Mein knapp dreijähriger Enkel G. quietscht vor Vergnügen "Mann Cacau", wenn dieser Nationalspieler über den Bildschirm huscht. Unter den großen Deutschen der Gegenwart und der vergangenen tausend Jahre kennt der blondlockige Knabe nur diesen einen. Da er gerne singt, wird er bald die Nationalhymne beherrschen, zumal Cacau sie so hingebungsvoll schmettert. Letzteres ist mir ein innerer Reichsparteitag, weil ich mir vorstelle, wie schlecht es unseren Rechtsradikalen geht, wenn ihnen Özil, Cacau, Gomez, Khedira oder Podolski die Freude am nationalen Fußballfest vermiesen und ihnen ihr Deutschland-Deutschland-über-alles im Halse stecken bleibt. Schwarz-rot-goldene Wallungen, die sofort verschwinden, wenn "wir" womöglich aus dem Viertelfinale fliegen, und nicht mit selbstverständlicher Weltoffenheit konkurrieren - etwas Schlimmeres kann nationalistischen Dumpfköpfen und Fremdenhassern in diesem unserem Schland nicht passieren.Während ein Berliner CDUler nach Intelligenztests für Zuwanderer kreischt, erlebt das Land, wie wenig sich seine begeisterten Einwohner und Fußballjungs nach Ur- und Neudeutschen scheiden lassen. Leider stehen solche Gemeinsamkeiten auf wackeligem Fundament. Das zeigte die Vereidigung der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan vor Kurzem. Weil sie die Formel "So wahr mir Gott helfe" gebrauchte, fragten nicht wenige Christsoziale entsetzt: "Um Gottes willen! Welchen Gott meinte sie denn? Allah?! Den meint unser Gesetz nicht!" Sie meinte Allah. Na und?Ähnlich erging es den deutschen Juden vor gut hundert Jahren. Sie durften keinen Eid leisten und schon gar nicht Christen einen Eid abnehmen, weil man dabei unbedingt auf den Gott des Neuen Bundes schwören musste. Dabei schienen die Juden ansonsten wunderbar integriert, und die meisten fühlten sich in ihrem neuen Vaterland wohl. Ja, sie schmiedeten die wildesten patriotischen Gesänge. Die wilhelminischen Deutschen verdankten ihr ungemein populäres "Flottenlied" dem jüdischen Dichter Robert Lindner: "Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot ... / In Afrika, in Kamerun, / Der wilde Feind sich zeigt, / Der deutsche Seemann mutig ficht ." Im Ersten Weltkrieg reimte der Jude Ernst Lissauer den Hassgesang gegen England: "Wir haben nur einen einzigen Hass, wir lieben vereint, wir hassen vereint, wir haben nur einen einzigen Feind." Kaiser Wilhelm II. verlieh ihm dafür den Roten Adlerorden. Aus Lissauers Lied stammt der spezielle Frontgruß deutscher Soldaten. Kreuzten sich im Schützengraben ihre Wege, grüßte der eine "Gott strafe England!", der andere erwiderte dumpf: "Er strafe es!" Man kann die Volltexte dieser Lieder auf rechtsradikalen Homepages nachlesen, allerdings ohne jeden Hinweis auf die "rassische Herkunft" ihrer vaterländischen Reimschmiede.Das Gedicht zur Annexion von Elsass-Lothringen steuerte 1870 Berthold Auerbach bei ("Im Elsass über dem Rheine, da wohnt ein Bruder mein"). Allerdings wusste Auerbach, was ihm jederzeit passieren konnte: Wolle sich einer, der kein Urdeutscher sei, "frei und selbständig, mit dem ganzen Gehalte einer eigentümlichen Persönlichkeit, neben oder gar gegen eine der Tendenzen" der Urdeutschen stellen, "so brechen die Spuren eines nur überdeckten" Hasses sofort hervor.Ach, bliebe das für immer Geschichte.