DAHLEM. Seine Hände scheinen nicht so recht zu seinem Gesicht zu passen. Es ist hager, die Hände aber breit mit kurzen Fingern. Sie sehen aus wie die ein wenig zu groß geratenen Hände eines feisten Kleinkindes. "Vorsicht", möchte man dem 63-Jährigen zurufen, wenn er sich anschickt, ein Pflänzchen anzufassen. Doch diese Warnung ist unnötig. Schließlich ist Hartmut Loose Gärtnermeister. Wenn er die winzigen Blüten seiner Lieblingsblume, der Ringelblume, berührt, verwandeln sich seine grob aussehenden Greiforgane in behutsame Hände.Seit über 50 Jahren pflegt Loose Pflanzen. Zwar hat er Adolf Engler nicht mehr kennen gelernt, der vor hundert Jahren den Botanischen Garten in Dahlem anlegte, trotzdem kann er viel erzählen von der Geschichte des Gartens, einen großen Teil sogar aus eigener Erfahrung. Schließlich arbeitet er seit 1963 hier.Wenn Loose heute durch den Garten streift, hat er im Kopf das Bild von damals, als er mit 20 Jahren hier als Gärtnergehilfe anfing. "Das war eine Ruine", sagt er und deutet auf das prächtige Große Tropenhaus. Seine Augen werden plötzlich fast durchsichtig, der Blick fixiert etwas, das knapp über dem Tropenhaus, irgendwo in den Schleierwolken des Frühlingshimmels liegen muss. "Da waren gar keine Scheiben drin. Geheizt wurde mit Anthrazitkohle. Heute geht alles auf Knopfdruck." Er ist froh darüber, dass auch hier der Fortschritt Einzug gehalten hat, das sieht man ihm an.Aber nicht alles war schlechter früher. Unter Engler war Jugendlichen der Zutritt zum Garten verboten "weil man Vandalismus fürchtete", sagt Loose, während er durch den Garten stapft. Er hebt seine Augen nicht. Immer schweift sein Blick über die Wiesen, als suche er etwas noch nie Erspähtes, dort, wo ihm eigentlich jeder Halm vertraut sein müsste. Heute darf jeder in den Garten. Viele Junge hätten aber keinen Respekt vor der Natur, findet Loose. Sie rissen Blüten ab und stießen Informationsetiketten um. "Das ist ein Ärgernis." Über den Fortschritt, dass auch Kinder in den Garten dürfen, ist er nicht immer froh. Auch das sieht man ihm an. "Viele sagen, ich hätte einen tollen Beruf, weil ich im Grünen arbeitete", sagt Loose. Er legt die Stirn in Falten. "Nicht immer ist es eine reine Freude", sagt er. Dazu müsse er sich über zu vieles ärgern. Über vandalierende Jugendliche zum Beispiel oder über Schädlinge. Bei einem abendlichen Streifzug durch die so genannten Kalthäuser, die so heißen, weil es dort im Winter kühl ist, und die er betreut, vergisst er seinen Unmut aber schnell. Es sei faszinierend, Kakteen dabei zu beobachtet, wie sie sich für ihre Brautnacht herrichteten. "Sie öffnen riesige Blüten. Und das alles für die eine Nacht, in der sie auf einen Bestäuber warten." Sein Blick kriecht immer noch über den weitläufigen Pflanzenteppich am Wegesrand. Als der damalige Unterdirektor Ignaz Urban bei einem Reitausflug das Areal entdeckte, grünte es da noch nicht. Wie ein wilder "Kartoffelacker" sehe der Grund aus, befand Direktor Engler und konnte erst nach vielen Diskussionen von dem Standort überzeugt werden. Loose schließt die Tür zu einem Gewächshaus auf: "Da drin ist der Sommer." Und wirklich: Geranien stehen da und Fleißige Lieschen, Zitronenbäume duften und Studentenblumen recken zarte Köpfchen in die feuchte Wärme. Looses Blick klettert über das aufgereihte Grün. Plötzlich blickt er wie ertappt auf: "Ich weiß. Meine Frau beschwert sich auch darüber, dass ich mit der Nase immer am Boden klebe, wenn wir wandern. Aber es interessiert mich, was da so wächst." Loose ist eben ein echter Gärtner.Gute Eigenschaften // Vielfältig: Knapp 23 000 Pflanzenarten gibt es im Botanische Garten in Dahlem. Er ist weltweit der drittartenreichste. Nur im Missouri Botanical Garden in St. Louis in den USA und in Kew in Surrey, Großbritannien, gibt es mehr Pflanzenarten.Weitläufig: Mit 43 Hektar Parkfläche übertrifft der Garten in Dahlem an Fläche alle anderen Botanischen Gärten in Deutschland.Neugierig: Pro Jahr kommen rund 500 000 Menschen. Großen Publikumsinteresses erfreute sich der Garten bereits vor 100 Jahren, als er nur für wenige Stunden geöffnet wurde. Am 13. April 1903 kamen 2 500 Besucher. Dahlem hatte damals gerade mal 230 Einwohner.Großzügig: Das Große Tropenhaus zählt mit einer Grundfläche von 1 380 Quadratmetern und einer Höhe von 23 Metern zu den größten Gewächshäusern der Welt.Riesenwüchsig: Der südostasiatische Riesenbambus im Großen Tropenhaus erreicht eine Höhe von 25 Metern. Seine Halme haben einen Durchmesser von 15 Zentimetern.Rüstig: 160 Jahre alt und noch immer grün unter den Blättern ist der Palmfarn im Großen Tropenhaus. Er grünte schon im alten Botanischen Garten in Schöneberg. Auch der Tulpenbaum an der Grabstätte von Adolf Engler ist mehr als 100 Jahre alt.Spendierfreudig: Mit einer jährlichen Spende ab 250 Euro können Besucher eine Pflanze unterstützen. Ein stacheliges Patenkind hat die Schauspielerin Suzanne von Borsody. Sie zahlt Unterhalt für den Goldkugelkaktus, auch Schwiegermutterstuhl genannt.Denkwürdig: Für 60 Euro pro Quadratmeter kann man einen Spazierweg nach sich benennen lassen und damit dessen Renovierung mitfinanzieren.Hurtig: Im Sommer kann man den Halmen des Riesenbambus im Großen Tropenhaus buchstäblich beim Wachsen zusehen. Bis zu 20 Zentimeter wächst die südostasiatische Pflanze am Tag.Tüchtig: Derzeit sind etwa 170 Angestellte im Botanischen Garten beschäftigt. Den Fachkräften helfen auch Saisonarbeiter und Zivildienstleistende.Gelehrig: Am Sonntag gibt es im Botanischen Garten anlässlich seines 100-jährigen Bestehens einen Tag der offenen Tür mit zahlreichen Führungen und Informationsveranstaltungen. Besucher können sich von 9. 30 bis 16 Uhr nicht nur über die Geschichte des Botanischen Gartens informieren, sondern erhalten auch Tipps von Gärtnern.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER (3) Unter der gläsernen Decke der Gewächshäuser im Botanischen Garten wachsen bereits Sommerblumen.Patenkind von Suzanne von Borsody: der Goldkugelkaktus.Der Mann mit dem grünen Daumen: Fingerspitzengefühl beweist Gärtnermeister Hartmut Loose bei der Pflege zarter Blüten.