Die rund 440 alteingessenen Ragower sind eine Minderheit in ihrem Dorf geworden: In dem Wohnpark am Ortsrand leben inzwischen knapp 1 200 Menschen ­ fast dreimal so viele wie in den Häusern, die sich um die historische Dorfaue mit Feldstein-Kirche und Kriegerdenkmalen gruppieren. Nicht von "Alt-Ragow" und "Neu-Ragow" zu sprechen, hat sich Bürgermeister Bernd Lukschanderl vorgenommen. Obwohl sich das im Dorf längst eingebürgert hat. Er bemüht sich, seinen Ort als Einheit darzustellen. Trotzdem rutschen ihm die vermaledeiten Begriffe einmal heraus. Als er in dem riesigen Neubaugebiet stolz einen Wiesenstreifen präsentiert, der sich bis zum Ortszentrum hinzieht: "Dieser Grünkeil soll Neu-Ragow mit Alt-Ragow verbinden."Doch kaum einer der meist aus Berlin zugezogenen Wohnpark-Bewohner spaziert über den Wiesenweg in die historische Dorfmitte. Und die alteingessenen Ragower meiden die Neubau-Siedlung, in die 1993 die ersten einzogen. "Schlafstadt" schimpfen sie den Wohnpark jenseits des ursprünglichen Angerdorfes, weil er tagsüber fast menschenleer ist, und seine Bewohner halten sie für "arrogante Wessis", denen der kleine Einkaufsladen nicht genüge und denen die Dorfkneipen nicht gut genug seien. Die Neuzugezogenen werfen den Ureinwohnern "Altersstarrsinn" und Ignoranz vor. "Die sagen immer nur, früher war alles besser." Ragow (Landkreis Dahme-Spreewald) ist nur ein Beispiel für etliche Dörfer im sogenannten Speckgürtel, bei denen die Zugezogenen mittlerweile in der Überzahl sind. "Das kann schwierig werden", sagt Hartmut Häußermann, Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität Berlin. Drei Möglichkeiten, sich zu entwickeln, hätten solche Orte: "Entweder Alt und Neu wachsen zusammen oder es bilden sich zwei separate Orte oder es gibt Zoff." Ernsthafte Konflikte werde es jedoch nur in sehr bäuerlich geprägten Orten geben; Dörfer, in denen beispielsweise die LPG abgewickelt wurde und in denen die ehemaligen LPG-Beschäftigten keinen neuen Job gefunden hätten. "Sie fühlen sich als Verlierer", sagt Häußermann, und seien neidisch seien auf die Wohnpark-Häuschen der "Gewinner". Besonders im westlichen Speckgürtel, in den vor allem gutbetuchte Berliner aus den Zehlendorf oder Wilmersdorf ziehen, "kann·s dann Krach geben". Für wahrscheinlicher hält der Leiter des Lehrstuhls für Stadt- und Regionalsoziologie jedoch, daß sich zwei getrennte Orte bilden. Die angestammte Bevölkerung werde sich gegen die "Neuen" mit dem höheren Lebensstandard und der aufwendigen Freizeitgestaltung abgrenzen. Die Wohnpark-Bewohner wiederum würden sich zusammenschließen, weil sie ihresgleichen suchten. Den Erbauern des Wohnparks sei es nur ums Geld gegangen, kritisiert Peter Rother, der von Berlin-Britz nach Ragow gezogen ist. Keiner habe sich ausreichend Gedanken um das künftige Zusammenleben gemacht. Rother ist eine große Ausnahme in dem Dorf. "Die meisten Zugezogenen nehmen am gesellschaftlichen Leben nicht teil", sagt Bürgermeister Lukschanderl. Aber Rother wurde vor einem Jahr zum Vorsitzenden des örtlichen Sportvereins gewählt. Dort bemüht er sich auch, die alten und die neuen Ragower zusammenzubringen. "Aber diese Grenze überschreiten die Leute nur ungern."Das Zusammenwachsen will auch der Heimatvereins fördern, den Alt- und Neuragower 1997 gründeten. "Es gibt da einige Probleme", sagt der Vorsitzende Siegfried Baldauf. Der Facharzt für Lebensmittelhygiene ist mit seiner Frau vor vier Jahren aus Eichwalde nach Ragow gezogen ­ allerdings in ein Haus im Ortszentrum. Damit die "Neu-Ragower" mit dem Dorf warm werden, organisiert Baldauf häufig Feste. Der eine oder andere Neubürger konnte sich mittlerweile für eine Tradition begeistern. Unter den über 20 Kameraden der Ortsfeuerwehr sind mittlerweile fünf "Neue". Wehrführer Matthias Wendlik ist mit ihnen zufrieden: "Die Städter stellen sich ganz gut an."