Von kleineren Irritationen abgesehen lebten wir bis zur Stunde recht auskömmlich mit unserem demokratisch-militanten Nationaldichter Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Damit wird morgen Schluss gemacht, und zwar um 14 Uhr. Dann ist es vorbei mit der scheinbaren Harmlosigkeit dutzender Arndt-Schulen und -Straßen.In der Weimarer Republik galt Arndt als geistiger Garant der Reichseinheit ("Das ganze Deutschland soll es sein"); Hermann Göring benannte die Universität Greifswald nach ihm, die DDR beließ es gerne dabei; zum zweihundertsten Geburtstag ehrte die Bundespost den politisch immer passenden Arndt mit einer Briefmarke; die Nationale Volksarmee der DDR und die Bundeswehr pflegten ihre an die Lützowschen Freischaren anknüpfenden Traditionen mit je einer nach Arndt benannten Kaserne ("Der Gott, der Eisen wachsen ließ .").Der volksrevolutionär polternde Arndt engagierte sich für Staatsreform, gegen Feudalwillkür und Metternichsche Reaktion. Er büßte dafür mit jahrelangem Lehr- und Berufsverbot. Zu seinen bleibenden Verdiensten zählen der Kampf gegen die Leibeigenschaft und sein Eintreten für eine Landkriegsordnung, die Zivilisten, Verwundete und Gefangene schützt. Nicht zuletzt gehörte Arndt 1848/49 der Frankfurter Nationalversammlung an.Dem zum Trotz wird der Senat der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald morgen Nachmittag mit großer Mehrheit beschließen, die Universität von ihrem Namenspatron zu befreien. Der Grund liegt im offenkundigen, aber erst jetzt als ausreichend anstößig empfundenen Judenhass dieses deutschen Demokraten. Arndt sah die Juden als "fremde Plage", die von dem herrlichen deutschen Volksstamme "auf ewige Zeit geschieden werden" müssten. "Unstet an Sinn und Trieb, umherschweifend, auflauernd, listig, gaunerisch" bilde der Jude den gefährlich "klugen" Antityp zum trägen, dafür treuherzigen Deutschen. "Wie Fliegen und Mücken und anderes Ungeziefer flattert der Jude umher, und lauert und haschet immer nach dem leichten und flüchtigen Gewinn." Solche Sätze müssen bei Arndt nicht gesucht werden, sie springen ins Auge, sei es im Früh- oder Spätwerk.Ernst Moritz Arndt wird aus dem Gedächtnis der Deutschen getilgt werden. So viel steht fest. Aber mit der Reinigungsprozedur wird ein geschichtliches Problem weggewischt. Es ist nämlich falsch, wenn viele Historiker behaupten und das Publikum gerne hört, der Holocaust erkläre sich allein aus negativen deutschen Traditionen, aus Kadavergehorsam und Untertanengeist. Diesem Bild stehen die antiautoritären Nationalrevolutionäre entgegen. Sie gingen für ihre Ideen ins Gefängnis, in den Untergrund, riskierten Wohlleben und Karriere. Sie kämpften gegen Unterdrückung und für Pressefreiheit, andere traten für grundlegende Reformen ein, doch säten viele von ihnen Judenhass: Turnvater Friedrich Ludwig Jahn ebenso wie Friedrich List, Achim von Arnim ebenso wie Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein. Der historische Boden, auf dem Auschwitz möglich wurde, lässt sich nicht in gute oder böse Schichten trennen. Der notorische Judenfeind Arndt repräsentiert - leider nicht untypisch - jene nationalromantische, demokratische deutsche Einheitsbewegung mit ihren Farben Schwarz-Rot-Gold, auf die sich die Bundesrepublik mit Recht beruft.