Auf manchen Nachbarn mag das Treiben Otto Lilienthals ziemlich verrückt gewirkt haben. Im Frühjahr 1891 rannte der Mann mit seinen seltsamen Flugapparaten fünfzig- bis sechzigmal am Tag auf ein Sprungbrett, erhob sich für wenige Sekunden in die Lüfte und landete schließlich nach ein paar Metern wieder im Garten seiner Villa in Berlin-Lichterfelde. Lilienthal war zwar ein Idealist und Utopist, aber er war kein Spinner. Mit unglaublicher Akribie und wissenschaftlicher Genauigkeit bereitete er seine späteren Gleitflüge systematisch vor. "Lilienthal hat sich rund 20 Jahre lang mit der Theorie des Fliegens beschäftigt, bevor er selbst versuchte zu fliegen", sagt Bernd Lukasch, Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam (Mecklenburg-Vorpommern). Dort, in der ehemaligen Hansestadt nahe der Ostseeinsel Usedom, wurde Otto Lilienthal vor 150 Jahren geboren am 23. Mai 1848. Schon als Jugendlicher hat er sich zusammen mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Gustav für das Fliegen begeistert. Die beiden lasen über Ballonfahrten und beobachteten Störche. Otto hat die Faszination für die elegante Flugtechnik dieser Vögel bis zu seinem Lebensende nicht mehr losgelassen. Als erwachsener Mann hielt er sich sogar Störche in seinem Garten. Er untersuchte ihre Schwingen, analysierte den Flug und versuchte, seine Beobachtungen in eigene Modelle einfließen zu lassen. Bei seinen Untersuchungen konnte sich Otto Lilienthal nicht auf Lehrbücher stützen. Eine Theorie für die Physik der Luftströmungen existierte noch nicht. So war Lilienthal wahrscheinlich der erste Mensch, der entdeckte, daß die leichte Wölbung auf der Oberseite der Flügel für den Auftrieb der Vögel sorgt. Dort strömt die Luft nämlich schneller entlang als an der Unterseite. Diese wohl wichtigste Erkenntnis auf dem Weg zum Flugzeug hat Lilienthal 1874 umgesetzt, indem er eine Tragfläche mit Wölbung entwarf. Auch heutige Maschinen nutzen genau dieses Prinzip. Beim jungen Lilienthal wies zunächst wenig auf die spätere Begabung hin. Otto war kein guter Schüler. 1864 als 16jähriger verließ er vorzeitig das Anklamer Gymnasium, das ihm im Abgangszeugnis mäßige Leistungen und mangelnden Fleiß bescheinigte. Er ging nach Potsdam auf die Provinzial-Gewerbeschule, die junge Männer zu Technikern ausbildete. Seine Noten verbesserten sich schlagartig. Nach der Abschlußprüfung studierte er von 1867 bis 1870 Maschinenbau an der Königlichen Gewerbe-Akademie in Berlin-Charlottenburg, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Technischen Universität. Seine Flugstudien betrieb er nebenbei.Schon als junger Mann war sich Otto sicher, daß die Zukunft nicht den Heißluftballons gehören würde. Seit dem 18. Jahrhundert konnten Menschen damit zwar fliegen, aber eben nur dorthin, wohin der Wind sie trieb. Bis zur Erfindung des Luftschiffs zerbrachen sich die Aeronauten vergeblich den Kopf darüber, wie man Ballons lenkbar machen könnte. "Wir müssen daher den Schluß ziehen, daß die genaue Nachahmung des Vogelfluges in bezug auf die aerodynamischen Vorgänge einzig und allein für den rationellen Flug des Menschen verwendet werden kann", schrieb Lilienthal 1889. Er erkannte, daß die menschliche Brustmuskulatur nicht kräftig genug war, um das eigene Körpergewicht auf diese Weise durch die Luft zu befördern. Schon 1868 hatte er gemeinsam mit seinem Bruder einen Flügelschlagapparat gebaut, den er über zwei Pedale antrieb. Fliegen sollte dieses Gerät nicht, aber der erzeugte Auftrieb ließ sich damit messen. Dazu war es mit einem über zwei Rollen geführten Seil freischwebend aufgehängt und durch ein Gegengewicht ausbalanciert. Nach dem Studium arbeitete Lilienthal als Ingenieur in Berliner Maschinenbaufirmen. In seiner Freizeit bastelte er an Flugmodellen. Er heiratete 1878 und wurde viermal Vater. 1881 gründete er in Berlin eine eigene Maschinenbaufabrik, die überaus erfolgreich war. Lilienthal kam zu Wohlstand. Er betätigte sich als Theatermäzen, und er führte wie nur ganz wenige andere Unternehmer damals eine Gewinnbeteiligung von 25 Prozent für seine Arbeiter ein. Durch seine finanzielle Unabhängigkeit konnte sich Otto Lilienthal intensiv der Fliegerei widmen. In späteren Jahren hat er sogar einen Arbeiter extra für den Bau seiner großen Gleiter abgestellt. Zunächst aber veröffentlichte er 1889 sein wissenschaftliches Hauptwerk "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst". Darin hatte er seine Erkenntnisse aus über zwei Jahrzehnten Forschungsarbeit zusammengefaßt. Das Buch gehört zu den wichtigsten Veröffentlichungen in der Geschichte der Luftfahrt. Lilienthal hatte damit seine flugtheoretischen Untersuchungen an Vögeln und Flugmodellen abgeschlossen. Jetzt begann er endlich, große Flügelgleiter zu bauen, mit denen er selber fliegen konnte. Für die Verstrebungen verwendete er Weidenholz und bespannte es mit Baumwollstoff, den er mit einer Gummilösung abdichtete. 1890 machte er mit einem solchen Fluggerät stehend erste Versuche im Wind. Ein knappes Jahr später traute er sich kurze Sprünge in seinem Garten zu. Im Sommer des Jahres 1891 brach er schließlich mit einem Gleiter nach Derwitz westlich von Potsdam auf. Vom dortigen Windmühlenberg wagte er einen Absprung aus fünf bis sechs Meter Höhe, und erstmals flog er bis zu 25 Meter weit. "Nicht das Fliegen war das Entscheidende", betont Museumsleiter Lukasch. "Lilienthal konnte landen!" In den folgenden Jahren baute er insgesamt zehn "Flugzeuge", die er auf mehreren Berliner Hügeln testete, bis er 1894 seinen eigenen, 15 Meter hohen "Fliegeberg" in Lichterfelde aufschichten ließ. Mit den besten Gleitern fuhr Lilienthal in die Rhinower Berge, rund hundert Kilometer nordwestlich von Berlin, wo er 1893 Weiten von bis zu 250 Metern erreichte. Er blieb bis zu 30 Sekunden in der Luft und konnte erstmals eine Kurve fliegen. In späteren Versuchen wiederholte er diese Leistungen, er konnte sie aber nicht weiter verbessern. Am 9. August 1896 geriet Lilienthal bei einem Flug in den Rhinower Bergen in eine turbulente Luftströmung, stürzte aus 15 Meter Höhe ab und brach sich einen Halswirbel. Tags darauf starb er. Die Todesnachricht verbreitete sich schnell bis in die Neue Welt. Fast alle großen US-Zeitungen berichteten auführlich über den Berliner Ingenieur und seine Versuche. Lilienthal hatte in Briefkontakt mit amerikanischen Flug-Enthusiasten gestanden, die nach seinen Erfolgen versuchten, mit Nachbauten der Lilienthal-Gleiter oder eigenen Apparaten zu fliegen. Die Gebrüder Wright, denen 1903 der erste erfolgreiche Motorflug gelang, wurden nach eigenen Aussagen erst durch die Artikel über Lilienthal angeregt, sich ernsthaft mit der Fliegerei zu beschäftigen. Otto Lilienthal war stets überzeugt davon, daß die Fliegerei schließlich die gesamte Menschheit vereinen werde: "Die gegenseitige Absperrung der Länder, der Zollzwang und die Verkehrserschwerung ist nur dadurch möglich, daß wir nicht frei wie der Vogel auch das Luftreich beherrschen." Daß Fluggeräte der Kriegführung dienen können, daran hat er offensichtlich nicht gedacht. Im Gegenteil glaubte er: "Die Landesverteidigung, weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören, die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen, und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten als den blutigen Kämpfen um die imaginär gewordenen Grenzen, würde uns den ewigen Frieden verschaffen." Eine kapitale Fehleinschätzung, was auch Anklam zu spüren bekommen sollte. Ausgerechnet in Lilienthals Heimatort baute die Rüstungsfirma Arado in der Nazizeit Tragflächen für ihre Flugzeuge. Das machte die Stadt im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen strategischen Ziel der alliierten Bomber, die schließlich siebzig Prozent der Gebäude und Straßen in Schutt und Asche legten. Auch Lilienthals Geburtshaus wurde zerstört. Nur das spätere Wohnhaus der Familie ist erhalten.Zum 150. Geburtstag Lilienthals veranstaltet das Anklamer Lilienthal-Museum am 23. und 24. Mai ein internationales Kolloquium. Informationen unter Tel.: 0 39 71/ 24 55 00.