von Anetta Kahane, Vorsitzende, der Amadeu-Antonio-Stiftung: Die Quelle schließen

Als das Licht ausging im großen Saal der Polizeischule in Kalabrien und die Jugendlichen verstummten, um dem Auftritt von Carlotta im Wettbewerb zu lauschen, begann ich zu verstehen, was Mafia bedeutet. Mir war klar, dass dahinter weit mehr steckt als der berühmte Showdown zwischen verfeindeten Familien im Film "Der Pate" auf den Treppen der großen Oper in Palermo. Meine Vorstellungen von Mafia oder 'Ndrangheta - so heißt sie in Kalabrien - kreisten um Gewalt, Drogen um Bosse, Handlanger, tapfere Verfolger und heldenhafte Staatsanwälte. Doch eigentlich hatte ich keine Ahnung.Carlotta war die erste auf der Bühne. Sie trug Sonntagskleider. Selbstbewusst rezitierte sie ihr Gedicht "Die besondere Freiheit". Es handelte davon, nicht mehr einfach mitzumachen. Sie bekam großen Applaus. Wie die meisten Jugendlichen im Publikum hatten sie ein eher verschlossenes, ernstes Gesicht. Neben mir klatschte Claudio La Camera, Leiter des 'Ndrangheta-Museums. Er hatte den Wettbewerb zum Thema Mafia organisiert. Dass so viele junge Leute teilnahmen, war ein Riesenerfolg, auch dass sie dafür ausgerechnet in die Polizeischule gekommen waren.Diese Schüler leben in normalen Familien im ländlichen Raum. Da gibt es keine Mafia-Romantik. Man redet nicht einmal darüber. Wozu auch? Der Alltag ist bescheiden und mühsam; dass selbst das Streichen eines Zaunes kompliziert sein kann, weil dieser oder jener Onkel gefragt werden muss, wissen diese Jugendlichen, auch wem sie zu gehorchen haben und welche albernen Regeln gar nichts gelten. Wie ihre Großeltern tun sie, was verlangt wird und schauen weg, wenn die Onkel ihre Geschäfte machen oder Strafen erteilen. Wie ihre Eltern verachten sie den Staat mit seinen Regeln und Gesetzen. Als Carlotta vortrug, war mir mit einem Mal klar: Ohne die Kultur zwischen Gehorsam und Anarchie, Härte und Verbindlichkeit, gäbe es keine Mafia mehr. Wenn Carlotta nicht mehr will, hat die 'Ndrangheta ein Problem. Es ist wie in Deutschland. Die Naziplage wäre ohne die Alltagskultur von heimlichem Rassismus und unheimlicher Heimatduselei unmöglich. Also muss man bei den Jugendlichen anfangen, soll die Tradition des Duldens verändert werden.Renato Cortese, Chef der mobilen Polizeieinheit zur Bekämpfung der 'Ndrangheta, ist ein Held, ebenso wie Michele Prestipino, leitender Staatsanwalt der Region Kalabrien. Sie haben Mörder zur Strecke gebracht, Milliardengeschäfte gestoppt, Entführte befreit. Als ich ihnen erzählte, wie sehr unsere Arbeit gegen Rechtsextremismus derjenigen gegen die Mafia ähnelt, waren sie neugierig. Ohne Jugendliche, die nicht mehr mitmachen und ohne eine Gesellschaft, die sie stützt, bleibt die Macht der Mafia ungebrochen, meinte der Staatsanwalt. Renato Cortese sagte, dass er ohne Claudio La Cameras Arbeit mit den Jugendlichen einpacken könnte. Das wäre, als wischte jemand neben einer übergelaufenen Badewanne unermüdlich auf, ohne auf die Idee kommen, den geöffneten Wasserhahn zu schließen.Für den Fall, dass mal wieder jemand meint, wir bräuchten keine Projekte gegen Neonazis mehr, die Jugendliche wie Carlotta und eine selbstbewusste Zivilgesellschaft hervorbringen, und glaubt es reiche, die NPD einfach zu verbieten und die Polizei den Rest machen zu lassen, merke ich mir diesen Satz für alle Zeiten.