POTSDAM, 30. März. Vor 15 Jahren, wenige Monate nach dem Mauerfall, stand der Fußballverband der DDR (DFV) vor einer Zerreißprobe. Die erforderliche Demokratisierung der Verbandsstrukturen, die Anpassung an den großen Bruder DFB, stieß nicht allen Ortens auf Gegenliebe. Auf dem ersten Treffen von DFV- und DFB-Spitzenfunktionären am 1. Dezember 1989 in Frankfurt am Main äußerte sich der ostdeutsche Generalsekretär Wolfgang Spitzner skeptisch hinsichtlich einer Verschmelzung der Verbände: "Die sehe ich in den nächsten fünf Jahren nicht. Wir sollten nicht alles von einem zum anderen Tag ändern, sondern die Gemeinsamkeiten vernünftig wachsen lassen." Angesichts der bedrohlichen wirtschaftlichen Entwicklung forderte die Basis in den Bezirken und Kreisen jedoch ein forscheres Vorgehen. Staatliche Zuwendungen versiegten, täglich schlossen mehr und mehr Betriebe ihre Pforten. Die Fußballklubs kämpften ums nackte Überleben. Spieler und Trainer aller Leistungsklassen kokettierten mit einem Wechsel in den Westen.Die Abkehr von alten Strukturen, die Entmachtung der alten Führungsclique erschien dringend notwendig, auch als Zeichen eines ernstgemeinten Neuanfangs. Im Vorfeld des 8. Verbandstages am 31. März 1990 entwickelte sich so die erste wirklich offen geführte Diskussion zwischen Verbandsspitze auf der einen und Fußball-Basis auf der anderen Seite - ein Novum in der Geschichte des DDR-Fußballs.Die Basis wurde dabei insbesondere durch Hans-Georg Moldenhauer repräsentiert, damals Vorsitzender des Bezirksfachausschusses Fußball in Magdeburg und Dozent an der Technischen Universität Magdeburg, heute DFB-Vizepräsident. Sein Wandel zur Führungsfigur der Reformbewegung im Fußball vollzog sich schnell, wenn auch ohne eigene Absicht: Moldenhauer hatte in den Novembertagen einige Grundforderungen mitformuliert, woraufhin ihn, wie er es rückblickend einschätzt, die "Initiativstrafe" traf: Die Basis erwartete, dass er auch die kommenden Verhandlungen im Umgestaltungsprozess führen werde. Um ihn sammelten sich die Vorsitzenden der Fußballkreise- und Bezirke. Ihnen gegenüber positionierte sich die Verbandsspitze: Präsident Günther Erbach, Vize Günther Schneider und Generalsekretär Spitzner. Erbach, Staatssekretär für Körperkultur und Sport, verabschiedete sich als erster aus der alten Garde. Er trat am 10. Februar 1990 zurück und übergab die Amtsgeschäfte an Günter Schneider.Der letzte Märztag des Jahres 1990 geht als Zäsur in die Geschichte des DDR-Fußballs ein: Dreizehn Tage nachdem die Mehrheit der DDR-Bevölkerung in den ersten freien und geheimen Volkskammerwahlen für eine schnelle Vereinigung votiert hatte, bereiteten die Delegierten des DFV das Fundament für die Demokratisierung ihres Verbandes. Der erste unter Mitwirkung der Basis vorbereitete Verbandstag geriet zu einer hochemotionalen Veranstaltung. Heinz Krügel, ehemals Trainer des 1. FC Magdeburg, warf der Verbandsleitung in einer flammenden Ansprache Machtmissbrauch und Arroganz vor. Die Funktionäre hätten den "Dirigismus von ZK und Bezirksleitung der SED" ohne Widerspruch geduldet und zeitweise sogar selbst in Trainingsprozesse eingegriffen.Rücktritt per ZettelDie Stimmung war angeheizt. Das Plädoyer überzeugte die Delegierten. Während in Berlin die Wahlschlacht tobte, saß die DFB-Spitze bei einer Privatfeier in der Gaststätte Traube im schwarzwäldischen Tonbach zusammen und schloss Wetten auf den Ausgang der DFV-Wahl ab: Präsident Hermann Neuberger rechnete mit einem Sieg Schneiders wegen dessen Hintermannschaften. DFB-Präsidiumsmitglied Engelbert Nelle setzte auf Moldenhauer. Am nächsten Morgen steuerte Nelle auf der Rückfahrt nach Stuttgart die erste Tankstelle an, um in einer Zeitung nach der Nachricht zu suchen. "Dann habe ich sofort aus dem Auto Hermann Neuberger aus dem Bett geholt in der Traube Tonbach und habe ihm berichtet: Ich habe gewonnen! Moldenhauer hat gewonnen!" Basis-Kandidat Hans-Georg Moldenhauer hatte sich mit 55 Prozent gegen den amtierenden Präsidenten Günter Schneider (44 Prozent) durchgesetzt.Der Machtwechsel war perfekt. Wenige Minuten später verweigerte Generalsekretär Wolfgang Spitzner der neuen Führung demonstrativ die Gefolgschaft: Er drückte dem verdutzten Moldenhauer einen Zettel in die Hand: "Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt als Generalsekretär des DFV." Die abgewählte Führungsriege erschien nicht einmal mehr zum abendlichen Bankett, da sie sich, so die Beobachtung des damaligen Chefs der Neuen Fußballwoche, Jürgen Nöldner, als Opfer eines "Dolchstoßes" fühlte.Frustration auf der einen, Siegestaumel auf der anderen Seite. Die Mehrheit der Delegierten freute sich über die lange Liste der verabschiedeten Reformen. Sie umfasste eine neue Lizenzspielerordnung, eine modifizierte Wettkampfordnung, eine neue Satzung, die Wahl eines Liga-Ausschusses zur Vertretung der Interessen der Lizenzvereine, die Umwandlung des Generalsekretariats zur Geschäftsstelle - alles wichtige Schritte zur Rechtsangleichung mit dem DFB. Der Fußballverband der DDR hatte die Zeichen der Zeit offenbar erkannt. Auf dem Weg zur deutschen Fußball-Einheit galt ab dem 31. März 1990 die Losung Moldenhauers: "Je besser ich arbeite, um so kürzer bin ich im Amt."In zahlreichen Unterredungen bereitete er in den kommenden Monaten mit DFB-Präsident Neuberger die Vereinigung im Fußball vor. Neuberger rechnete aus "sporttechnischen und -rechtlichen Gründen" mit einem Zusammenschluss erst im Frühjahr 1992. Moldenhauer hingegen erkannte die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung. In einem Vier-Augen-Gespräch während der Fußball-WM in Italien appellierte er an DFB-Abteilungsleiter Horst R. Schmidt: "Haben Sie gesehen, wie die Mauer gefallen ist? Wissen Sie, dass ein ganzer Block zusammengebrochen ist? Armeen sind weggefegt, Armeen! Staatssicherheit, alles fällt und geht weg, und ich soll in diesem Ganzen ausgerechnet einen eigenständigen Fußballverband mit dem Begriff DDR bis 92 erhalten!?"Die Geschichte gab Moldenhauer Recht: Am 21. November 1990 trat der als Nordostdeutscher Fußballverband neugegründete DFV in Leipzig dem DFB bei: Die deutsche Fußball-Einheit war vollzogen.Dr. Jutta Braun und Michael Barsuhn sind Mitarbeiter am Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam.------------------------------Foto: Der letzte Schuss: Matthias Sammer trifft beim letzten Länderspiel der DDR am 11. 9. 1990 zweimal gegen Belgien.