Von Reichert bis Kilian: Vier Präsidenten führten den DTSB, der vor 40 Jahren gegründet wurde: In der Zentrale residiert das Arbeitsamt

Es war ein Jubiläum im Verborgenen. Am Wochenende jährte sich zum 40. Mal die Gründung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), der Dachorganisation des DDR-Sports. 3,4 Millionen Mitglieder wurden 1989 in der "sozialistischen Sportbewegung" geführt. Der DTSB unterhielt damals mehr als 10 000 Angestellte, darunter etwa 4 200 Trainer - geblieben ist nicht viel: In der ehemaligen Hauptzentrale des DTSB in der Storkower Straße residiert heute das Arbeitsamt VII Berlin.Rudi Reichert (74) leitete den DTSB von 1957 bis 1961 und wurde dann von Manfred Ewald "rigoros, schamlos, ohne ein Wort des Dankes" (Reichert) abserviert. Reichert übernahm 1966 den DTSB-Bezirksvorstand Karl-Marx-Stadt und später die Leitung der Sportschule Warnemünde. Der Rentner blieb in Rostock. 1994 war er Delegierter beim Bundestag des Deutschen Sportbundes in Kiel.Sein Nachfolger Manfred Ewald (70), der heute zurückgezogen in der Nähe Brandenburgs lebt, wurde zum erfolgreichsten und wohl auch berüchtigsten Sportmanager der Welt. Ewald hatte das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport aufgebaut, er war später auch Präsident des NOK und Chef der Leistungssportkommission. In Ewalds Büro liefen alle Fäden zusammen - über einige dieser Verbindungen (Doping) ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft.Erst nach drei Jahrzehnten der unumschränkten Macht kam für Ewald das Aus. Einst hatte er Reichert mit Zustimmung von SED-Boß Walter Ulbricht und dessen Sport-Verantwortlichen Erich Honecker abgesägt, dann wurde er selbst von der Partei abserviert. Am 22. August 1988 gab SED-Chef Erich Honecker dem Drängen des für den Sport zuständigen Politbüromitglieds Egon Krenz nach und unterzeichnete quasi Ewalds Entlassungsurkunde. Krenz hatte folgendes vorgeschlagen: "Unmittelbar nach dem Olympia-Ball sollte der Bundesvorstand des DTSB zusammentreten, Manfred Ewald in Ehren verabschieden und Klaus Eichler zum Präsidenten des DTSB wählen Falls dieses Herangehen Deine Zustimmung findet, würde ich noch in dieser Woche das Sekretariat des DTSB von der Bitte Manfred Ewalds informieren, aus gesundheitlichen Gründen von seiner Funktion als Präsident des DTSB abberufen zu werden." Honecker segnete das Schreiben wie gewohnt mit "einverstanden" und seinen Initialen "EH" ab.Das Bemerkenswerte an diesem Vorgang war, daß Honecker zunächst eigentlich Rudi Hellmann, den ZK-Abteilungsleiter Sport, als DTSB-Boß vorgeschlagen hatte. Doch Hellmann setzte sich gemeinsam mit Krenz für dessen Skat-Kumpel Klaus Eichler ein. Dieser hatte unter Krenz schon im Zentralrat der FDJ gedient und das FDJ-Reisebüro "Jugendtourist" geleitet."Mindestens vier Wahlperioden" (Krenz) sollte der Nomenklatur-Kader Klaus Eichler den DTSB führen. Eichlers Amtszeit - in der er mit verzweifelten Aktionen ("1000 Tennisplätze für die Republik") versucht hatte, dem Massensport Impulse zu verleihen - endete allerdings schon im Dezember 1989, als er auf Druck der Basis seinen Rücktritt einreichen mußte. Eichler (57) ist seit 1990 Geschäftsführer des Berliner Reisebüros "Touristik und Kontakt International" (TUK) und macht als solcher regelmäßig auf sich aufmerksam. So deichselte er im Januar 1993 die Aktion "Tschüß Erich", die fluchtartige Reise der Familie Honecker ins Exil nach Chile. Der umtriebige Unternehmer organisiert Bildungstouren mit alten DDR-Heroen wie Radler Täve Schur, Maler und Bildhauer Willi Sitte, Außenminister Oskar Fischer und Kosmonaut Sigmund Jähn.Den nach Eichlers Rücktritt drei Monate verwaisten DTSB-Chefsessel übernahm im März 1990 Martin Kilian. Der vierte und letzte Präsident leitete die Auflösung des ostdeutschen Sport-Dachverbandes. Am 15. Dezember 1990 traten die neugegründeten fünf Landessportbünde dem Deutschen Sportbund (DSB) bei. Martin Kilian (68) war 28 Jahre lang Bürgermeister des Harz-Städtchens Wernigerode, er fungierte viele Jahre auch als Vizepräsident des Weltbobverbandes. Im Herbst 1991 legte Kilian sein Amt als DSB-Vizepräsident "aus persönlichen Gründen" nieder, nachdem Stasi-Verstrickungen bekannt geworden waren. +++