freundin eines Krankenpflegers spielt, der von einem Unbekannten ohne Gedächtnis verfolgt wird. Und am 13. März läuft "Die Mandantin", das Duell zweier Frauen um einen Mann: Hier die extrem körperliche und raffinierte Geliebte (Jasmin Gerat), dort die von schwerer Krankheit gezeichnete und lange ahnungslose Ehefrau (Barbara Rudnik).Auch wenn sie bestreitet, sonderlich diszipliniert zu sein oder gar einen Plan zu verfolgen - all diese Rollen haben nur noch wenig zu tun mit der Jasmin Gerat, die das Magazin Stern früher als ein lockiges Sonnenschein-Mädchen beschrieb, "das mit einer Geschenkschleife auf die Welt gekommen" sei. Ist sie in "Soko Köln" sehr gelassen und straßenerfahren, so agiert sie in "Die Mandantin" eher katzenhaft, gar hinterlistig und quälend. Man spürt, hier kann jemand etwas. Und auch: Hier will jemand etwas.Wendepunkt war das Jahr 2003. Bis dahin hatte sich Jasmin Gerat, deutsch-türkische Tochter eines selbstständigen Industrieberaters und einer Versicherungsangestellten, eher lässig durchgeschlagen. So wirkte es zumindest für Außenstehende. Auf Grund ihrer optischen Qualitäten landete sie erst bei der Wahl zum "Bravo-Girl des Jahres", dann als Moderatorin von Sendungen wie "Heart Attack" oder "Chartbreaker". Auch ein paar Ausflüge ins Filmgeschäft zu schnell zu vergessenden Werken wie "Mädchen Mädchen 2" folgten. Doch wenn man ewig gute Laune anknipsen muss, ständig über seinen Busen reden soll oder 1 000 angebliche Fahrstunden zu dementieren hat, kann das schon nerven. Zeit also, etwas zu ändern.Jasmin Gerat plante gerade, Tierärztin zu werden, als Lars Becker sie zu einem Casting für seine Krimi-Serie "Nachtschicht" einlud. "Lars hat Dinge aus mir rausgeholt, die ich selbst noch nicht kannte", sagte Jasmin Gerat damals. "Das ist schon ein bisschen unheimlich, welche Facetten ein fremder Mann in einem freilegen kann." Tatsächlich brillierte sie in der Rolle der nach außen schnoddrigen, in Wahrheit aber verletzbaren ehemaligen Gangsterbraut, die ihren Sohn zur Adoption freigegeben hatte und das frühere Leben erfolgreich verdrängte - bis eben jener Gangster aus dem Gefängnis entlassen wurde."Ich hatte so viel Spaß daran, die Jasmin zu verstecken", beschreibt sie ihre Erweckung, "dass ich mich damit infizierte." Wie die "echte" Jasmin war, kann man zumindest erahnen. Immer wieder klang in Interviews durch, dass die Eltern von Jasmin Gerat ihre Tochter vor der Welt beschützen wollten, vermutlich zu sehr. Befragt, ob die Familie eine Quelle ihrer Kraft sei, sagt sie: "Nein, das habe ich mir schon selbst erkämpft." Und dann erzählt sie von dem Buch, dass sie gerade gelesen hat, "Das Drama des begabten Kindes" von Alice Miller. Die Autorin beschreibt darin, dass begabte - in anderem Sprachgebrauch: sensible - Kinder sich früh den Bedürfnissen ihrer Eltern anpassen und dadurch eigene, aber unerwünschte Gefühle abspalten, was dazu führt, dass der vitalste Teil des Selbst nicht in die Persönlichkeit integriert wird. Mögliche Folgen sind Depressionen oder ihr Gegenteil, übertriebene Grandiosität.Jasmin Gerat, die sich manchmal schon die Naivität der frühen Jahre zurück wünscht, wirkt weder depressiv noch größenwahnsinnig. Sie spricht heute vielmehr von ihrem "inneren Wesen": "Es ist ein freies, waches Wesen, ohne Grenzen, das mit großen Augen guckt und sich alles vorstellen kann. Aber das hat jeder, jedes Kind kommt so auf die Welt. Und die Eltern, die Schule, die Erwachsenen, die Gesellschaft beginnen dann, schön zu formen: Nee nee nee, hier ist eine Grenze. Und da. Und da auch. Ich habe mich irgendwann entschieden, dieses Wesen zu entwickeln."Die alten FragenBegonnen hat es in einer Phase, in der sie merkte, dass alle ihre Beziehungen gleich liefen, sie immer wieder dieselben Fehler machte. "Ich habe aber auch durch den Job angefangen, mich in Frage zu stellen. Ich möchte eine gute Schauspielerin sein, ich möchte tief sein, berühren. Das kann ich nur, wenn ich mich mit mir auseinandersetze. Mit den alten Fragen: Warum bin ich so? Wo komm ich her? Wie bin ich wirklich?" Dass diese Fragen unlösbar bleiben, wenn man sich beständig verändert, hat Jasmin Gerat durchaus begriffen. Aber auch, dass man es beständig versuchen muss. Und dadurch sogar eine gewisse Lässigkeit gewinnen kann.Ein Beleg hierfür könnte sein, dass sie sich wieder auszieht, obwohl sie es eigentlich hasst. In "Die Mandantin" ist sie - ihrer Rolle entsprechend - oben ohne zu sehen. "Was soll's?", fragt sie lächelnd. "Ein Busen ist doch nur Fett- und Drüsengewebe."------------------------------"Ich möchte eine gute Schauspielerin sein, ich möchte tief sein, berühren."Jasmin Gerat------------------------------Foto: 2006 könnte ihr Jahr werden: Jasmin Gerat.