Als Jennifer Morellato im Frühling 2001 zum ersten Mal nach Kambodscha kam, gab es in der Hauptstadt Phnom Penh noch viele nicht asphaltierte Straßen. Ihre Begegnung mit dem dreihundert Kilometer entfernten Siem Reap war noch ernüchternder: Ärmliche Lebensverhältnisse, keine Infrastruktur für den aufkeimenden Tourismus, leere Geschäfte und eine hohe Arbeitslosigkeit.Vermint, immer noch gebeutelt von den Nachwirkungen jahrelanger Bürgerkriege und der brutalen Unterdrückung des Pol- Pot-Regimes, schien Kambodscha nicht gerade das beste Pflaster für einen schicken Designer-Laden zu sein. Heute, zehn Jahre später, ist Jennifer glückliche Teilhaberin des Geschäfts Smateria und froh, damals ihrem Instinkt vertraut zu haben - "auch wenn alle mich für total verrückt hielten".Die Italienerin, die mit ihrer Landsmännin Elisca Lion mittlerweile vier Taschen-Läden in Kambodscha führt, ist eine der vielen aufstrebenden Jungunternehmer, die sich seit einiger Zeit Phnom Penh und vor allem Siem Reap als Standort für ihre eigenwilligen Kreationen aussuchen - und damit unerwartete Erfolge feiern. In der Stadt, die abenteuerlustige Reisende bisher nur mit den beeindruckenden Tempelanlagen von Angkor Wat lockte, zeichnete sich in den vergangenen Jahren ein regelrechter Design-Boom ab.Wer die Straßen von Siem Reap entlang spaziert wird früher oder später auf der Alley West landen, einer engen Seitenstraße im quirligen Zentrum der knapp 170000-Einwohner-Stadt. Parallel zur Partymeile, Pub Street genannt, geht es hier gemütlicher, ruhiger und gehobener zu. Schicke kleine Restaurants locken mit landestypischen Khmer-Gerichten oder westlicher Küche zu immer noch unglaublich günstigen Preisen.Viele Touristen kommen mittlerweile aber nicht mehr nur zum Essen hierher, sondern betreiben Designer-Store-Hopping. Ganz Schnelle hüpfen in 20 Minuten durch das gute Dutzend kleiner Geschäfte - wer witzige Einzelstücke, ausgefallene Schnitte und einen Mix aus Tradition und Moderne liebt, kann hier gut ein paar Stunden stöbern.Schilder mit blumigen Namen wie Wild Poppy, Spicy Green Mango oder Wanderlust springen einem ins Auge. Auch, weil bereits das Design am Eingang auf eine simple Coolness hindeutet, die man nirgendwo sonst in Südostasien derart zentriert findet. Wer kurz vergisst, dass er auf kambodschanischem Boden ist, könnte die Alley West leicht mit einer Straße im New Yorker Stadtteil Brooklyn verwechseln. Nur die Verkaufspreise sind ganz andere. Zwar wirken sie, gemessen an den verhandelbaren Preisen auf dem nahen Night Market, für Asien astronomisch, für Besucher aus Berlin, Paris oder London allerdings kaum. Ein Vintage-inspiriertes Sommerkleidchen mit gerafften Ärmeln kostet bei Circle um die 30 Euro, eine handgefertigte Kette aus überzogenen Knöpfen im Retro-Look kommt auf acht Euro.Keiner der Ladenbesitzer scheint es auf das große Geld abgesehen zu haben, sondern eher auf etwas, das vielen Geschäftsleuten in der westlichen Welt meist mit dem ersten Erfolg abhandenkommt: Die Designer und Künstler von Alley West wollen Spaß haben und ihre Kreativität ausleben. Dafür kamen sie aus den entlegensten Ecken der Welt nach Kambodscha. Diese Seitenstraße wirkt wie eine Enklave ausgewanderter Selbstverwirklicher, die mal ausnahmsweise nicht die Erleuchtung in Asien suchen, sondern einen günstigen Weg, ihre Ideen unter die Leute zu bekommen. Anya Weil siedelte aus der Ukraine ins Land der Khmer über, eröffnete 2008 ihre Boutique Spicy Green Mango und ist heute noch überrascht, wie problemlos alles verlief. "Verglichen mit anderen Ländern, in denen ich bereits gelebt habe, ist das hier ein einfaches Pflaster. Es gibt eine starke Gemeinschaft, jeder hilft dem anderen. Die Einheimischen sind extrem freundlich", sagt die 34-Jährige.Zu dieser friedlichen Energie passt, dass so gut wie jedes Ladenkonzept Fair Trade betreibt oder einen Teil der Einnahmen an wohltätige Organisationen abgibt. Circle beschäftigt HIV-infizierte Frauen und spendet einen Teil der Einnahmen an Aids-Organisationen, Wild Poppy stellt nur Einheimische ein, und auch Morellato und Lion legen Wert darauf, dass sie durch Produktion und Verkauf ihrer einfallsreichen Taschen und Accessoires so viel wie möglich an ihre neue Heimat zurückgeben. "80 Prozent unserer Angestellten sind junge Mütter aus der Umgebung, für die wir Kinderbetreuung garantieren", erklärt Jennifer Morellato.Kambodscha befindet sich noch immer in Aufbau. Jahrelange Kriege, Unterdrückung und Folter haben dem Land schwer zugesetzt. Auch die Nachbarn Thailand, Laos und Vietnam machten es der vorwiegend buddhistischen Bevölkerung im Verlauf der Geschichte nicht gerade einfach. Selbst heute noch gibt es Spannungen mit Thailand, im Kampf um den Preah-Vihear-Tempel im Norden des Landes. Zudem ist Kambodscha nach wie vor eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Die Wirtschaft erholt sich nur langsam - aber stetig, da ist sich zumindest die Ladengemeinschaft in der Alley West einig."Kambodscha ist im Begriff, seinen Platz in der Welt zu finden. Es ist eine spannende Zeit. Die Menschen beginnen ein neues Kapitel, und diese Energie ist überall spürbar. Es herrscht eine erfrischende Unbefangenheit", sagt Loven Ramos. Der 32-Jährige eröffnete vor zwei Jahren mit seinem Partner Don Protasio das Poetry, eine Mischung aus Design-Store und Kunstgalerie. Im loftartigen weißen Raum hängen die witzigen Taschen von Ramos neben den Stein- und Stahl-Schmuckstücken Protasios. Das philippinische Duo unterstützt zudem lokale Künstler und Designer mit Ausstellungen. "Kambodscha hat eine unglaublich lange und vielseitige Kultur mit Traditionen, die jahrhunderteweit zurück reichen. Wir flechten so viel wie möglich davon in unsere Stücke ein", sagt Ramos. Die Kunden scheinen genau diese Mischung aus Coolness und Geschichte zu lieben. Neben den Touristen, die nach ausgefallenen Einzelstücken und dem etwas anderen Souvenir jagen, kommen mittlerweile auch immer mehr Einheimische in die Alley West."Man spürt den Aufwärtsschwung und wie sehr sich das Gespür für eine bessere Lebensqualität verändert", sagt Jennifer Morellato. Dass Kambodscha seinen Ruf aufpolieren will, ist vor allem in den Städten unverkennbar. In Siem Reap wird überall gebaut, Hotels und Restaurants sprießen aus dem Boden. Die Touristen kommen in Scharen, die meisten mit dem Bewusstsein, ein Land zu entdecken, das aus einer aufgezwungenen Trance erwacht. Dass es bereits eine ganze Reihe hipper Designer-Läden gibt, während das Bus-System immer noch antiquiert anmutet, scheint die wenigsten zu stören."Es passiert ständig, dass Kunden uns einreden, wir würden besser nach New York, London, Paris oder Tokio passen. Sie finden, dass wir mit unseren Ideen extrem hervorstechen und für Kambodscha zu weit voraus sind", erzählt Loven Ramos stolz. Und schüttelt doch den Kopf. "Wir wären nie so weit gekommen, wenn die Menschen hier unsere Verrücktheiten nicht so offen aufgenommen hätten. Eine derartige Begeisterung für Neues und Kreatives habe ich bisher nur in Kambodscha gespürt."------------------------------Foto: Design und Kunst will Poetry verbinden.Foto: Schlichte Schnitte im Wanderlust-LadenFoto: Schmucke Inspiration für Kambodschas Kreative: Relief mit Tempel-Tänzerin in Angkor Wat.Foto: Taschenparadies: Vier Shops hat Smateria.Foto: Vintage-Look für das Kleid bei Circle