Am Tag danach regnet es. Doch Elvis und Marilyn harren tapfer aus. Die vier Meter hohen Pappkameraden säumen den Eingang eines menschenleeren Biergartens, gleich gegenüber des olympischen Vergnügungsparks. Etwa fünfzig Meter weiter durchsuchen Sicherheitsbeamte der amerikanischen Bundespolizei FBI akribisch das Areal. Auf dem frischverlegten Rasen liegen Scherben, Abfall und kleinere Trümmerteile verstreut, am Explosionsort ist das Erdreich aufgewühlt. Weggespült hat der Regen nur die Blutlachen der Opfer. Von der Cafeteria des Hauptpressezentrums hat den besten Überblick, wer sich an Dutzenden Kamerateams und Fotografen vorbei an die Fensterfront durchkämpfen kann. Viel gibt es allerdings nicht zu sehen. Ganz hinten das Hauptgebäude des weltgrößten Nachrichtensenders CNN, daneben der Georgia Dome und die Betonsockel des Messezentrums, Schauplatz Dutzender olympischer Wettbewerbe. Vorn links Elvis und Marilyn. Rechts die Bühne, auf der die Rockband Jack Mack and the Heart Attack' in der Nacht zum Samstag ein Konzert gegeben hat. Bis genau um 1.19 Uhr die Detonation einer Rohrbombe den herbeigeredeten olympischen Frieden beendet hat.Die Bombe traf das Herz der Spiele. Den "Centennial Olympic Park", ein geschmackloses Labyrinth aus Werbebanden, Zeltplanen, Aluminiumgerüsten und Coca-Cola-Dosen, das den olympischen Zeitgeist wie nichts anderes dokumentiert. Die Bombe hat aber auch auf schreckliche Weise die arroganten Sprüche der Organisatoren widerlegt. "Wir werden sicherlich die besten Spiele aller Zeiten erleben", hatte IOC-Prasident Samaranch vor zehn Tagen versprochen. Billy Payne, der Chef des Organisationskomitees ACOG, erklärte am selben Tag, während der Spiele wird Atlanta "der sicherste Ort auf diesem wundervollen Planeten sein". Doch von olympischer Entspannung war nie etwas zu spüren. Statt dessen breitete sich über der Olympiastadt ein hartnäckiges Gemisch aus Hektik, Hitze und Desorganisation aus. Transportchaos für Menschen und Daten, dazu der kommerzielle Overkill, ein Kleinkrieg in Downtown Atlanta zwischen offiziellen Sponsoren und olympischen Trittbrettfahrern, die gern am Geschäft mit den Spielen verdienen mochten. Ja, selbst die Medien rauften untereinander. Fernsehsender protestierten gegen Einschränkungen in der Berichterstattung und Bevorteilung des amerikanischen Olympia-Haussenders NBC. Der Unmut wuchs ständig und überall, die Kritik am Organisationskomitee mehrte sich. Ewige Nörgler Auf hämische Schlagzeilen reagierten die Macher des ACOG gereizt. Bürgermeister Bill Campbell wollte sich die zum sportiven Freudenfest verklärte Veranstaltung nicht vermiesen lassen. Wenn es in Atlanta Probleme gebe, dann seien allein die Journalisten daran schuld, man solle diese ewigen Nörgler deshalb einfach auf den olympischen Schießplatz karren, schlug Campbell vor. In dieser aggressiven Atmosphäre löste der Bombenanschlag zwar Bestürzung, aber keinesfalls Verwunderung aus. Ulrich Feldhoff, der Chef de Mission des deutschen Teams, mochte Bürgermeister Campbell nicht so einfach davonkommen lassen. "Das muß man sich mal vorstellen: Noch vor zwei Tagen behauptet der Mann großkotzig, es gebe keinen Grund zur Aufregung. Jetzt erweisen sich Bemerkungen, in Atlanta gebe es noch keine Toten zu beklagen wie 1972, als besonders makaber."Daß es in Atlanta nicht mehr als zwei Tote gegeben hat, ist vermutlich allein der abgeklärten Reaktion der Terrorexperten des FBI zu verdanken. Nachdem ein anonymer Anrufer, vermutlich der Täter, die Explosion angekündigt hatte, begannen die Bombenspezialisten sofort mit der Räumung des Olympia-Parks. Dadurch sei "das Leben von 75 bis 100 Menschen" gerettet worden, erklärte Einsatzleiter Tom Davis. Schon einmal waren Olympische Spiele Schauplatz eines blutigen Anschlags. Am 5. September 1972 starben nach einem Uberfall palästinensischer Terroristen auf das Quartier der israelischen Mannschaft im olympischen Dorf 17 Menschen. Es starb auch das von Willi Daume entworfene Motto der "heiteren Spiele". 36 Stunden lang ruhte damals der Sport. Bis IOC-Präsident Avery Brundage auf der Trauerfeier im Olympiastadion die Spiele mit dem historischen Satz fortsetzen ließ: "The Games must go on." Die Spiele müssen weitergehen.Eine ähnliche Parole gab IOC-Generaldirektor Francois Carrard am Samstag um 5.19 Uhr in Atlanta aus. "The Games will go on", dreimal hat es Carrard gesagt: Die Spiele sollen weitergehen. Zuvor hatte IOC-Präsident Samaranch den Rapport seines Sicherheitsbeauftragten, des Inders Ashwini Kumar, entgegengenommen und zwei Stunden mit seiner Führungsriege, dem Exekutivkomitee, getagt. Ein Abbruch der Olympischen Spiele sei allerdings nie ernsthaft erwogen worden. Halbmast und La-Ola "Dieses Land kann niemals von Terroristen zur Geisel gemacht werden. Die Spiele - und das Leben - müssen weitergehen", erklärte Bürgermeister Bill Campbell. Auch Ex-Boxweltmeister Joe Frazier, der in Atlanta die amerikanischen Boxer betreut, begrüßte den Fortgang der Spiele: "Wir dürfen nicht zulassen, daß ein oder zwei verrückte Affen diese Show hier unterbrechen." Die Fahnen hängen auf halbmast, doch die La-Ola-Welle geht um. Die Show setzt sich fort. An der Regattastrecke, beim Handball und in der Gewichtheberhalle waren die Menschen am Samstag guter Dinge. Im ausverkauften Olympiastadion rief der Sprecher erst zur Schweigeminute auf, im nächsten Moment pries er wie ein Marktschreier die außergewöhnlichen Entscheidungen des Abends, die Ermittlung der besten Sprinter der Welt. Von flächendeckender, lähmender Trauer konnte keine Rede sein. Das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach hat lediglich "einen Dämpfer" auf dem Stimmungsbarometer verspürt. Für den 100-m-Olympiasieger Donovan Bailey aus Kanada war das Bomben-Attentat nur "das Werk eines armen Idioten". Vielleicht aber war es mehr. Hatte doch das FBI im etwa 120 Kilometer südlich von Atlanta gelegenen Crawford County vor drei Monaten zwei Mitglieder einer rechtsgerichteten Bürgermiliz festgenommen. Bei Hausdurchsuchungen wurden Explosionsstoffe und halbfertige Rohrbomben sichergestellt. Damals beeilten sich die Behörden zu versichern, daß es keinerlei Hinweise auf eine Gefährdung der Olympischen Spiele gebe. Die Gruppe der beiden verhafteten Anführer Robert Starr und William McCranie soll nur eine von etwa 20 regierungsfeindlichen Milizen sein, die im Bundesstaat Georgia aktiv sind. Ganz gleich, ob es sich um einen gezielten Anschlag oder die Tat eines Verrückten gehandelt hat: Der Wahnsinn wird bei den Spielen in Atlanta nunmehr Realitat. Am Samstag abend brach in Five Points, der größten U-Bahn-Station der Stadt, eine Panik aus. Five Points wurde für mehrere Stunden geräumt. Etwa 35 000 uniformierte Kräfte hatten die Südstaatenmetropole ohnehin schon in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Unter dem "Bilanzposten Sicherheit" stellte das ACOG 303 Millionen Dollar für private Sicherheitskräfte, einfache Polizisten, Zivilbeamte, Terrorspezialisten und Bodyguards bereit. Jetzt prägen noch mehr Soldaten in braungesprenkelten Kampfanzügen das Straßenbild.Alle Olympiastätten wurden am Samstag morgen akribisch durchsucht. Die Besucher des Olympia-Parks, der bis zum Sonntag abend noch geschlossen blieb, müssen wohl künftig auch mit Leibesvisitationen rechnen. Bislang war der Centennial Park die einzige Stätte der Jahrhundertspiele, zu der freier und ungehinderter Zutritt gewährleistet war. Doch an den Kontrollpunkten für akkreditierte Personen war von einer Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen kaum etwas zu spüren. Atlanta die sicherste Stadt der Welt? Die Olympischen Spiele das größte Friedensfest seit Menschengedenken? Billy Paynes Wunschträume wurden immer belächelt, nun haben sie sich jäh zerschlagen. Nur will der ACOG-Boß das nicht begreifen. Selbstvergessen und relitätsfern lobt Payne den "olympischen Geist", der die Stadt erfaßt habe. Great, great, wonderful. Sicheres Dorf In seiner Hilflosigkeit hat das ACOG den Superlativ von "der sichersten Stadt der Welt" auf das olympische Dorf eingeschränkt. Die Athleten, so wird allgemein erklärt, hätten in ihrer kleinen Stadt absolut nichts zu befürchten. "Wir werden ihnen dort noch mehr Unterhaltung bieten, um möglichst viele Aktivitäten in das abgeschlossene Dorf zu verlegen", hat das australische IOC-Mitglied John Coates erklärt. "Die Spiele gehen weiter, doch das mächtigste Land der Welt ist brutal erwacht", schrieb die französische Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche. Nachdenklichkeit wird von den olympischen Vorturnern allerdings nicht geschürt. Billy Payne verkauft nimmermüde seine Fehlgeburt. Und Samaranch, nun ja, was soll man schon von jemandem halten, der soeben erklärt hat, die olympische Bewegung sei wichtiger als die katholische Religion? Man ist wieder zur Tagesordnung übergegangen in Atlanta. Frisch auf zur Medaillenjagd. Terror, Schock und Goldmedaillen - vortreffliche Bedingungen für die mediale Heldengeburt. Und vor dem Biergarten, gleich neben dem Ort der Bombenexplosion, grinsen immer noch Elvis und Marilyn. +++