Liederlich, schmutzig, nachlässig, ordinär und leichtfertig - welch hübsche Bezeichnungen für eine unordentliche Frau. Es lässt sich auch kürzer sagen: Du dreckige Schlampe! Eine Beleidigung, klar. Doch Beleidigungen lassen sich rebellisch und subversiv umdeuten. Und das passiert. In Miami und Seattle, in Sao Paulo und Matagalpa, von London über Paris, Stockholm und Amsterdam. Schlampen erobern die Straßen. Als Slut, Salope, Puerca. Marsch der Schlampen. Slut walk!Schon das Deutsche Wörterbuch von 1899 kannte die Schlampe. Ursprünglich ging es um den "schlotternden, unordentlich herabhängenden Weiberrock"; doch aus dem Lotter-Rock wurde bald ein Schimpfwort. Für Frauen. Für alle, die nicht dem herrschenden Ordnungs- und Reinheitsideal entsprachen - im wörtlichen wie im sexuellen Sinne. Schlampen waren nicht nur die unsauberen, sondern auch die freizügigen, verdorbenen Weibsbilder. Die es mit Männern trieben. Sex ist schmutzig, eine Frau, die ihre Sexualität nicht im Zaum hält, eine Schlampe.Der kanadische Polizist, der den Begriff gedankenlos abwertend in den Mund nahm, ahnte ja nicht, was er anstellte. Eigentlich wollte er Studentinnen an der York University in Toronto über Sicherheitsfragen aufklären. Lauft nicht rum wie Schlampen, empfahl er ihnen, damit ihr nicht Opfer sexueller Gewalt werdet. Wenige Wochen später, im April dieses Jahres, hat er damit erst in Toronto, dann in vielen anderen Städten Tausende Frauen auf die Straße gebracht.Keine Frau provoziert sexuelle Gewalt durch ihre Kleidung. Keine Frau ist selber schuld daran, wenn sie vergewaltigt wird. Das ist die Botschaft des Slut Walk. "Wir fordern das Recht auf Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Gender, Sexualität und Begehren", schreiben die Organisatorinnen des Schlampenmarsches, der in Deutschland geplant ist. "Wir haben es satt, in einem System zu leben, das sexualisierte Übergriffe, Gewalt und Belästigungen verharmlost, legitimiert und den Opfern die Schuld gibt." Aufreizende Kleidung heißt nicht, dass eine Frau Sex will.Am 13. August werden Frauen in Berlin, Frankfurt, Hamburg, München und dem Ruhrgebiet demonstrieren. Leicht bekleidet, in kurzen Röcken und Netzstrümpfen, in engen und tief ausgeschnittenen Tops. Oder auch in Business-Klamotten und braven Kleidern. Schließlich geht es nicht um einen Dresscode oder das Recht auf Sexyness. Es geht um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Hier soll Körperpolitik auf die Straße getragen werden.Ironisch war es gemeint, als sich die kanadischen Frauen den Begriff Schlampe aneigneten und ihn selbstbewusst umdeuteten. Die Proteste gehören in eine lange Reihe feministischer Aktionen gegen Vergewaltigungsmythen. Doch das Schimpfwort positiv zu adoptieren und die Schlampe emanzipatorisch zu erobern, ist nicht so einfach. Auch wenn es dafür eine gute Tradition gibt. Haben nicht auch Schwule und Lesben ehemals denunziatorische Zuschreibungen als politische Plattform genutzt?Lassen sich die Verhältnisse durcheinanderwirbeln, indem man sich die herrschaftliche Sprache und Codes aneignet? Lässt sich Sexismus mit einer sexistischen Beleidigung bekämpfen? Einen Versuch ist es immerhin wert. Steh auf, wenn du eine Schlampe bist!