Es ist Mitternacht. In der Altbau-Wohnung von Klaas Glenewinkel in Prenzlauer Berg macht sich fröhliche Aufregung breit. Fünfzehn Mitglieder der Berliner Clubmusik-Szene tummeln sich in den hell erleuchteten, hohen Räumen. DJ Alex trägt ein rosa Polo-Hemd und läuft in Socken über die von Kabelsalat bedeckten Holzdielen. "Hier ist Radio Twen FM", haucht er ins Mikrofon. "Wir senden live in Radio, Fernsehen und Internet. Und ich glaube, wir senden sogar auf Handys und Tamagotchis."Alex und der Piratensender Twen FM sind Teil eines bisher einzigartigen Projektes, das das Massenmedium Fernsehen mit dem Internet verbindet: Die Diskjockeys des kürzlich von der Polizei geschlossenen Piratensenders machen wie gehabt ihr Radioprogramm - bloß diesmal legal. Dabei werden sie von einer Webcam gefilmt. Die Bilder von den Radiomachern werden samt Musik live ins Internet gespeist. Von dort holt sich der Internet-Rechner im Offenen Kanal Berlin das Material. Er projiziert das bebilderte Radioprogramm aus dem Netz direkt ins Fernsehen: Eine gänzlich neuartige Verschränkung der elektronischen Medien.Und als ob das noch nicht kompliziert genug wäre, haben die Initiatoren des "Kulturserver Radio-TV" noch zwei interaktive Komponenten in ihr Projekt eingebaut. Das aus dem Internet gespeiste Fernsehbild ist in drei Bereiche unterteilt: Neben den Live-Bildern aus dem Studio strahlt der Offene Kanal im unteren Bildschirmteil ein Chat-Fenster aus. Und links oben kann jeder Surfer seine Lieblingsgrafiken oder Animationen von seinem PC aus in ein drittes Fenster "hineinladen" - die Zuschauer können also von zu Hause aus direkt in das Fernsehprogramm des Offenen Kanals eingreifen. Das Ergebnis dieses Experiments ist jede Nacht nach Sendeschluss zwischen 0 und 2 Uhr im Offenen Kanal zu besichtigen."Your TV has been hacked!"Den Beteiligten in Glenewinkels Wohnung ist klar, dass bei einem Experiment nicht immer alles klappen muss: Nach der ersten halben Stunde stürzt der Netz-Computer im Offenen Kanal bereits zum zweitenmal ab, das Live-Fernsehbild wird schwarz, ein paar Windows Icons erscheinen, der Rechner wird wieder hochgefahren. Statt Hektik löst die Panne unter den DJs nur Heiterkeit aus: "Die Leute finden das doch witzig. Beim ZDF ist noch nie was abgestürzt." Doch selbst wenn technisch alles klappt, ist das Ergebnis auf dem Bildschirm weit entfernt von einem normalen Fernsehbild. "Your TV has been hacked" steht dann in roten Buchstaben zwischen den verschiedenen Fenstern auf dem Schirm. Und genauso sieht es auch aus: Das Chat-Fenster strahlt BTX-Charme aus, das ruckelnde Video-Bild erfasst die DJs meist in Bauchhöhe. Außerdem, das gibt Glenewinkel gerne zu, "sieht das Bild so unscharf aus, als hätte man den grauen Star". Für den Projekt-Koordinator ist das aber alles kein Problem: "So ist eben das Internet heute, wir wollen das gar nicht verstecken. Das gehört zur Gesamt-Ästhetik. Je schneller die Computerchips und die Leitungen werden, desto besser wird die Qualität dieser neuen Sendeform." Die Zuschauer im Internet-Chat scheint die schräge Gesamt-Ästhetik jedenfalls nicht zu stören, auch wenn ein Chatter namens "Clang" sich einmal erkundigt, ob "das hier ein fucking Trance Chat" sei. Fast 50 Zuschauer des Offenen Kanals füllen das Feld unter dem unscharfen Videobild von ihren Heim-PCs aus mit ihren Kommentaren. Einige haben es sogar schon geschafft, eigene Bilddateien über das Netz in das Programm und damit ins Fernsehen "hochzuladen", obwohl das bislang noch einige Computerkenntnisse voraussetzt. Glenewinkel hält das Projekt mit allen Macken für revolutionär: "Ein Fernsehprogramm, dass sich direkt aus dem Internet steuern lässt, hat es bisher noch nicht gegeben."In Glenewinkels Wohnung an der Schönhauser Allee ist inzwischen MC Tweed am Mikrofon und verspricht den Zuschauern des Offenen Kanals "neue Platten, die wir noch nie zu hören hatten." Tweed ist Mitglied der Piraten-Crew von Radio Twen FM und kommt gerade von seinem Job als Hotelpage. Nachdem die Polizei das alte Twen FM Studio Anfang März in einer nächtlichen Razzia dicht gemacht hat, ist das "Kulturserver" Projekt für ihn die einzige Möglichkeit, um seine gewohnten zwei Sendungen pro Woche zu gestalten. Es ist schon komisch: Bis vor einer Woche wurde Tweed noch polizeilich verboten, die Bezirke Mitte und Prenzlauer Berg mit Clubsound zu versorgen. Heute können 1,4 Millionen Berliner Fernsehzuschauer seine Sendung ganz legal über das Berliner Kabelnetz empfangen. Das geht auch in TokioUnd vielleicht bald auch anderswo, denn revolutionär sind an dem Projekt vor allem die geringen Sendekosten in dem sonst konkurrenzlos teuren Medium Fernsehen: Da die Bilder direkt aus dem Internet kommen, kann das Programm ohne Satellit und teure Technik weltweit von Computern empfangen und über einen Sender ausgestrahlt werden. Glenewinkel erklärt: "Wie der Offene Kanal Berlin kann jeder Fernsehsender in Hamburg oder Tokio unser Programm ausstrahlen. Und das, obwohl wir nur Amateurtechnik haben." Für die Offenen Kanäle in Deutschland ist das Prinzip möglicherweise der rettende frische Wind. Mit mehreren Betreibern hat Glenewinkel schon verhandelt. Die Verantwortlichen in Wolfsburg, Flensburg und Kiel wollen bald die Berliner DJs nach Mitternacht ins Programm nehmen. Ein Amsterdamer Sender habe ebenfalls Interesse angemeldet. Glenewinkel: "Die Offenen Kanäle sind schlafende Prinzessinnen. Nach Mitternacht haben die alle freie Sendeplätze, die man sonst nirgendwo bekommt. Da kann man etwas draus machen, an dem sich die Zuschauer aktiv beteiligen können." Dies stärke die Existenzberechtigung der Offenen Kanäle, die in letzter Zeit gerade in Berlin immer wieder in Frage gestellt werde.Hip-Hopper mit DobermännernIn Klaas Glenewinkels Wohnung geht das Programm für heute Nacht zu Ende. Es läuft ein Stück von AC/DC. Der Mann am Mikrofon ist durstig geworden vom Sprechen in so vielen Medien, aber der Hausherr muss passen: "Im Kühlschrank habe ich nur Milch, Ketchup und Sprühsahne. Ehrlich." Genauso sparsam wie die Kühlschrankfüllung ist die Programmplanung: Wer morgen das Programm gestaltet, wird sich zeigen. Vielleicht kommt MC Tweed wieder vorbei, wenn er in seinem Job als Hotelpage Dienstschluss hat. Oder die 50 Hip-Hopper von vorgestern schauen noch mal mit ihren Dobermännern rein. Oder die Zuschauer machen mal was eigenes und schicken Sound-Dateien und Videos. Apropos Videos: DJ Alex hat genug von den Bildern der Webcam. Wenn die Zuschauer keine eigenen Film-Schnipsel ins Musikprogramm einspeisen, dann muss er das eben selbst in die Hand nehmen. Dazu hat er auch sein Lieblings-Video dabei, das er in den Videorekorder steckt: "Macho Man" mit René Weller. Gott sei Dank bleibt das Bild weiter unscharf.KULTURSERVICE Geh selbst auf Sendung // Seit dem 1. April zeigt das Berliner Netzprojekt "Kulturserver" Internet im Fernsehen. Motto: "Geh selbst auf Sendung!""Kulturserver TV" ist im Berliner Offenen Kanal zu sehen.Das Konzept des "Kulturservers" stammt von der Künstlergruppe Ponton.Bei der documenta 8 produzierte Ponton 1992 "Piazza Virtuale", ein Vorläufer von "Kulturserver TV". Das interaktive Fernsehkunst-Projekt war hundert Tage lang im Nachtprogramm von 3Sat, ORF und SRG zu sehen.Kulturserver TV jede Nacht ab 24 Uhr im Offenen Kanal Berlin oder im Internet: www. kulturserver. de/tv