Auf das tragische Schicksal einer bislang unbekannten Widerstandsgruppe von Jugendlichen aus Brandenburg in den Anfangsjahren der DDR macht der "Stern" in seiner jüngsten Ausgabe aufmerksam.Mehr als 50 Personen in Werder, Glindow und Phöben bei Potsdam waren 1951 ohne Haftbefehl von der Stasi festgenommen worden. Acht von ihnen wurden hingerichtet, viele zu langen Zuchthausstrafen verurteilt. Großes Leid kam auch über die Angehörigen. "Die Toten haben in Werder kein Grab. Und so erinnert nichts an sie, kein Mahnmal im Ort, keine Geschichtslektion in der Schule", resümiert der Autor. "Ihre Richter und Folterer blieben unbestraft." Die meisten der betroffenen jungen Leute gehörten jener Generation an, die zwischen zwei Diktaturen politisiert wurde. Der Autor, der 67jährige frühere "Stern"-Reporter Benno Kroll, ging mit ihnen in Werder zur Schule, bis zu seiner Flucht in den Westen im Jahr 1946. Damals löste die SED die gerade erst etablierten Schülerparlamente auf. Westzeitungen wurden verboten und Kinder aus bürgerlichen Familien der Schule verwiesen. Damit wurde jener Widerstand ausgelöst, der für einige von ihnen mit dem Tode endete. Anfangs verprügelten die jungen Werderaner nur den neuen FDJ-Führer. Aber dann formierte sich ihre Empörung zum Widerstand: Im Sommer vor den Volkskammerwahlen 1950 fanden die Werderaner in ihren Briefkästen die ersten Flugblätter: "Wer die Nationale Front wählt, bekommt die SED!" Der Schüler Werner Bork, der Student Herbert Herrmann und ein paar Freunde hatten sie Stück für Stück auf der Schreibmaschine geschrieben, Hunderte. Jeder Werderaner, der einen dieser abgegriffenen Zettel zu fassen bekam, gab ihn weiter. Allein das konnte ihn ins Gefängnis bringen. Und mancher mußte dafür sterben. Nur dafür.In dieser Atmosphäre begannen die jungen Leute, Flugblätter zu verteilen und nahmen Kontakt zu der vom CIA gesteuerten "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" (KgU) in Westberlin auf. Einige begannen, im Auftrag der KgU russische Manöver und Kasernen auszuspähen, was schließlich zu ihrer Verhaftung führte. Alle Inhaftierten hatten sich gegen die DDR aufgelehnt, manche konspirativ gearbeitet. Acht dieser Jugendlichen büßten mit ihrem Leben, sechs verschwanden in Zuchthäusern der DDR und mehr als 30 wurden in sowjetische Straflager deportiert. Die jüngste Verurteilte war erst 15 Jahre alt; der jüngste zum Tode Verurteilte, Heinz Unger, gerade 18 Jahre, als ein russisches Militärgericht ihn hinrichten ließ. Niemand von den Angehörigen erfuhr, wohin die jungen Leute gebracht worden waren, die Behörden schwiegen beharrlich. Die Jugendliche Gerda Krause wurde zu vier Jahren verurteilt, weil sie Informationen über einen Verlag weitergab. Als ihre Mutter sie in der Haft besuchte, erlitt diese einen Schlaganfall und starb. Eva Kirschstein aus Phöben nahm sich nach der Haft im Zuchthaus Cottbus das Leben. Der Vater der hingerichteten Geschwister Hanni (21) und Heiner (20) Kuhfuß erhängte sich und die Mutter verfiel dem Wahnsinn.Auch mein Klassenkamerad Roland Rothe hatte sich nur verbal aufgelehnt. Der Sohn eines Postbeamten gehörte den DDR-Olympiakadern für Biathlon an. Sein Volkseigener Betrieb hatte ihn zum Studium an die Brandenburger Ingenieurschule für Bauwesen delegiert. Er war ein Privilegierter der Partei, verweigerte ihr jedoch den Beitritt. Er wußte, wer die Flugblätter streute. Aber weil er keinen denunzierte, wurde er nach neun Monaten Einzelhaft am 17. März 1952 von der Großen Strafkammer des Potsdamer Landgerichts zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.Vorsitzender Richter war Hermann Wohlgethan. Die SED hatte den Jura-Laien per Schnellkurs zum "Volksrichter" gemacht. Er schmähte Rothes Freundeskreis im Urteilstext als "gemein und verwerflich, weil er in der DDR alle Förderungen erhalten hatte, die ein junger Mensch erhalten kann". Im Gedächtnis seiner Opfer lebt Wohlgethan als "roter Freisler" fort: Im Strafmaß blieb er selten unter dem Antrag des Staatsanwaltes. Und er demütigte die Angeklagten mit beißendem Zynismus.Gegen den ehemaligen Volksrichter ermittelt laut "Stern" die Neuruppiner Staatsanwaltschaft in über 160 Fällen von Rechtsbeugungen. Ob es zu einem Prozeß kommt, sei ungewiß. Heute ist er 90 Jahre alt. Und in Neuruppin liegen 7 000 ähnliche Fälle vor, die nur mit sechs Staatsanwälten verfolgt werden. +++

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