In der fiesen Filmkomödie "Ach, diese Frauen" ließ Ingmar Bergman den Musikkritiker Cornelius mit einem perfiden Auftritt Rache am Meistercellisten Felix nehmen, der ihm stets ein Interview für dessen geplante Felix-Biografie verweigert hatte: "Der Musiker, dessen Biografie nie geschrieben wurde, wird vergessen. Ja, Maestro, Sie wollen keine Biografie haben. Sie werden keine haben. Ich werde Sie nicht einmal entlarven und bloßstellen wie Strawinsky. Von Ihnen, Maestro, wird nicht einmal ein schlechter Ruf übrig bleiben".Der Geiger Joseph Joachim, am 28. Juni 1831 als Sohn ungarischer Juden in Kittsee bei Preßburg (heute Bratislava) geboren, hatte für diesen Fall Vorkehrungen getroffen. Es sollte etwas übrig bleiben, ein möglichst guter Ruf. Sein Schüler und Sekretär Andreas Moser begann noch zu Lebzeiten Joachims mit einer mehrbändigen Monumentalbiografie des Musikers, deren eigentlicher Autor Joachim selbst war. Bedarf an einem solchen Buch bestand ohnehin. Joachim war ein großer Name im Zweiten deutschen Kaiserreich, eine oberste Instanz der Kulturnation, ein "Hohepriester der Musik", wie man ihn wieder und wieder genannt hatte.Die SA forderte: "Juden raus!"Adolph von Hildebrand, ein Bildhauer von fürstlichem Renommee, schuf 1899 eine Büste des Geigers; am 5. Juni 1913, sechs Jahre nach Joachims Tod, wurde im Foyer der Königlichen akademischen Hochschule für Musik zu Berlin-Charlottenburg, Fasanenstraße 1, ein Joachim-Denkmal eingeweiht; 1931 gab es zum 100. Geburtstag des Hochschulgründers eine Ausstellung und einen Festakt. Doch vier Jahre später sollte dann wirklich nichts mehr übrig bleiben von diesem Menschen und seiner Leistung: "Juden raus!" stand auf dem Haufen, den ein SA-Trupp 1935 im Foyer der Hochschule errichtet hatte. Zwei Joachim-Büsten lagen darauf, 1938 wurde das Joachim-Denkmal abgebrochen, ein Jahr später die Berliner Joseph-Joachim-Straße am Hundekehle-See in Oberhaardter Weg umbenannt. So heißt sie noch heute. Die zwei Frauen-Figuren, eine Lauten- und eine Harfenspielerin, die im Denkmal bis 1938 die Bildnisbüste Joachims gerahmt hatten, stehen seit 1990 im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie.Die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard, die lange an der Berliner Hochschule der Künste arbeitete und heute in Hamburg lehrt, hat in ihrem Buch "Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim" vor zwei Jahren diese Geschichte erzählt und damit die Lebensleistung dieses Mannes und seiner Frau, einer der bedeutendsten Sängerinnen der Zeit, erneut sichtbar gemacht. Sichtbar geworden ist dadurch auch die emanzipative Kraft, die in jener deutschen Idee einer "Kulturnation" - im Gegensatz zur Staatsnation oder einer ethnisch bestimmen Nation - lag. Sie erfüllte, wie Peter Gay in seinem Buch "Freud, Juden und andere Deutsche" schreibt, "die Verheißung der Aufklärung, indem sie die Juden zu Menschen wie andere machte und sie in die Gesellschaft integrierte, in der sie lebten. Die Hochkultur mit ihrem universellen Charakter verlangte von denen, die an ihr teilhatten, keinen bestimmten Stammbaum".Joachims Herkunft spielte bei seiner Berufung nach Berlin keine Rolle. Wilhelm I. wollte, einem Memorandum zufolge, die "Mängel und Mißstände der öffentlichen musikalischen Verhältnisse in Berlin" beseitigen und die Musikpflege zur Sache des Staates machen.Joachim galt als einer der besten Musiker der Welt. Er war der Schützling von Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig gewesen; als 13-Jähriger hatte er in London Beethovens Violinkonzert gespielt und dem bislang als zu schwer geltenden Stück zum Durchbruch verholfen. Joachim entriss Bachs Solowerke für Violine dem Vergessen; später brachte er das Violinkonzert seines Freundes Johannes Brahms zur Uraufführung. In Berlin baute er ab 1869 die Hochschule mit einer Klasse für Orchesterinstrumente, für Klavier und Gesang auf. Die heutige Universität der Künste geht auf diese Hochschule zurück.Dennoch sah sich Joachim schon zu Lebzeiten mit einem aggressiven Antisemitismus konfrontiert, dessen Sprachrohre in Berlin der Historiker Heinrich von Treitschke und der Hofprediger Adolf Stoecker waren. Obwohl Joachim sich längst hatte evangelisch taufen lassen, empfand er bei solchen Attacken eine "Zusammengehörigkeit im Leid" mit den ungetauften Juden. Am 30. Dezember 1879 gab Joachim mit seiner Frau Amalie eine Art politisches Solidaritätskonzert vor 4 000 Hörern in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Kaiser und Kaiserin stärkten ihm demonstrativ den Rücken. Die "Allgemeine Zeitung des Judenthums" bemerkte: "Durch die Anwesenheit des Kaisers, der Kaiserin und des gesamten Hofstaates sollte deutlich werden, daß die Kaiserliche Familie die Vorurtheile gegen die jüdische Bevölkerung nicht theile". Der Hofprediger erhielt eine Abmahnung.Mit Menzel und MoltkeNicht nur in diesem Sinne hat Joachim als Interpret kulturellen Einfluss gehabt. Er steht geradezu für den Übergang vom Virtuosen, der sich selbst feiert, zum Interpreten, der zum geistigen Vertreter des Komponisten wird. Joachim gehört, wie seine Freundin Clara Schumann als Pianistin, wie Hans von Bülow als Dirigent, wie auch seine Frau Amalie als Altistin, zu den Künstlern, die den Kanon der Meisterwerke von Bach über Beethoven zu Brahms, also den Begriff von "deutscher Musik" als Wertmaßstab formten. In der Singakademie, dem heutigen Gorki-Theater, gab Joachim mit seinem Streichquartett in 36 Jahren 288 Konzerte, in denen er nicht nur seinen Begriff von klassischer Musikliteratur (Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms) öffentlich etablierte, sondern Kammermusik zum gesellschaftlichen Ereignis machte.Zu seinen treuesten Gästen zählten der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke und der Maler Adolph von Menzel, zwei tief ernste Musikliebhaber. Als Menzel am 9. Februar 1905 gestorben war, spielte das Quartett abends. "Bevor wir unser Programm beginnen", sagte Joachim da, "wollen wir zum Gedächtnis des Mannes, dessen Platz heute hier zum ersten Mal leer geblieben ist, die Cavatine aus dem opus 130 von Beethoven spielen, die er besonders geliebt hat".Joseph Joachim selbst starb am 15. August 1907, heute vor 100 Jahren, in seiner Wohnung Kurfürstendamm 217, Ecke Fasanenstraße.Zum Lesen Beatrix Borchard: Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Böhlau Verlag Wien 2005, 670 Seiten mit CD-ROM, 59 Euro.------------------------------Foto: Die Idee einer Kulturnation machte endlich auch die Juden zu angesehenen Deutschen.------------------------------Foto: Patriarch der deutschen Musik: Joseph Joachim (1831-1907).