RALF SCHENK über Glanzpunkte und Fehlstellen in einer großen Joris-Ivens-EditionIm Jahr 1928 dreht der 30-jährige holländische Dokumentarist Joris Ivens seine Studie "De brug". Nach dem ersten, totalen Bild einer stählernen Eisenbahnbrücke rückt die Kamera immer dichter an die Details des Bauwerks heran, schwenkt auf dessen Träger, fährt an Verstrebungen entlang, lässt sich auf Puffern der Waggons mitnehmen. Dann steht das Signal auf Halt, die Brücke öffnet sich für den Schiffsverkehr, riesige Räderwerke greifen ineinander, während die entsprechenden technischen Messwerte auf millimetergenauen Skalen abzulesen sind. Ivens, so viel ist schon in diesem Frühwerk offensichtlich, liebt die Moderne und den Rausch der Bewegung. Seine Kamera soll Zeitzeuge des Fortschritts sein und zugleich ein Instrument, um die Wirklichkeit in eine Form zu gießen: Dokumentarfilm als Bildkunst."De brug" gehört zu einer Auswahl von zwanzig Arbeiten, die in der längst überfälligen, grandiosen DVD-Edition "Joris Ivens Weltenfilmer" versammelt sind. Mit ihr folgen wir noch einmal den Stationen jenes "fliegenden Holländers", wie er von seinen Freunden genannt wurde, tauchen in seinen Zorn, seine Ideale und Illusionen ein, die denen des 20. Jahrhunderts entsprachen. Denn Ivens war Zeit seines Lebens ein politischer Filmemacher, der seine Kraft immer dort einbrachte, wo er gesellschaftliche Utopien im Aufbruch zu erkennen glaubte: in der jungen Sowjetunion ("Komsomol", 1933), im spanischen Bürgerkrieg ("Spanische Erde", 1937), in Vietnam ("Der 17. Breitengrad", 1968) und schließlich in China ("Wie Yü Gung Berge versetzte", 1976). Er war mit der Kamera dabei, wenn sich Völker aus dem Joch des Kolonialismus befreiten, filmte Schritte in ein neues Leben. Dabei hatte seine Kunst wenig mit Propagandathesen zu tun; viel lieber forschte er nach der Veränderbarkeit der Welt durch die Kraft des einzelnen Individuums.Immer wieder kehrte er zu den Elementen zurück, zu Wasser und Wind. Einige seiner schönsten Filme waren dem "Regen" (1929) gewidmet oder dem Alltag an den Ufern der Seine ("Die Seine trifft sich mit Paris", 1957). Der Dichter Jacques Prévert schrieb ihm dazu die Verse, so wie er gern auch mit dem Komponisten Hanns Eisler zusammen arbeitete - und sein Können an Jüngere weitergab, etwa Chris Marker und Patricio Guzman, mit denen er in Chile "Valparaiso" (1963) drehte. Mit der "Geschichte über den Wind", einem Essayfilm über Werden und Vergehen, verabschiedete er sich ein Jahr vor seinem Tod 1989 von den Zuschauern: die Bilanz eines Lebens, voller Weisheit und Zuversicht in die Vernunft der Menschheit.Was in der DVD-Edition leider komplett fehlt, sind die Filme seiner osteuropäischen Zeit nach 1945. Immerhin arbeitete Ivens 1953 mit Brecht an "Lied der Ströme", einer pathetischen Allegorie auf die Kraft der internationalen Arbeiterbewegung. Er initiierte die zauberhafte Defa-Studie "Mein Kind" (1955) und den Episodenfilm "Die Windrose" (1957) über Frauenschicksale auf mehreren Erdteilen. Dass er zu den Mitbegründern der Leipziger Dokumentarfilmwoche gehörte, verstand sich angesichts seiner Nähe zur Defa fast von selbst: So widmet ihm das Leipziger Festival dieser Tage auch eine zweite große Retrospektive, nach der ersten, die 1963 stattfand. Später war seine Haltung in der DDR nicht mehr erwünscht. Er hatte Kritik am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR geübt, tadelte die Zensur, die während des Festivals ausgeübt wurde. Und machte keinen Hehl aus seiner Zuneigung zum chinesischen Volk. 1968 kam Ivens ein letztes Mal nach Leipzig - und blieb der Dokumentarfilmwoche dann für immer fern.------------------------------Joris Ivens: Weltenfilmer. Filme 1912 - 1988 5 DVDs, ca. 15 Stunden, Begleitbuch, absolut medien, ca. 69,90 Euro

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