Der Minister für Post- und Fernmeldewesen der DDR erfuhr am 19. November 1988 aus der Zeitung, was er gerade angeordnet hatte. In dürren zehn Zeilen teilte angeblich seine Pressestelle mit, die sowjetische Monatszeitschrift Sputnik (Begleiter) sei "von der Postzeitungsliste gestrichen worden". Das bedeutete praktisch das Verbot der Zeitschrift. Die Begründung: "Sie bringt keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, stattdessen verzerrende Beiträge zur Geschichte." Erklärungen hielten die Urheber der Meldung für unnötig - so wie sie es für überflüssig gehalten hatten, den zuständigen Minister Rudolf Schulze, Mitglied der Blockpartei CDU, zu informieren. Ohnehin wusste jeder, dass solche Entscheidungen nicht in einem Ministerium, sondern in der Chefetage des ZK der SED getroffen wurden. In diesem Fall war es Erich Honecker persönlich.Neue Sicht auf die Geschichte"Wir bekamen schon im Spätsommer 1988 Signale, dass die Führung der DDR unzufrieden mit der wachsenden Popularität des Sputnik war", erinnert sich der damalige Chefredakteur Jewgeni Worobjow. Die Zeitschrift erschien seit 1967 in deutscher Sprache. Viele Jahre war sie ein echter Ladenhüter, denn ihre Beiträge spiegelten sehr zuverlässig den Zustand der sowjetischen Medienlandschaft. Auch dann, als diese sich im Zeichen von Glasnost und Perestroika Mitte der achtziger Jahre radikal wandelte. Für DDR-Bürger war da plötzlich Unerhörtes zu lesen, vor allem über die jüngste Geschichte. "Die deutsche Auflage stieg auf 180 000 Exemplare", erzählt Worobjow. "Der Großteil ging an Abonnenten, die frei verkauften Hefte waren schnell vergriffen."Mit dem Oktoberheft 1988 war für die DDR-Führung das Maß voll. Nach einer Reihe von Beiträgen über die stalinistischen Verfolgungen der 30er-Jahre und das Versagen der deutschen Kommunisten im Kampf gegen Hitler, fragte der Sputnik jetzt provokant: "Wäre Hitler ohne Stalin möglich gewesen?"Wir glaubten nicht, dass die Sache bis zu einem Verbot führen könnte. Schließlich galt doch unsere Freundschaft als unverbrüchlich und ewig, und schließlich bekannte sich doch auch die SED-Führung in ihren Verlautbarungen zu Perestroika und Glasnost", sagt Worobjow. Außerdem erschien der Sputnik schließlich im Verlag der staatlichen Nachrichtenagentur Nowosti.Nach dem Verbot schwiegen die DDR-Oberen zunächst. Fast eine Woche später musste dann das Zentralorgan Neues Deutschland doch Stellung nehmen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung hatte sich in einer offensichtlich unerwarteten Protestwelle Luft gemacht: Im ND waren ungewöhnlich viele Leserbriefe eingegangen, einige junge Leute hatten ihr SED-Mitgliedsbuch zurückgegeben, in Leipzig waren hunderte Luftballons mit aufgedruckten Sputniks aufgestiegen und in den Leuna-Werken kam es gar zu einem kurzen Streik in einer Abteilung. Das Sputnik-Verbot war ein außergewöhnlicher, aber kein einzigartiger Vorgang. Schon Anfang 1988 waren drei Hefte der in ebenfalls Moskau erscheinenden Zeitschrift Neue Zeit nicht ausgeliefert worden. In ihnen war das Theaterstück "Weiter, weiter, weiter" abgedruckt, das sich kritisch mit der Oktoberrevolution auseinander setzte. Im Herbst wurden dann fünf sowjetische Filme aus dem Kinoprogramm genommen. Geplant war auch die Einstellung der Illustrierten Freie Welt, des Organs der deutsch-sowjetischen Freundschaftsgesellschaft. Doch das Magazin erhielt im Dezember 1988 überraschend eine sowjetische Auszeichnung. Unter diesen Umständen hätte das Ende der Freien Welt wie eine offene Provokation Moskaus ausgesehen. Also erschien sie weiter. Die Proteste gegen das Sputnik-Verbot zeigten, wie tief der Unmut über die Bevormundung bereits saß. Doch die DDR-Führung hatte jeden Sinn für die Realität verloren. Stattdessen fand Honecker kurz darauf eine neue Form der Distanzierung vom großen Bruder. Anfang Dezember 1988 erfand er den "Sozialismus in den Farben der DDR". Der lebte dann kein Jahr mehr.Auf Hochglanz // Der Sputnik, der von der staatlichen Nachrichtenagentur Nowosti herausgegeben wurde, war nach dem Vorbild des amerikanischen Reader s Digest konzipiert.Das Magazin, im A5-Format und auf Hochglanzpapier gedruckt, erschien in mehreren Sprachen. Die deutschsprachige Ausgabe wurde sowohl in der DDR wie in der BRD vertrieben.Im Herbst 1989 kam der Sputnik wieder auf den DDR-Markt. Im Januar 1990 erschien eine Auswahl von Beiträgen aus den Nummern vom Oktober 88 bis zum Oktober 89.REPRO BLZ So informierte das Neue Deutschland über das Verbot des Sputnik.DPA Erst Ende 1989 erschien die Zeitschrift Sputnik wieder in der DDR.