Mit Erstaunen las ich in dieser Zeitung am 7. Oktober: "Der Bundestag will sich für ein zentrales Denkmal aussprechen, das den Opfern der NS-Euthanasie-Opfer gedenkt." Was soll der Zirkus?Seit 1991 gibt es ein solches Monument an der Berliner Tiergartenstraße vor der Philharmonie. Es wurde nach einer vierjährigen Auseinandersetzung geschaffen, besteht aus einer großen, in den Boden eingelassenen Bronzeplatte, den "Curves" von Richard Serra und - anders als am Stelenfeld für die ermordeten Juden - lässt sich auf der Bronzetafel lesen, an wen und was hier erinnert wird: "TIERGARTENSTRASSE 4 / EHRE DEN VERGESSENEN OPFERN. An dieser Stelle, Tiergartenstraße 4, wurde ab 1940 der erste nationalsozialistische Massenmord organisiert, genannt nach dieser Adresse "Aktion T4". Von 1939 bis 1945 wurden fast 200000 wehrlose Menschen umgebracht. Ihr Leben wurde als -€ölebensunwert' bezeichnet, ihre Ermordung hieß -€öEuthanasie'. Sie starben in den Gaskammern von Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna, Bernburg und Hadamar, sie starben durch Exekutionskommandos, durch geplanten Hunger und Gift. Die Täter waren Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger, Angehörige der Justiz, der Polizei, der Gesundheits- und Arbeitsverwaltung. Die Opfer waren arm, verzweifelt, aufsässig oder hilfsbedürftig. Sie kamen aus psychiatrischen Kliniken und Kinderkrankenhäusern, aus Altenheimen und Fürsorgeanstalten, aus Lazaretten und Lagern. Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der verurteilten Täter."Diesen Text entwarfen Klaus Hartung und ich vor über 20 Jahren. Das Urheberrecht liegt bei uns. Zusammen mit Engagierten der Westberliner Geschichtswerkstadt setzten wir das Denkmal damals durch. Dafür hatten wir 1987 - mitten im Rummel der 750-Jahrfeier Berlins - vor der Philharmonie eine privat initiierte und bezahlte Ausstellung zur Aktion T4 gezeigt, untergebracht in einem alten, entkernten Doppeldeckerbus der BVG. Die Ausstellungstafeln gibt es noch. Daraus ließen sich mit geringem Aufwand wetterfeste, ergänzende Informationstafeln herstellen. Die Verhandlungen über das Denkmal scheiterten 1988 am rot-grünen Senat, führten jedoch 1991 dank des nachfolgenden CDU-Senators Volker Hassemer zum Erfolg.Warum soll dieses erste unter den mittlerweile so bezeichneten "zentralen" Berliner Denkmälern für die NS-Opfer nun geschleift werden? Warum behaupten die Bundestagsabgeordnete Claudia Roth und der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, es gebe dort nichts "Würdiges"? Warum wurden Initiatoren des bestehenden Denkmals nie in die Diskussion einbezogen? Schwungvoll reden einige Gedenkfunktionäre von Dokumentations- und Trauerort. Solche Orte gibt es längst in den ehemaligen Mordanstalten Hadamar, Bernburg, Grafeneck und Pirna. Hinter der Berliner Initiative stecken angeblich "bürgerschaftliches Engagement" und "Opferverbände". Wer sind diese Bürger? Welche Verbände meinen, die ermordeten Geisteskranken und Behinderten vertreten zu dürfen? Das Geheimnis erschließt sich aus dem Begriff "zentrale Gedenkstätte", der nebenher immer wieder fällt. Anders als ein Denkmal braucht eine Gedenkstätte Angestellte, einen Stiftungsrat plus möglichst großen Etat. Das Gedenkgewerbe will neue Planstellen, deshalb wird das gute Vorhandene schlechtgemacht.