Ein Pariser Physiker machte 1896 eine Entdeckung, die fast fünfzig Jahre später Atombomben und Kernkraftwerke möglich machte: Antoine-Henri Becquerel fand heraus, daß Uranverbindungen Strahlen aussenden. Er interessierte sich allerdings nicht weiter dafür, und so war es der deutsche Physiker Gerhardt Carl Schmidt, der auf ein zweites Element mit der gleichen Eigenschaft stieß, das Thorium. Bald machte Schmidt einen Konkurrenten aus. Ein gewisser "Hr. Sk. Curie" habe in Frankreich den gleichen Befund publiziert, schrieb der Deutsche 1898 in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Wer war dieser Sk. Curie?Knapp sechs Jahre später sollte der Name weltberühmt werden. Dahinter verbarg sich in Wahrheit eine Frau, Marie Sklodowska Curie. Sie erhielt am 10. Dezember 1903 den Physik-Nobelpreis. Schmidt hatte ganz selbstverständlich angenommen, daß die Arbeit von einem Monsieur Curie stamme.1891 kam die junge Polin Maria Sklodowska (1867 1934) nach Paris. Sie wollte Physik und Mathematik studieren, was Frauen in ihrer Heimat verwehrt war. Sie war ehrgeizig, hochbegabt, außerordentlich fleißig und wollte schnellstens ihr Examen ablegen, um gleich darauf heimzukehren. Es kam anders: Nach ihrem Studienabschluß blieb sie in Paris. Sie heiratete 1895 den französischen Physiker Pierre Curie eine Ehe, aus der zwei Töchter hervorgingen , kümmerte sich um den Haushalt, unterrichtete als Fachlehrerin und steuerte hartnäkkig ihr eigentliches Ziel an: die Doktorarbeit. Niemand hätte es ihr übelgenommen, wenn sie sich dafür ein einfaches Thema gesucht hätte. Doch voller Neugier und kühn genug, um unbekannte Wege zu beschreiten, wählte die Dreißigjährige die neuen Becquerel-Strahlen. So kam es, daß Curie und Schmidt gleichzeitig die Ähnlichkeit von Uran- und Thorium-Strahlen entdeckten. Schmidt beschäftigte sich anschließend nicht weiter mit dem Thema. Marie Curie und ihr Mann jedoch untersuchten die neuen Strahlen im Detail.Verblüffend ist, daß die Physikerin und Mathematikerin an das Thema chemisch heranging. Sie prüfte zunächst Pechblende systematisch auf ihren Gehalt an Uran und Thorium. (Pechblende ist eine hauptsächlich aus Uranoxid bestehende schwarze Masse.) Dabei stießen die Curies schnell auf etwas, das ihnen Kopfzerbrechen bereitete: Einige Mineralien strahlten so stark, daß sich dies nicht durch ihren Thorium- und Urangehalt erklären ließ. Es mußte ein drittes, unbekanntes Element in der Pechblende geben, das ebenfalls strahlte. Um es zu finden, entwickelten die Curies eine neue chemische Methode. Bald erkannten sie, daß die zusätzliche Strahlung aus zwei unterschiedlichen Stoffen stammte. Im Juli 1898 gaben Marie und Pierre Curie die Entdeckung zweier neuer Elemente bekannt, die sie allein an ihrer Strahlung erkannt hatten. Marie Curie nannte das eine Radium, das andere Polonium nach ihrem Heimatland. Im gleichen Jahr machte sie den Vorschlag, die Strahlung, die diese beiden Stoffe ebenso wie Uran und Thorium aussenden, "Radioaktivität" zu nennen. Für deren Entdeckung wurden Becquerel und das Ehepaar Curie 1903 mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet.Der Begriff Radioaktivität enthielt einen gänzlich neuen Ansatz: Marie Curie sah in der Strahlung eine Eigentümlichkeit der Atome, die von äußeren Einflüssen wie Temperatur oder Druck nicht verändert wird. 1899 kannte man fünf radioaktive Elemente. Drei davon Radium, Aktinium und Polonium hatte noch niemand gesehen. Es galt nun, wenigstens eines davon zu isolieren. Das Ehepaar entschied sich für Radium.In den folgenden Jahren arbeiteten die Curies unter unsäglichen Bedingungen tonnenweise Pechblende-Abraum aus dem Tagebau in Joachimsthal auf. Erst 1910, vier Jahre nach Pierre Curies Unfalltod, konnte Marie die ersten Milligramm des silberweißen Metalls Radium präsentieren. Diese Sensation brachte ihr 1911 den zweiten Nobelpreis ein, diesmal im Fach Chemie. Bis heute ist sie die einzige Frau, die die begehrte Auszeichnung mehr als einmal erhalten hat. Überhaupt gibt es nur zehn weibliche Nobelpreisträger für Chemie, Physik oder Medizin, aber mehrere hundert männliche. Die Bedeutung des ersten Nobelpreises hatten die Curies unterschätzt. Weil sie der Einladung nach Stockholm nicht Folge leisteten, nahm der französische Gesandte die Medaille für sie in Empfang. Der Scheck über 70 000 Francs ermöglichte der jungen Familie ein etwas angenehmeres Leben. Einen Teil des Betrags steckten die Eheleute in die Ausstattung ihres Labors. Vor der Verleihung des Nobelpreises hatten sie ihre Forschung durch Lehrtätigkeiten weitgehend selbst finanzieren müssen. Danach wurde Pierre Curie auf einen Lehrstuhl an der Pariser Universität Sorbonne berufen und erhielt ein Labor mit drei Assistenten. Marie Curie wurde Laborleiterin und bezog erstmals ein Gehalt aus ihrer Forschungstätigkeit. Nach Pierre Curies Tod im April 1906 übernahm sie seine Professorenstelle. Marie Curie starb im Juli 1934. Der jahrelange Kontakt mit radioaktiver Strahlung hatte ihr Knochenmark zerstört. Ein Jahr später stand der Name Curie erneut auf der Liste des Nobelkomitees: 1935 erhielten Maries Tochter Irène Joliot-Curie und deren Ehemann Frédéric Joliot die Chemie-Auszeichnung "in Anerkennung ihrer Synthese neuer radioaktiver Elemente".

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