von Götz Aly, Historiker: Erinnerung an einen Freund

David Bankier ist tot. Die wenigsten Leserinnen und Leser werden mit seinem Namen etwas verbinden. Er war ein Freund der Deutschen, allerdings einer, der, wie gute Freunde es tun sollten, nicht selten ungemütliche und heftig vorgetragene Fragen stellte. David wurde 1947 im Kibbuz "Licht des Lebens" geboren. Es lag in Zeckendorf in der Nähe von Bamberg. Dort bereiteten sich 81 Überlebende des Holocaust auf die Auswanderung nach Palästina vor. Seine Eltern stammten aus Kiew und Warschau, sie hatten alles und alle verloren. Nichts wie weg aus diesem Europa, sagten sie sich. Wir brauchen ein eigenes Land, eine eigene Armee! Lasst uns Kinder machen, ein neues Leben beginnen und das Schreckliche überwinden! David Bankiers Lebensweg führte über Deutschland, nach Israel, nach Argentinien und wieder zurück nach Israel.Als Historiker beschäftigte ihn die Frage, wie es zum Holocaust gekommen war. Warum die Deutschen? Warum immer die Juden? Die deutsche Gesellschaft zwischen 1933 und 1945, die Haltung der ins Exil geflüchteten Deutschen zur Rassenpolitik, die Beteiligung zahlloser Europäer am Judenmord - das waren seine Themen. Niemals stellten ihn die Antworten zufrieden, die er in seinen Büchern zu geben versucht hatte. Er glaubte nicht daran, dass den Deutschen ein mörderischer Antisemitismus eingeboren gewesen sei. Er lehnte es ab, die Mordkommandos zu "durchschnittlichen deutschen Männern" zu erklären. Skrupulös suchte er die Antworten im allgemeinen menschlichen Verhalten. Als Skeptiker und Geschichtspessimist mied er die einfache, volkspädagogisch eingängige Erklärung. Der Alkoholkonsum der Mordkommandos interessierte ihn ebenso wie deren weltanschauliche Schulung. Die politischen und gesellschaftlichen Konstellationen des 19. und vor allem des frühen 20. Jahrhunderts hielt er für ausschlaggebend. Den Rückgriff auf einen angeblich deutschen "Autoritarismus seit Luther" nannte er Quatsch.Vor zehn Jahren war David Bankier Direktor der Forschungsabteilung der 1953 gegründeten Holocaustgedenkstätte Yad Vashem geworden. Sie liegt am Jerusalemer Herzlberg und grenzt an den nationalen Soldatenfriedhof. Bankier sah seine Aufgabe darin, den nationalisraelischen Sinnzusammenhang zu lockern. Die in seiner Zeit grundlegend erneuerte Ausstellung verzichtet auf vorschnelle, handliche Antworten. Sie lädt zum freien Fragen ein, zur Selbstprüfung, zum Zweifel. Mit ihrer grandiosen Bibliothek, ihren Archiven und Datenbanken gehört diese Erinnerungs-, Forschungs- und Diskussionsstätte heute zum Welterbe der Menschheit. Sie geht alle an.Daran hat David Bankier in einem winzigen Zimmer mit stets offener Türe, umgeben von Büchern und Bergen von Papier gearbeitet. Die Leukämie-Erkran-kung, an der er während der letzten fünf Jahre schwer gelitten hat, nahm er als Herausforderung. Fast bis zum letzten Atemzug mischte er sich in die Diskussion ein, prüfte und korrigierte die Manuskripte anderer Leute und arbeitete an seiner Lebensfrage, von der er nur eines sicher wusste: "Auch bei besserer Gesundheit würde ich sie niemals abschließend beantworten können." In Deutschland wurden seine Bücher nicht populär, weil er keine Hilfestellung dazu gab, den Holocaust mit spitzen Fingern in angeblichen besonders schmutzigen Ecken der deutschen Geschichte abzulegen.