Die weißen Schalendächer der Oper in Sydney sind nicht nur zur architektonischen Ikone der Stadt, sondern des ganzen australischen Kontinents geworden. Ihr Architekt, der 1918 in Kopenhagen geborene Jørn Utzon, hat versucht, den Rationalismus des International Style zu durchbrechen und eine "Architektur für das Leben" zu schaffen, die zwar der Konstruktion folgt und von Funktion und Ort ausgeht, sich aber zum künstlerischen, ja irrationalen Ausdruck bekennt.Die Oper in der Hafenbucht von Sydney ist das Lebenswerk des Architekten. Nach dem Studium an der Royal Danish Academy of Arts unter Gunnar Asplund führten ihn nach dem Zweiten Weltkrieg Reisen durch ganz Europa und nach Mexiko, wo er die Tempel der Maya untersuchte. So wie ihre Plattformen über den Baumwipfeln spektakuläre Ausblicke ermöglichen, spielt die "Abgehobenheit eines Tisches" auch bei Utzon eine entscheidende Rolle. Mit dem Phänomen des Plateaus beschäftigte sich auch Utzons bekannteste Publikation von 1962. Er beschrieb horizontale Flächen als "Rückgrat architektonischer Kompositionen" für das Spiel plastischer Formen. Nach seiner Rückkehr eröffnete er 1950 sein eigenes Büro in Kopenhagen. Gleichzeitig begann auf der anderen Seite der Welt die Verwaltung des australischen Bundeslandes New South Wales mit den Überlegungen zum Bau eines Musiktheaters. Schließlich fand sich dafür ein zwei Hektar großes Grundstück an der Brücke am Circular Quay. Der sogenannte Bennelong Point ist nach dem Geburtsort des ersten Aborigines, der Englisch sprach, benannt. Sieben Jahre später wurde ein Wettbewerb mit über 200 Teilnehmern aus aller Welt veranstaltet. Utzons prämierter Entwurf ging deutlich über die Bedürfnisse eines Großtheaters hinaus.Tribut an die GeometrieTechnische und logistische Probleme begleiteten den gesamten Bau. Schon zu Baubeginn 1959 war klar, daß der Originalplan nicht auszuführen sein würde. Erst vier Jahre Forschung mit dem Ingenieur Ove Arup führten zur Konzeption von Schalensegmenten mit gleichem Radius. Nur die Vereinfachung der Geometrie gestattete die Vorfertigung der 2 000 Stahlbetonteile.Als der Rohbau 1966 fertig war, stieg Utzon resigniert aus dem Projekt aus, und ein australisches Architektenteam übernahm den Innenausbau. Die stark vereinfachten Interieurs folgen nicht Utzons Plänen. In 14 Jahren Bauzeit hat die Oper über 100 Millionen australische Dollar verschlungen, obwohl schon für die ursprünglich vorgesehenen sieben Millionen umfangreiche Spendenaktionen und Lotterien veranstaltet werden mußten. Mehr als nur eine OperUtzons grundlegende Idee war es, "mit einer künstlichen, 190 Meter langen Plattform wie mit einem Messer primäre und sekundäre Form vollständig zu trennen. Über der Ebene empfangen die Zuschauer das fertige Kunstwerk, darunter finden alle Vorbereitungen statt." Die Oper besteht aus dem mehrgeschossigen Unterbau und den bis zu 60 Meter hohen Schalen. Diese Muscheln überdecken vier große Säle mit über 5 000 Plätzen samt Foyers. Die Konzerthalle mit 2 700 Sitzen und der Opernsaal sind die größten Räume, ein Sprechtheater und eine Studiobühne, Restaurants und Bars machen aus dem Gebäude aber mehr als nur eine Oper. Die Räume entsprechen jedoch nicht durchweg der Form der Schalen, die wie Segel über dem Wasser zu schweben scheinen.Königin Elizabeth II. eröffnete den Bau 1973 persönlich. Trotz aller Querelen entwickelte sich die Oper zur Touristenattraktion Sydneys, die von zwei Millionen Gästen im Jahr besucht und für ihre Akustik- und Sichtverhältnisse geschätzt wird. Die Oper ist außerhalb der Vorführungen und Führungen zwar nicht zu besichtigen, aber es führen öffentliche Wege um das Gebäude herum. Reflexionen des Wassers geben der gewölbten "fünften Fassade" der Dachlandschaft ein lebendiges Licht- und Schattenspiel.Die Oper ist zwar mit Abstand Utzons prominentester Entwurf, aber auch die Bagsvaerd-Kirche in einem Vorort von Kopenhagen aus dem Jahr 1976 zeigt Utzons Meisterschaft. Wie in Sydney nutzte er hier vorgefertigte gewölbte Stahlbetonelemente als Dach und suchte abermals das konstruktive Abenteuer. Die strenge äußere Form der Kirche verrät nichts über die dynamische Architektursprache innen. Der Kritiker Kenneth Frampton hat die Kirche als "subtile Re-Interpretation von sakralem Raum" gewürdigt, die keine Gefahr läuft, kitschig zu sein. Entwürfe für das Zürcher Schauspielhaus, ein Museum in Aalborg und das Haus des Parlaments in Kuwait blieben unrealisiert. Sensibler WohnungsbauNeben seinen Entwürfen für monumentale öffentliche Gebäude zeigt sich die Sensibilität Utzons in seinen Wohnungsbauprojekten. Berühmt wurden seine Siedlung in Fredensborg und die "Kingo-Häuser" in Helsingör 1965. Er fügte fünf Dutzend gleiche Einfamilienhäuser in Winkelform mit ummauerten Höfen zu gestaffelten Ketten zusammen, die der Topographie folgen und geschlossene oder halboffene Parkräume schaffen. Utzons Werke sind poetische Erfindungen, deren strukturelle "Ehrlichkeit" dennoch skulpturale Harmonie ausstrahlt. Beim Entwerfen nahm Utzon "alle Anforderungen genau zur Kenntnis, um sie dann wieder zu vergessen" und frei zu sein für eine Architektur als Kunst.