Man sagt zwei Herzen schlagen in der deutschen Brust: das eine heiß, das andere kalt. Welchem davon sollen wir vertrauen? Im vergangenen Jahr wurde Joachim Gauck, Bürgerrechtler, Pfarrer und erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen von den Deutschen zum Präsidenten der Herzen ernannt. Nun meldet er sich zu Wort und spricht von einer deutschen Sehnsucht. Er fordert mehr Volksentscheide, mehr direkte Demokratie: klarer, einfacher, weniger Kauderwelsch, mehr auf den Punkt, auf die wahren Probleme der Menschen hin. Er spricht mit heißem Herzen, dafür wird er verehrt.Kalt dagegen schlägt das Herz der Verwaltung, von der bereits Max Weber, einer der Begründer der modernen Soziologie behauptete, sie sei die eigentliche Macht im Staate. Ohne die Klärung von Vorschriften, Erlassen und Zuständigkeiten, ohne Mitzeichnungskette und ohne die Spiegelreferate bei Bund, Ländern und Kommunen entscheidet der deutsche Fachbeamte gar nichts, egal wer nach gewonnener Wahl gerade Minister wird. "Moooment mal!", sagt der Beamte zu einer bisweilen mit dem heißen Herzen verfassten Vorlage, "das müssen wir erstmal prüfen." Als die Mütter und Väter des Grundgesetzes das föderale System einführten, machten sie die deutsche Demokratie schwerfällig. Heute ist sie mit ihrer Verwaltung darüber hinaus ein Hort des Lokalzentrismus, der Provinzialität, ja der Kleinstaaterei geworden. Kein Wunder also, dass der Wunsch nach dem Großen wächst.Wenn in Deutschland ein solches "Think Big" aber bedeutet, eugenische Thesen wie die Thilo Sarrazins über "minderwertige" Muslime übers Land zu schleudern, dann wird es heiß im Land, und doch kann sich niemand daran wärmen. Die letzte Studie über "deutsche Zustände" der Professoren Heitmeyer und Zick von der Universität Bielefeld gibt genauer Auskunft über die Temperatur der Herzen. Sie spricht von Verrohung des Bürgertums und der Abwertung von Muslimen, Juden und allen, die ökonomisch nicht als "nützlich" betrachtet werden. Sarrazins Weltsicht entspricht also durchaus der Stimmung großer Teile des Volkes.Dass unser Präsident der Herzen Joachim Gauck jetzt mehr direkte Volksentscheide will, weil die Deutschen nach 60Jahren reif dafür seien, ist ein Grund zur Sorge. Er bezieht sich nämlich auch auf Sarrazin. Der habe gewagt, wirkliche Probleme anzusprechen. Politische Korrektheit trüge, ja störe hier, weil sie die wahren Probleme verberge. Sarrazin habe den Politikern gezeigt, wie man mutig Wahrheiten anspreche, meint Gauck. Wenn das Herz so spricht, muss man lauschen. Denn vor Sarrazins Thesen gefriert einem das Blut, zumal wenn man zu einer der abgekanzelten Minderheiten gehört. Solche Kälte mit heißem Herzen zu propagieren und viel Zustimmung zu bekommen, das ist eine deutsche Spezialität. Genau vor diesem Temperaturchaos grauste es die Väter und Mütter des Grundgesetzes.Sollten wir doch eher den Fachbeamten vertrauen? Sie halten die Hitze ab und machen trotzdem, dass die Maschine Deutschland sich bewegt. Das ist mühsam und provinziell, es hält auf, ist kleinkariert. Aber wir wissen wenigstens, womit wir es zu tun haben. Seien wir doch unserer Bürokratie dankbar, wenigstens für einen kleinen Moment, denn sie bewahrt uns vor dem Sturm der heißen Herzen.