Von Italien bis Portugal haben sich Argentinische Ameisen ausgebreitet. Sie leben in zwei riesigen Kolonien: Krieg im Ameisen-Imperium

Nein, so richtig überrascht ist Bert Hölldobler nicht von dem Fund seiner Kollegen. Forscher um Tatiana Giraud von der Universität Lausanne haben die größte Ameisenkolonie der Welt entdeckt und darüber im Journal "Proceedings of the American Academy of Sciences" (PNAS) berichtet ("Berliner Zeitung" vom 17. April). Über fast sechstausend Kilometer erstreckt sich eine "Superkolonie" der Ameisenart Linepithema humile; von Genua an der Mittelmeerküste entlang bis zur Atlantikküste Portugals.Hölldobler, Professor in Würzburg und einer der renommiertesten Ameisenexperten in Deutschland, sagt: "Es ist schon lange bekannt, dass diese ,Argentinische Ameise riesige Kolonien bildet. Ist sie erst irgendwo eingedrungen, so breitet sie sich weit aus."Wie in den USA. Vor eineinhalb Jahren sprachen Experten in Kalifornien von der größten Kolonie der Welt. Nun also Südeuropa - müssen wir Angst haben? Hölldobler: "Ich glaube nicht, dass die Art zu uns vordringen wird." Sie brauche ein subtropisches oder mediterranes Klima. Würden Exemplare hierher verschleppt, dann würden die Winter bei uns sie auslöschen. In den Ländern jedoch, wo sie heimisch geworden sind, haben die Argentinischen Ameisen bereits die ursprünglichen Arten verdrängt. Hölldobler erläutert, wie es dazu kommen konnte: "Linepithema humile zählt zu den polygynen und polydomen Arten. Das heißt, ein Volk kann mehrere Königinnen hervorbringen (polygyn) und mehrere Standorte (polydom) haben. Begegnen sich nun Arbeiter aus solchen Völkern, so behandeln sie sich nicht als Fremde - sie bekämpfen sich nicht. Das verschafft diesen Arten einen evolutionären Vorteil."Interessant an der Superkolonie an der Mittelmeer- und Atlantikküste ist, dass sich eine eigene Superkolonie in Katalanien abgespalten hat. Konfrontierten die Forscher katalanische Arbeiterameisen mit anderen, so lieferten die sich Kämpfe bis zum Tod. Dagegen behandelten sich Ameisen von Standorten in Portugal und Italien nicht als fremd. Die Ameisen sind in manchen Landstrichen bereits zur Plage geworden. Gefährlich seien sie aber nicht für Menschen, erläutert Hölldobler. "Sie sind halt lästig - wenn sie im Haus sind, gehen sie an den Zucker." Viel tun lässt sich nicht dagegen. Insektizide würden heimische Arten zu sehr schädigen, warnt der Wissenschaftler. In den USA versuche man seit Jahrzehnten, der Feuerameise Herr zu werden - ohne Erfolg. Hölldobler: "Wir haben kein Mittel dagegen."PNAS, Early Edition (Online-Ausgabe vom 16. April) Buchtipp: "Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt" von Bert Hölldobler und Edward O. Wilson, Piper-Verlag, 2001; 19,90 EuroCHARLES KÖNIG Zwei Argentinische Ameisen aus unterschiedlichen "Superkolonien". Sie kämpfen fast immer bis zum Tod.BERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Innerhalb der Riesenkolonie von Genua bis Portugal haben sich in Spanien Separatisten-Kolonien gebildet.