Der 12. November des Jahres 1904 war kein guter Tag für Siegfried Jacobsohn. Wohl zu oft schon hatte sich der junge Theaterkritiker am Zeitgeschmack versündigt - an pompösen Inszenierungen von Wagner-Opern ebenso an allerlei Halbwelt-Dramen, die damals so viel Publikum in die Berliner Theater lockten. 23 Jahre alt war der mäkelnde Ästhet, als ihn der journalistische Gegenschlag traf.Im Berliner Tageblatt rief der heute unbekannte Rezensent Alfred Gold den Skandal aus. Der Vorwurf: Aus einigen Passagen einer Jacobsohn-Rezension schimmerte gleiches Wortmaterial wie in einem sieben Jahre zuvor von Gold verfassten Text für die Wiener Wochenschrift Die Zeit. Ganz klar: Der Neuling habe bei ihm abgeschrieben. Nach so etwas lechzte die Berliner Theaterszene damals mehr als nach gelungenen Premieren. Sogar von den Plakatsäulen höhnte es: Plagiator Jacobsohn. Und: Siegfrieds Tod.Von den Nazis verbotenDoch der Angegriffene will nicht Spießruten laufen in der Stadt seiner Karriereträume. Er flieht nach Wien, Italien und Paris. Überarbeitung und ein überanstrengtes Gedächtnis diagnostiziert er an sich selbst. "Kompetenz, Prestige, Nimbus: alles war hin." Aber nicht sein Selbstbewusstsein: "Mein Hirn gärt von neuen Zukunftsplänen."Ein halbes Jahr später ist der ehrgeizige junge Mann zurück. Am 7. September 1905 überrascht er die Reichshauptstadt mit einer eigenen Zeitschrift. Er nennt sie Die Schaubühne und gibt ihr den Untertitel: Wochenschrift für die gesamten Interessen des Theaters. Daraus wird sehr viel mehr. Es ist - was damals keiner ahnt - der Beginn eines bizarren deutschen Presseschicksals.Jacobsohn lockt begabte Autoren. Zu ihnen gehören literarische Aufsteiger wie Lion Feuchtwanger und Else Lasker-Schüler, der Philosoph Martin Buber und ab 1913 auch der gelernte Jurist Kurt Tucholsky. Die Politisierung des wöchentlichen Kulturmagazins ist programmiert. Anfänglicher Patriotismus schlägt während des Ersten Weltkriegs um in radikalen Pazifismus. Im Januar 1918 hält Jacobsohn die Zeit für gekommen, das Blatt in Die Weltbühne umzubenennen, eine Zeitschrift für Kunst, Politik, Wirtschaft. Aus dem Ästhetenblatt wird eine Art Organ der heimatlosen Linken, undoktrinär, pazifistisch und wegen seiner deutlichen Positionierung gegen die aufkommenden Nationalsozialisten alsbald im Dauerkonflikt mit einer rechtslastigen Justiz.Mehr als 10 000 Exemplare des kleinen ziegelroten Heftes werden 1925 wöchentlich verkauft. Es reicht für bescheidene Honorare. Es schreiben Alfred Döblin, Axel Eggebrecht, Erich Kästner, Egon Erwin Kisch, Hans Fallada, Carl Zuckmayer, Erich Mühsam, Franz Werfel und - über die Jahre hinweg hochgerechnet - 2 100 weitere Autoren. Seherisch, selbstgerecht, mahnend, kompromisslos, in jedem Falle angespornt von Jacobsohns unerschütterlichem Glauben an die Macht des Wortes.Als der Begründer 1926 stirbt, übernimmt zuerst Tucholsky, dann der Oldenburger Carl von Ossietzky die Leitung des Redaktionsbüros in der Kantstraße 152. Die beiden Redakteure ahnen die Gefahr, aber nicht ihr Märtyrerschicksal. Schon 1931 wird Ossietzky auf Betreiben des Reichswehrministers Groener wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse zu 18 Monaten Gefängnishaft verurteilt.Gleich nach Hitlers Machtergreifung machen die Nazis Schluss mit der Weltbühne. Tucholsky hat schon 1932 resigniert und sich nach Schweden zurückgezogen, wo er sich 1935 das Leben nimmt. Ossietzky wird in das KZ Esterwegen deportiert. Die Ehrung mit dem Friedensnobelpreis 1936 richtet ihn nicht mehr auf. Er stirbt 1938 an den Folgen der Haft. Hitler untersagt jedwedem Deutschen die Annahme eines Nobelpreises.In Wien, dann in Prag versuchen Emigranten die Herausgabe einer Neuen Weltbühne. Es schreiben Thomas, Heinrich und Klaus Mann, Anna Seghers, Bert Brecht und viele andere. Der neue Chefredakteur Hermann Budzislawski, eigentlich Wirtschaftsjournalist, plagt sich nicht nur mit den Umständen und dem Geldmangel, sondern auch mit dem Vorwurf, der Kommunistischen Internationale zu nahe zu stehen. Im Sommer 1940, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, flieht er in die USA.1946 erwirbt die Witwe Maud von Ossietzky im sowjetischen Sektor Berlins die Lizenz für eine erneute Herausgabe der Weltbühne. Der erste Chefredakteur heißt Hans Leonard. Der Verlagskaufmann hatte die Hitlerzeit unter falschem Namen überstanden. Ihm folgen später Hermann Budzislawski, Peter Theek und Helmut Reinhardt.In der kargen Presselandschaft der DDR-Zeit erlebt die Weltbühne Auflagen bis zu 170 000 Exemplaren. Dennoch bleibt es ein Nischenblatt, das die vom Zentralkomitee der SED gezogenen Grenzen nicht in nennenswerter Weise zu überschreiten im Stande ist. Tucholsky und Ossietzky hätten da keinen Platz mehr gehabt.Nach der Wende kauft der Frankfurter Immobilienunternehmer Bernd F. Lunkewitz die Weltbühne, wohl in der Hoffnung, dem ebenfalls erworbenen Aufbau-Verlag ein schmückendes publizistisches Pendant zur Seite zu stellen. Doch kurz darauf verzichtet er in einem Rechtsstreit mit den in den USA lebenden Jacobsohn-Erben auf den Titel.Zwei NeugründungenAber auch das ist nicht das endgültige Aus. Das journalistische Erbe beanspruchen seit 1997 zwei Neugründungen, die sich des Äußeren, aber nicht des Namens der Weltbühne bedienen: Das Blättchen, editiert von einem Freundeskreis um den Historiker Jörn Schütrumpf, und Ossietzky, herausgegeben von einer Journalistengruppe um Eckart Spoo, früher Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Auf der Buchmesse in Leipzig belegen sie Stände nebeneinander und sagen sich Guten Tag, engere Beziehungen pflegen sie nicht.Ossietzky findet den größeren Teil seiner Leser im Westen. Das Blättchen, das den von Jacobsohn benutzten Kosenamen zum Titel erhoben hat, sitzt eher im linksintellektuellen Soziotop des Ostens. An die Erfolge der Weltbühne können sie nicht anknüpfen. Die Kundschaft ist schmal, die Auflagen dümpeln unterhalb der 2 000er-Grenze. Keines könnte überleben ohne die Selbstausbeutung der Macher und den Verzicht der Autoren auf Honorare. Auch in diesem Punkt unterscheiden sie sich von ihrem Ahnen, dessen Namen sie gern hätten, aber nicht durften.------------------------------Ausstellung in RheinsbergDie Schaubühne wurde am 7. September 1905 von Siegfried Jacobsohn in Berlin als Theaterzeitschrift gegründet und 1918 in Die Weltbühne umbenannt.Unter den Nationalsozialisten war die Zeitschrift verboten, nach Kriegsende erschien sie wieder in Ost-Berlin, wo sie bis 1993 Bestand hatte. 1997 haben sich die Zeitschriften Ossietzky und Das Blättchen in die Tradition des berühmten Vorbilds gestellt.Am 10. September öffnet im Tucholsky- Literaturmuseum in Rheinsberg eine Ausstellung über die Weltbühne.------------------------------Foto: Titelbild der Ausgabe vom 11. Oktober 1927------------------------------Foto: Anfang des 20. Jahrhunderts am Potsdamer Platz. In der Reichshauptstadt wurde 1905 die Weltbühne gegründet.