WEST-ÖSTLICHER DIVAN III: Am Samstag fuhr ich mit Esther zum Toten Meer. Wir lagen in der 29 Grad warmen Salzbrühe und sprachen über unsere erwachsenen Kinder. Ihr Ältester ist Berufssoldat und in den besetzten Gebieten stationiert. Ich kenne ihn als sympathischen jungen Mann. "Weißt du", sagt Esther, "manchmal erzählt er mir am Telefon, was sie da so machen: Arabern auflauern, sie grün und blau schlagen. Einfach so. Ich will es eigentlich nicht wissen." In der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, in der ich zurzeit arbeite, werden täglich an die 300 Rekruten durchgeschleust. Normalerweise sind sie ausgelassen und verspielt. Gestern lachte keiner, versteinerte Gesichter.Seit Tagen tuckerte der Hilfskonvoi für Gaza mit sechs uralten Schiffen durchs Mittelmeer. Die Initiatoren wollten Israel herausfordern, aber gewiss mit friedlichen Mitteln. Das Massaker, das himmelhoch überlegene israelische Elitesoldaten gestern an wehrlosen Zivilisten angerichtet haben, ist ein feiges Verbrechen, das kein Recht, kein Kriegsvölkerrecht deckt. Bei aller Liebe zu Israel und seinen Bürgern halte ich die Formel "Unverhältnismäßigkeit der Mittel" für deutlich zu schwach. Das israelische Oberkommando behauptete gestern, die Friedensaktivisten seien mit ein paar Beilen und Messern bewaffnet gewesen. Lächerlich. Eine faule Ausrede. Mögen die Aktivisten tatsächlich diese "Waffen" gehabt und sogar geschwungen haben, sie bedeuten nichts für Spezialeinheiten, die sich monatelang auf solche Einsätze vorbereiten, mit den modernsten Kampfmitteln ausgerüstet und darauf trainiert sind, zum Beispiel israelische Gefangene unverletzt zu befreien. Verantwortlich ist nicht eine wildgewordene Soldateska, sondern allein die israelische Regierung. Sie hatte tagelang Zeit, eine solche Kommandoaktion angemessen vorzubereiten. Ihr Verhalten spiegelt die Ratlosigkeit eines in sich blockierten Landes und die hinter Hyperaktivismus und starken Sprüchen schlecht verborgene Konzeptionslosigkeit des Kabinetts Netanjahu. Handlungsunfähig steht es mit dem Rücken zur Wand. Jetzt erst recht. Aus reiner Verlegenheit veranstaltete diese Regierung vergangene Woche eine landesweite Luftschutzübung. Daran hätten alle Israelis teilnehmen sollen, weniger als 50 Prozent taten es. Die Ursachenforschung des Innenministers ergab: "verbreitete Apathie". Nur nebenbei: Wie die Zeitung Haaretz am Sonntag meldete, taucht die von einer solchen Regierung geführte israelische Kriegsmarine derzeit mit drei in Deutschland gebauten U-Booten im Persischen Golf umher - "mutmaßlich" mit Atomraketen bestückt.Die Woche hatte gut begonnen. Netanjahu war nach Washington eingeladen worden; Obama hatte sein neues, auf Kooperation gerichtetes Sicherheitskonzept mitteilen lassen; Abbas hatte in Ägypten erklärt, "die zweite Intifada war unser größter Fehler" und wollte zu Verhandlungen mit der Hamasführung nach Gaza reisen. In Tel Aviv wurde der französische Philosoph Bernard-Henri Levy erwartet, um über den Frieden zu debattieren. Levy sagte gestern: "Die Bilder, die wir heute Morgen sahen, sind für das Land vernichtend, das ich so sehr liebe." Nach seinem Eindruck warte Israel auf die große heroische Geste eines Politikers von Format, der dem Land mit "überraschenden Entscheidungen" einen friedlichen Weg aus der "Sackgasse" weise.