Wie ein Schulmädchen hockt sie in der ersten Reihe, mit verknoteten Beinen, schüchternem Lächeln - und fast wirkt es, als ob sie sich an ihrem Notizheft festklammert. Tavi Gevinson, die gerade mal 13-jährige Star-Bloggerin, gehört eigentlich auch auf die Schulbank. Stattdessen sitzt sie neben Promis und viermal so alten Journalisten bei der New Yorker Fashion Week und wartet auf den Beginn der Show von Alexander Wang.Bevor die losgeht, ist alle Aufmerksamkeit auf den Knirps inmitten der Modeelite gerichtet. Die Fotografen schießen ein Bild nach dem anderen, Tavi schaut betreten zu Boden und beginnt, in ihr Buch zu kritzeln. Auf der Nase sitzt eine Nerd-Brille, auf dem Kopf ein buntes Turbangebilde, unter dem Rock schauen knallbunte Strümpfe hervor. Es ist bereits ihre zweite Saison bei den Schauen am Bryant Park, zwischendurch war sie in Paris und bei einem Event in Tokio - ganz geheuer ist ihr der Rummel um ihre Person aber offensichtlich immer noch nicht. "So viele Menschen machen mich nervös. Mir geht es ja um die Mode", sagt sie mit kindlichem Ernst, bevor die Lichter ausgehen und die Show beginnt.Ihre Gedanken zur Mode waren der Grund, warum sie mit elf Jahren, einem Alter, in dem andere Mädchen noch Barbiepuppen an- und ausziehen, ihren Blog Style Rookie (deutsch: Stil-Anfängerin) gründete. "In meinem Kopf dreht sich so viel um Designer und ihre Kreationen. Ich wollte meine Beobachtungen einfach weitergeben. Damit, dass sich jemand dafür interessiert hatte ich nicht gerechnet", sagt sie mit professionellem Understatement. Die altklugen Einträge, kunstvollen Collagen und skurrilen Selbstauslöser-Fotos eines Dreikäsehochs, der mit Strebermiene in die Kamera schaut, hatten aber in Windeseile eine anschauliche Fangemeinde. Ihre Kommentare waren so treffend und tiefgängig, dass sich schnell die ersten Zweifler rührten und in der Blogger-Community eine heftige Diskussion ausbrach, wer tatsächlich hinter Style Rookie stecke. Dass die profunden Analysen von einer Göre aus einem ruhigen Vorort von Chicago kamen, konnten viele der erfahrenen Modebeobachter nicht glauben. Allein dieser Streit bescherte dem Neuling Tavi mehrere Tausend Klicks.Ihre Eltern bekamen zunächst gar nicht mit, dass die Tochter aus ihrem grellgrün gestrichenen Kinderzimmer heraus die Welt unterhielt. Sie wussten zwar von deren Begeisterung für Modemagazine und bunte Klamotten. Dass die ruhige Tavi gerade zu einem Szene-Star mutierte, ahnten sie nicht. Erst als die New York Times für eine Geschichte anklopfte, rückte der Blog-Knirps mit der vollen Wahrheit heraus. Begeistert seien sie nicht gewesen, meint Mama Berit Gevinson, eine zurückhaltende Norwegerin, die bei jedem öffentlichen Auftritt ihres Kindes dabei ist und darauf achtet, dass die Hausaufgaben auch während der Fashion Week aufgearbeitet werden. Aber wer kann schon Nein sagen zu Times, Vogue, Harper's Bazaar und dem Quengeln eines Teenagers? 2009 erschien Tavi auf dem Cover des Magazins Pop, das von dem Künstler Damien Hirst in fünf verschiedenen Versionen gestaltet worden war. Der Aufstieg von Style Rookie war danach nicht mehr zu bremsen. Heute klicken fast zwei Millionen Fans im Monat den Blog an, manche Geschichten bekommen über 300 Kommentare.Tavi Gevinson hat das geschafft, wovon tausende aufstrebender Blogger träumen: Sie wird von Designern persönlich eingeladen und begrüßt, schreibt Kolumnen für Magazine und reist auf deren Kosten um den Globus. Mit kindlicher Naivität geht sie in einer Welt ein und aus, die sich früher Journalisten erst nach vielen Jahren harter Arbeit eröffnete. Die wissen noch nicht so ganz, wie sie mit dem Blogger-Boom im Allgemeinen und einer minderjährigen Vorreiterin im Speziellen umgehen sollen. Ignorieren? Über den Kopf streichen? Ernst nehmen? Die meisten aber regen sich auf und machen die digitale Welt für den Untergang der glamourösen Modeindustrie verantwortlich.Davon bleibt auch ein Kinderstar nicht verschont: Als Tavi vor ein paar Monaten mit einer überdimensionalen rosa Schleife vom Designer Stephen Jones auf dem Kopf in der ersten Reihe der Dior-Schau in Paris saß, hagelte es böse Kommentare von alteingesessenen Journalisten. Ein verwöhntes Gör, das einem die Sicht raube und den ernsten Beruf ins Lächerliche ziehe, wetterten die Reporter. "Klar nervt mich das", sagt Tavi. "Und überhaupt ist es doch kein Wettstreit. Ich sehe es vielmehr als Kooperation. Blogs und Magazine sind gut für unterschiedliche Dinge. Das ist so, also ob man Äpfel mit Orangen vergleicht." Die Zukunft der Mode liege im Internet, fügt sie mit tiefernstem Gesicht hinzu und man weiß nicht so genau, ob sie das irgendwo gelesen hat oder tatsächlich bereits einen solchen Weitblick besitzt.Die Zeichen stehen jedoch gut, dass der Nachwuchsstar recht hat. Bei der gerade zu Ende gegangenen Fashion Week in New York drehte sich alles um das schnelle Medium, ganze Shows wurden live im Web übertragen, Bilder in Windeseile hochgeladen und die ersten Kommentare zu den Kollektionen standen bereits in den Blogs, als die Vogue- und Vanity-Fair-Schreiber noch beim Finale applaudierten. Der Rhythmus hat sich geändert, die Gesichter, die ihn antreiben, ebenfalls. Die heutigen Stars heißen Scott Schuman, Susie Bubble, BrianBoy oder Hanneli Mustaparta. Sie reisen, bewaffnet mit ihren Digitalkameras, von London nach Paris, von Tokio nach New York und begrüßen die kleine Kollegin Tavi wie eine alte Bekannte. Gemeinsam fachsimpeln sie über gewagte Schnitte, fließende Stoffe und die besten Präsentationen. Y 3-Designer Yohji Yamamoto ist dabei der Liebling der 13-Jährigen, Lubov Azria von Max Azria ist "unglaublich süß" und Marc Jacobs "ein immer wieder überraschendes Genie".Das Lob beruht auf Gegenseitigkeit. Selbst Modezar Karl Lagerfeld schmeichelte dem Teenager in Paris mit freundlichen Worten, was sie "unbeschreiblich nett fand". Kate und Laura Mulleavy von Rodarte ließen sich von Tavi gar zu einer ganzen Kollektion für die Handelskette Target inspirieren. Acht Monate, nachdem Style Rookie online ging, waren die Schwestern schon Fans und schickten eine handgefertigte Rodarte-Strumpfhose per Post nach Chicago. Solche Erfahrungen lassen selbst die redegewandte Mini-Bloggerin vor Ehrfurcht verstummen. Für sie ist immer noch alles aufregend und neu - auch wenn sie bei so mancher Show den gekonnt gelangweilten Blick der Sitznachbarn bereits perfekt imitiert.Tavi glaubt allerdings nicht, dass der Erfolg sie verändert hat. "Ich bin wie immer. Ich erlebe spannende Sachen, das stimmt. Meine Freunde in der Schule fragen mich aber nicht mal danach. Ich bin ja kein Star oder so was", sagt sie. Zu den Schauen darf sie nur, wenn die Noten gut sind und die Schule mit einer Sondergenehmigung ihr Okay gibt. Auch zu Hause gelten feste Regeln: "Keine Tattoos, keine Piercings. Da bleiben wir hart", sagt ihre Mutter. Eine Veränderung ihres Aussehens setzte Tavi, ganz der dickköpfige Teenager, aber durch: Ihre Haare sind gerade eisblau gefärbt. Die Frisur erinnert leicht an den Bob der gefürchteten Vogue-Chefin Anna Wintour. Die wird sich fürs erste die Aufmerksamkeit und die Erste Reihe mit der heranwachsenden Bloggerin teilen müssen, denn Tavis Erfolg nimmt immer weiter zu. Dafür bekam sie bereits den Namen Baby-Wintour. In Fashion-Kreisen ist das ein riesiges Kompliment.Style Rookie ist zu finden unter: http://tavi-thenewgirlintown. blogspot.com------------------------------Foto: Eiskalt eisblau hat sich Tavi Gevinson gerade ihre Haare gefärbt. Der Effekt wird von einer Riesenschleife in Rosa noch erhöht. Die, die bei der Dior-Schau in Paris hinter ihr sitzen mussten, hat das allerdings weniger gefreut.