Von Ally McBeal bis zur ZDF-Hitparade: "Das Fernsehlexikon" versammelt mehr als 7 000 TV-Sendungen: Mit Herricht und Preil geht es los

Der erste Satz der vorangestellten "Bedienungsanleitung" definiert zugleich die Zielgruppe. Ein Fernsehlexikon sei "ein Buch für alle, die eigentlich lieber fernsehen." Für all jene ehemaligen Kinder zum Beispiel, die - wie die Autoren Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier in ihrem Vorwort schreiben - ganz und gar nicht dachten, herumzutollen, "nur weil die Sonne schien". Schließlich gab's im Fernsehen "Manni der Libero", und das bei jedem Wetter.Die frühe Sozialisation durchs Fernsehen hat sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Publikationen niedergeschlagen. Fernsehen als kollektives, verbindendes Gemeinschaftserlebnis war in den 70er und 80er Jahren schließlich noch möglich - ob nun mit "Manni der Libero" oder "Daktari". Inzwischen hat sich die Zahl der Sender vervielfältigt, das Programm läuft rund um die Uhr und die Serien, Shows und anderen Sendungen sind auf eine nicht mehr zu überschauende Weise angewachsen.Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier hat die Faszination der Flimmerkiste seit den Jugendtagen nicht verlassen. Reufsteck, Moderator bei SWR 3, leitet dort ein Radioquiz rund ums Fernsehen; Stefan Niggemeier, der sich als Medienjournalist für Blätter wie Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit einen Namen machte, verantwortet heute die Medienseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.Ihr Gemeinschaftswerk ist ein Koloss: Mehr als 1 500 Seiten dick und gute zwei Kilogramm schwer. Über 7 000 Sendungen des deutschen Fernsehens seit 1952 haben die beiden Autoren erfasst - Magazine, Unterhaltungsshows, Nachrichtensendungen, Serien, TV-Mehrteiler, einheimische wie importierte Produktionen. Ihre Einschränkungen: Die Sendungen müssen in einem Vollprogramm gelaufen sein und aus mindestens drei Teilen oder Fortsetzungen bestehen. Kleine Sender oder Regionalprogramme sind daher nur in Ausnahmefällen erfasst. Außerdem müssen die Sendungen viel gesehen worden oder wenigstens auf irgendeine Art obskur gewesen sein, um Eingang in das "Fernsehlexikon" zu finden.Die DDR-Spielshow "A, B oder C" mit Rolf Herricht und Hans-Joachim Preil hat es geschafft und steht an erster Stelle im Buch, das RTL Mittagsjournal "12.30" mit Milena Preradovic bildet das Schlusslicht. Anders als der im vergangenen Jahr neu erschienene "Serienguide" verzichtet das "Fernsehlexikon" auf die Auflistung aller Episodentitel und Rollenbesetzungen. Dafür findet sich die eine oder andere Serie, die man selbst im vierbändigen "Serienguide" vermisst. Nicht nur das Fernsehen der DDR ist ausführlich erfasst, auch manche weniger bekannte Serie ist gelistet, etwa die unterschätzten Inge-Meysel-Vehikel "Gertrud Stranitzki" und "Ida Rogalski"Die Einträge sind in der Regel kurz und prägnant. Je populärerer, kultiger (wahlweise trashiger) eine Produktion, desto ausführlicher werden die Autoren. Der Eintrag zu "TV Total" umfasst - wie auch jene zur "Sesamstraße" oder den "Simp-sons" - zwei Seiten und versucht zugleich das Phänomen Stefan Raab zu erklären. Bei "Tutti-Frutti" werden nachträglich auch noch mal die Spielregeln und Verteilung der "Länderpunkte" erläutert.Der Tonfall ist in der Regel sachlich, aber nicht spröde lexikalisch. Bisweilen aber gönnen sich die beiden Autoren aber doch die eine oder andere süffisante Bemerkung. Die Sketchshow "Hella & Dirk" warf nach Ansicht des Autorenduos "die Entwicklung des RTL-Humors unerwartet um Jahrzehnte zurück", auch Johannes B. Kerner gehört offenbar nicht unbedingt zu den TV-Lieblingen von Niggemeier und Reufsteck:"Seine Art, sich von jeder Frage gleich wieder zu distanzieren und sich auch nach den schmutzigen Intimgeschichten zu erkundigen, ohne dabei selbst schmutzig zu werden, prägte die Sendung". Solche kleinen Gemeinheiten und manch andere feine Beobachtung sind es aber natürlich letztlich, die das Blättern, Stöbern und (Wieder-) Entdecken vergangener Fernsehfreuden und -leiden zum Vergnügen machen.------------------------------Das BuchFoto: Michael Reufsteck/Stefan Niggemeier: "Das Fernsehlexikon. Alles über 7 000 Sendungen von Ally McBeal bis zur ZDF-Hitparade". Goldmann Verlag, 1 512 Seiten, 49,90 Euro------------------------------Foto: F wie Flipper: Der kluge Delfin sprang von 1966 bis 1969 im ZDF herum.