Berlin - Seit vier Jahren steht an der Oppelner Straße in Kreuzberg ein träge wirkender Mann mit gelbem Kopf, der lustlos durch die Gegend schaut. Das Urban Art-Duo "Os Gêmeos" aus São Paulo hat die überdimensionale Figur im Rahmen der "Backjumps", einer Streetart-Ausstellungsreihe, auf die Hauswand gemalt. Das Motiv ist eines der Highlights des rund dreistündigen Graffiti-Spaziergangs durch Kreuzberg, der von Matze Jung (32), Martin Gegenbauer (31) und David Kammerer (44) angeboten wird.

Diesmal begleiten sie eine 23-köpfige Gruppe im Alter von elf bis 56 Jahren. Man wandert durch den Wrangelkiez, trottet gemächlich über die Oberbaumbrücke, geht an der East Side Gallery entlang und endet auf dem Yaam-Gelände. Immer wieder bleiben die Spaziergänger vor Hauswänden stehen, betrachten Türen, blicken in Hinterhöfe und lauschen Matze Jung. Er erklärt die Malstile und spekuliert über politische Aussagen der Bilder.

"Wir sprühen seit Jahren selber, haben als Politik- und Sozialwissenschaftler langjährige Erfahrung mit der Subkultur und wollen Interessierten einen differenzierten Blick auf die Schriftzüge und Bilder vermitteln", sagt Jung. Die drei arbeiten als Honorarkräfte beim Archiv für Jugendkulturen, halten Vorträge, geben Workshops und betreiben den Blog www.graffitiarchiv.wordpress.com.

Archiv der Jugendkulturen

Das Archiv der Jugendkulturen sammelt seit 1998 Zeugnisse aus diversen Jugendkulturen, betreibt Forschung, berät Kommunen, Institutionen und Vereine und produziert im hauseigenen Verlag eine Zeitschrift und eine Buchreihe. Vor vier Jahren hat sich dem Verein das Graffitiarchiv angeschlossen. Dessen Sammlung besteht aus tausenden Presseartikeln, mehreren hundert Bildbänden und Magazinen, Dutzenden wissenschaftlichen Arbeiten, Flyern und Videos. Der Verein finanziert sich durch Spenden, Workshops und Aktionen wie den Spaziergängen, die seit Mai dieses Jahres zwei- bis dreimal pro Monat stattfinden. "Bei uns sind schon Schulklassen, Rentner oder Sozialpädagogen mitgelaufen", sagt Jung.

Das Archiv der Jugendkulturen befindet sich in der Fidicinstraße 3 in Kreuzberg. Hier beginnt der Spaziergang mit einem Vortrag über die Geschichte und Ausprägungsformen von Graffiti. Die Teilnehmer erfahren, dass Graffiti Ende der 60er-Jahre in den USA populär wurde. Es gab immer mehr "Writer", die ihren Namen mit Filzstiften und Sprühdosen im öffentlichen Raum hinterließen. In den 80er-Jahren schwappte die Bewegung nach Europa über. Die Motive der Sprayer sind vielfältig, im Kern geht es ihnen um die Verbreitung ihres Künstlernamens. "Die meisten suchen Anerkennung, andere wollen Frauen beeindrucken oder ein Abenteuer erleben", so Martin Gegenbauer.

Zwischen urbaner Kunst und Sachbeschädigung

Seit jeher befindet sich Graffiti im Spannungsfeld zwischen urbaner Kunst und Sachbeschädigung. "Dabei kann das Sprühen als alternative Nutzung vom städtischem Raum angesehen werden", so Matze Jung. Es sei eine Form der Sozialkritik und eine Art der Mitbestimmung. Manche stören sich an den Schmierereien, andere erfreuen sich an den wilden Schriftzügen und bunten Bildern. Noah Jungegger (11), der mit seinem Vater Daniel Nachla (33) am Spaziergang teilnimmt, gehört zu Letzteren. Ebenfalls fasziniert sind zwei Dozentinnen der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Elke Josties (52) unterrichtet Soziale Kulturarbeit. Graffiti und Streetart ist daher auch beruflich für sie ein Thema. Die Medienpädagogin Ulrike Hemberger (56) sagt: "Wir interessieren uns dafür, wie sich Jugendkulturen ausdrücken und was die Jugendarbeit unternimmt, um sie dabei zu fördern."

Berliner Zeitung, 09.08.2011