Wer zwischen Rechnungen und Werbezetteln den ersehnten Liebesbrief im Briefkasten entdeckt, dessen Herz schlägt unwillkürlich schneller. Das Herzklopfen, so die wenig romantische Erklärung der Verhaltensforscher, ist nichs weiter als ein "bedingter" oder "Pawlowscher" Reflex, der durch die geliebten Schriftzüge ausgelöst wird. Die Reaktion trägt den Namen von Iwan Petrowitsch Pawlow, der diese besondere Form des Reflexes erstmals beschrieb. Vor 150 Jahren wurde der Physiologe in der Gegend von St. Petersburg als Sohn eines russisch-orthodoxen Priesters geboren. In der alten Zeit des Zarenreichs brachte Pawlow es zum Nobelpreis; nach der Oktoberrevolution wurde er zum Vorzeigewissenschaftler der Sowjetunion.Als ältester Sohn sollte Pawlow den Beruf seines Vaters ergreifen. Doch im Alter von acht Jahren fiel Iwan von einer Leiter. Dabei zog er sich vermutlich eine Kopfverletzung zu. Der Junge wurde blass und appetitlos und kam erst wieder zu Kräften, nachdem sein Onkel, ein Abt, ihn im Kloster aufgepäppelt hatte. Mit elf Jahren konnte er endlich eine Schule besuchen. Dort zeigte er sich so aufgeweckt, dass er zum Studium empfohlen wurde.Gegen den Wunsch seiner Eltern studierte Pawlow in St. Petersburg Naturwissenschaften und Medizin. Als Student war er aufbrausend, rechthaberisch, schlecht gekleidet, ein wenig ziellos und ziemlich chaotisch. Sein Bruder Dimitri, ebenfalls Student in St. Petersburg, hatte alle Hände voll zu tun, Iwans Leben in der Bahn zu halten. Der lebte mehr schlecht als recht von kleinen Stipendien. Erst mit 34 Jahren erhielt er den Doktorhut, doch schon ein Jahr später wurde er habilitiert. 1884 ging er für zwei Jahre nach Leipzig und Breslau, um sich in Physiologie weiterzubilden.Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts lernte Pawlow die Pädagogik-Studentin Serafima Kartschewskaja kennen. Er, der sonst länger im Labor arbeitete als jeder andere, war nun vornehmlich mit dem Abfassen von Liebesbriefen beschäftigt offenbar mit Erfolg. Die Reise zur Hochzeit in Rostow am Don konnte Iwan gerade noch bezahlen. Für die Feier selbst blieb keine Kopeke mehr übrig. Pawlow konnte zunächst nicht einmal nach St. Petersburg zurückkehren. Die Finanzen des Paares blieben noch lange zerrüttet. Als 1884 der kleine Mirtschik zur Welt kam, musste Pawlow sich Geld von den Schwiegereltern borgen, um Mutter und Kind im Sommer aufs Land schicken zu können. Hatte Pawlow einmal Geld, gab er es sofort für Versuche aus. Mehr und mehr nahm Serafima das Geschäftliche in die Hand daraufhin soll das Eheleben recht harmonisch geworden sein. Doch blieben die Einkünfte karg, denn Pawlow lehnte Stellenangebote ab, die nicht genau seinen Vorstellungen entsprachen.Schon bald genoss er wegen seiner Arbeiten über die Regulierung der Herztätigkeit internationale Anerkennung. 1890 erhielt er eine Professur an der militärärztlichen Akademie in St. Petersburg. Endlich, mit 41 Jahren, hatte er einen gut bezahlten und vorzüglich ausgestatteten Arbeitsplatz, den er bis zu seinem Lebensende nicht aufgab.Pawlow befasste sich mit der Frage, wie der Körper die Verdauung reguliert. Allgemein glaubte man, dass Nerven bei der Steuerung dieses Vorgangs nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Ergebnisse von Vivisektionen, also dem Öffnen des lebenden Tierkörpers, schienen das zu bestätigen. Pawlow vermutete dagegen, dass die Schmerzen während des Eingriffs den Verdauungsprozess lähmen. Die Frage liess sich seiner Ansicht nach nur beantworten, wenn man den Versuchstieren den Schmerz ersparte.Pawlow begann, sich mit der Chirurgie zu befassen, um seine Hunde möglichst schmerzfrei untersuchen zu können. Nur Versuchstiere, die nicht leiden, könnten der Wissenschaft nützlich sein, glaubte der Physiologe. Gleichzeitig führte er in seinem Labor neue Methoden ein. Er legte den Hunden künstliche Ausgänge der Verdauungsorgane, untersuchte die Sekrete und klärte so den bis dahin rätselhaften Verdauungsvorgang auf. Dafür wurde er 1904 mit dem Nobelpreis geehrt. Als Nebenprodukt dieser Arbeit konnte Pawlow reines Pepsin in großen Mengen herstellen. Dieses Verdauungssekret ist noch heute ein wichtiges Magenmedikament.Bekanntlich beginnt die Verdauung schon beim Kauen. Also untersuchte Pawlow auch die Speicheldrüse und zählte die Anzahl der Speicheltropfen. Dabei fiel ihm 1902 auf, dass die Hunde bereits Speichel absonderten, wenn der Labordiener auftauchte, der sie immer fütterte. Dies regte Pawlow zu genaueren Untersuchungen an. Er ließ jedes Mal vor der Fütterung einen Gong ertönen. Schon nach wenigen Tagen hatten die Hunde gelernt, das Signal mit der Fütterung zu verbinden. Bei jedem Gongschlag sonderten die Tiere nun Speichel ab, auch wenn gar kein Futternapf auf sie wartete: Iwan Pawlow hatte den "bedingten Reflex" entdeckt.Der "unbedingte Reflex" hingegen ist angeboren. Er zeigt sich zum Beispiel bei Routineuntersuchungen: Jedes Mal, wenn der Arzt mit dem Hämmerchen auf das Knie schlägt, schnellt das Bein hoch, ob der Patient will oder nicht. Im Unterschied dazu ist der bedingte Reflex erlernt und kann auch wieder "vergessen" werden. Der "pawlowsche" Hund, der jahrelang keinen Gong mehr vor der Fütterung hört, sondert bei Gongschlägen auch keinen Speichel mehr ab.Mit über 50 Jahren hatte Pawlow sein Lebensthema gefunden. Er stellte eine Theorie des bedingten Reflexes auf, die er mit Tausenden von Versuchen untermauerte. Die Hunde wurden mit Musik berieselt und auf geometrische Formen dressiert. Auf Farben waren sie nicht zu drillen Pawlow entdeckte, dass Hunde farbenblind sind. Zum An- und Abtrainieren bedingter Reflexe wurden sie auch Elektroschocks ausgesetzt. Um den Ort zu finden, an dem die Informationen verknüpft wurden, untersuchte Pawlow die Gehirne der Versuchstiere und erstellte eine "Landkarte" des Hunde-Großhirns.In den Wirren der Oktoberrevolution konnte Pawlow weder seine Tiere noch sich selbst versorgen. Doch die Lage besserte sich schnell, als sich Lenin für seine Arbeiten zu interessieren begann. Das "Konditionieren", also das Antrainieren von bedingten Reflexen, fügte sich gut in die materialistisch-kommunistische Ideologie. Man hoffte, damit den neuen, sozialistischen Menschen heranbilden zu können. Pawlow wurde zum Vordenker materialistischer Naturerkenntnis stilisiert der er nie war. Kaum ein anderer Wissenschaftler ist, je nach ideologischer Tageslosung, so unterschiedlich bewertet worden wie Pawlow. Heute gilt der Popensohn als Begründer der modernen Physiologie. Er starb am 27. Februar 1936 in Leningrad an einer Lungenentzündung. Auf der Grundlage seiner Forschungsergebnisse entstanden, vor allem in den USA, verschiedene Lerntheorien. Daraus entwickelten sich etliche Verhaltenstherapien, die Menschen heute zum Beispiel helfen, sich von krankhaften Ängsten und Zwangsverhalten zu befreien.IWAN PAWLOW Der Nobelpreisträger // Am 14. September 1849 wurde Iwan Petrowitsch Pawlow als Sohn eines Priesters in Rjasan bei St. Petersburg geboren. Sein 150. Geburtstag wird erst am 26. September gefeiert, da der damals in Russland gebräuchliche Kalender zwölf Tage hinter der gregorianischen Zeitrechnung zurückblieb.Pawlow studierte Naturwissenschaften und Medizin in St. Petersburg. Im Alter von 34 Jahren erhielt er den Doktorhut, ein Jahr später wurde er habilitiert. 1884 ging er für zwei Jahre nach Leipzig und Breslau.Von 1890 bis 1924 war Pawlow Professor an der militärärztlichen Akademie in St. Petersburg. Im Jahre 1904 erhielt er für seine Arbeiten zur Physiologie der Verdauung den Medizin-Nobelpreis. Kurz darauf enteckte er bei Untersuchungen an Hunden den "bedingten" Reflex.Der Physiologe starb am 27. Februar 1936 in St. Petersburg (damals Leningrad) an einer Lungenentzündung. Seine Forschungen waren unter anderem Grundlage für die Entwicklung von Verhaltenstherapien. (wis. )Iwan Pawlow entwickelte zahlreiche neue Untersuchungsmethoden. Das Bild zeigt eine von ihm entworfene Werkbank für Untersuchungen an Hunden. Die Aufnahme entstand um 1950 im Pawlow-Museum am Institut für Experimentalmedizin in St. Petersburg (damals Leningrad).