BERLIN, 7. Januar. "Ich bin glücklich und froh, dass wir keine Dreischanzentournee haben." Das hat Tournee-Präsident Hans Ostler kurz nach Weihnachten gesagt, als endlich feststand, dass auf der neu gebauten Bergisel-Schanze in Innsbruck gesprungen werden darf. Man stelle sich diese Blamage vor, die durchaus im Bereich des Möglichen lag: Ausgerechnet bei der 50. Tournee fällt zum ersten Mal ein Wettbewerb aus. Statt der Dreischanzentournee wurde es, zum Glück für Sven Hannawald, doch wieder eine Vierschanzentournee. Eine Chronik zehn aufregender Tage:28. Dezember: Adam Malysz steckt im Stau. So findet die Eröffnungspressekonferenz im Kurhaus zu Oberstdorf ohne den polnischen Weltcup-Souverän statt. Sechs von neun Wettbewerben hat Malysz bislang gewonnen, logisch, dass da wieder die Frage nach den vier Erfolgen bei der Vierschanzentournee kommt. In Abwesenheit des großen Favoriten antwortet Martin Schmitt: "Entweder der Adam schafft es, oder es passiert in den nächsten fünfzig Jahren nicht." Sven Hannawald äußert sich sehr zurückhaltend: "Ich hoffe, das glückliche Händchen zu haben, das man heutzutage einfach braucht."29. Dezember: Hannawald lässt die Qualifikation aus. Beim festlichen Tournee-Empfang wird spätabends der Rentner Hemmo Silvenoinen schwer alkoholisiert aus dem Saal geschleppt. Der Finne, Tourneesieger von 1954/55, ist gewissermaßen Wiederholungstäter: Nach einer durchzechten Silvesternacht wurde er 1956 von seinem damaligen Trainer gesperrt. Erst nach Intervention seiner Mannschaftskameraden durfte der verkaterte Silvenoinen seinerzeit springen - und siegte.30. Dezember: Hannawald gewinnt auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf. Der deutsche Servicemann Peter Lange weint - er hat die Ski des Helden schnell gemacht. Hannawald ahnt: "Da war noch mehr Potenzial drin."31. Dezember: Hannawald lässt die Qualifikation aus.1. Januar: Hannawald gewinnt auf der Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen. Peter Lange weint. Norwegens Trainer Ludwik Zajc tritt resigniert zurück. Hannawald verliebt sich in den Satz: "Ich mach jetzt mein Zeug", den er in den folgenden Tagen mehrere hundert Male wiederholt und variiert. Der Österreicher Andreas Widhölzl verpasst den Sieg um einen Meter, weil ihm die Kontaktlinsen verrutscht waren. Die deutschen Trainer sind sauer über die Erklärung der Österreicher und glauben Hannawalds Sieg nicht richtig gewürdigt. "Man sollte mal Respekt haben vor dem Sieger", grollt Bundestrainer Reinhard Heß. Widhölzl solle seine Kontaktlinsen künftig mit Alleskleber befestigen, empfiehlt Assistenztrainer Wolfgang Steiert. Widhölzl verspricht: "In Innsbruck werden wir den Sven ein bisserl ärgern."2. Januar: Martin Schmitt rätselt trotz ansteigender Formkurve, ob er nicht gerade zwei Freunde verloren hat: "Ich weiß auch nicht, ob ich meine Ski mal im Regen stehen gelassen hab. Die sind vielleicht sauer auf mich?"Hannawald wird gefragt, ob er eine Erklärung für seinen Leistungssprung hat, "zum Beispiel eine neue Freundin?" Heß antwortet: "Seine neue Freundin heißt Opto-Jump und ist unser Testgerät für die Sprungkraft. Opto-Jump hat er bis zum letzten Monat noch nicht geliebt." Hannawald formuliert: "Ich bin absolut überrascht, dass ich mein Zeug gefunden habe. Ich versuche jetzt einfach weiter mich auf mein Zeug zu konzentrieren, damit ich mein Zeug machen kann." Aus trainingsmethodischer Sicht führt Coach Heß aus: "Ein Athlet, der so schön auf der Wurstsuppe schwimmt, der weiß, was er zu tun hat."3. Januar: Hannawald lässt die Qualifikation aus. Der Stadionsprecher in Innsbruck verwechselt ihn konsequent mit Adam Malysz. Österreichs Trainer Toni Innauer gibt kund: "Morgen muss Sven durch das Höllenfeuer gehen." Und der viermalige Tourneesieger Jens Weißflog mutmaßt in der Zeitung "Die Welt": "Adam Malysz kommt mir vor wie ein Fuchs, der sich tot stellt, um dann plötzlich nach Beute zu schnappen. Sein großes Ziel ist es, Olympiagold mit nach Hause zu bringen."4. Januar: Die "Tiroler Tageszeitung" verspricht "die Rückkehr der österreichischen Jedi-Ritter". Die "Kronenzeitung" verkündet: man werde "den kühlen Nord-Adlern einheizen" - doch Hannawald gewinnt auf der neuen Bergisel-Schanze in Innsbruck. "Der lässt uns alle wie Deppen ausschauen", resigniert Andreas Goldberger. Malysz Trainer Apoloniusz Tajner gibt zu Protokoll: "Wir haben ein Spiel verloren, aber wir gewinnen den Krieg." Servicemann Peter Lange weint. Heß erklärt: "Wir bekennen uns schuldig, dass wir die alte Bergisel-Schanze nie geliebt haben." Hannawald aber wird geliebt - von seiner Mutter, die sich daran erinnert, wie sie ihren schmalbrüstigen Sohn im Sommer 2001 aufgepäppelt hat: "Komm Sven, komm Sven, du musst dieses essen und jenes essen, so ging das immerfort."Im "heute journal" des ZDF befasst sich Moderator Wolf von Lojewski mit dem Phänomen Hannawald und behauptet mit staatstragender Miene: "Scharen von Mädchen mussten feststellen, dass sie das falsche Idol angebetet haben." Der Hintergrund: "Bild" hatte am Morgen berichtet, Martin Schmitt sei out, angeblich laufen die Girls über zu Hannawald.5. Januar: "Bild" meldet: "Ganz Deutschland Hanni-Hanni!" Hannawald lässt die Qualifikation aus. Einige Trainer anderer Teams sind deshalb sauer und verlangen, dass er die Qualifikationen springt. "Das ist nicht fair", nörgelt auch Widhölzl. Heß ist wütend: "Ich habe ein bisschen an meinem Verstand gezweifelt, als ich das hörte. Im Moment sind die Regeln so."6. Januar: Anders als einst der Japaner Yukio Kasaya lässt Hannawald das letzte Springen nicht aus. Er gewinnt auf der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen. Servicemann Peter Lange weint. Es ist geschafft. Hannawalds Manager Werner Heinz ahnt: "Die schlimmste Zeit steht uns jetzt bevor." Heinz strebt langfristige Sponsorenverträge an. "Vor der Tournee sind wir mit zwei Firmen preislich nicht klar gekommen", verrät er, "aber die haben jetzt schon wieder angefragt. Und ein paar andere auch." Malysz verspricht: "Ich komme wieder." Sven Hannawald erläutert vorerst ein letztes Mal das Geheimnis seines triumphalen Erfolgs: "Ich habe versucht, mich auf mein Zeug zu konzentrieren.""Hannawald flog in die Geschichte ein" // "Ein Mythos ist zerstört. Es stellt sich die schwierige Frage, welche Superlative in der Sportart noch formuliert werden können. " Neue Zürcher Zeitung "Hannawalds Rekordserie kann die Spannung vor der Olympiade kaputtmachen. " Verdens Gang, Oslo "Historischer Hannawald mit dem Grand Slam des Skisprungs. " Le Figaro, Paris "Wie bei Hannawald, dem neuen Schanzen-Historiker, sind s immer wieder schon Abgeschriebene, in denen Trotzköpfe stecken, deren Widerspruchsgeist alles auf den Kopf stellt. " Die Presse, Wien "Sven Hannawald war reif und würdig. " Kurier, Wien "Hannawald flog in die Geschichte ein. Physisch ist er eigentlich nichts Besonderes, aber er hat eine brillante Sprungtechnik. " Ilta-Sanomat, Finnland "Darauf haben die Deutschen fünfzig Jahre lang gewartet. " Libération, Paris "Schade, Adam. " Gazeta Wyborcza, Polen "Hannawald hat das geschafft, was Adam Malysz vollbringen sollte. " Rzeczpospolita, Polen.BONGARTS: Völlig losgelöst: Sven Hannawald, Hobby-Dirigent.AP/CHRISTOF STACHE Ratlos: Adam Malysz, die Nummer eins des Skisprung-Weltcups.