Das kurze Leben der Sofia Kowalewskaja war äußerst ungewöhnlich. Standesgemäß schrieb die russische Adlige Autobiografisches und einen Roman, geradezu skandalös aber hauste sie zeitweise in Wohngemeinschaften und pflegte als Sympathisantin beim Aufstand der Pariser Kommune verwundete Revolutionäre. Dass sie eine Scheinehe einging, um Mathematik studieren zu können, machte sie auch in fortschrittlichen Kreisen zu einer Ausnahme. Eine Sensation aber war es, als die vor 150 Jahren, am 15. Januar 1850 in Moskau geborene Sofia Kowalewskaja mit 34 Jahren zur ersten Professorin Europas berufen wurde.Sofias Vater, der Offizier und Gutsbesitzer Wassili Korwin-Krukowski, entstammte polnischem Adel und führte seine Ahnenreihe auf den ungarischen König Matthias Korwin zurück. Jelisaweta Schubert, ihre Mutter, eine schöne, gebildete Frau, sprach fließend vier Sprachen. Auch die Kinder wuchsen mehrsprachig auf. 1858 zog die Familie auf ihr Landgut Palibino. Durch einen Zufall hatten auf Palibino die Tapeten nicht für das Kinderzimmer gereicht, und die Wände waren mit Altpapier, lithografierten Mitschriften von Mathematikvorlesungen, beklebt. So lernte Sofia die Anfangsgründe der Integral- und Differenzialrechnung beim Studium der Wände, viele Formeln prägten sich ihr für immer ein. Verwandte, Freunde und der Hauslehrer erkannten und förderten ihre mathematische Begabung.Auf dem Gutshof erlebte Sofia 1861 die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Dreizehnjährige begeisterte sich für den polnischen Freiheitskampf. Schon in Palibino entwickelte sie ein soziales und politisches Bewusstsein.Emanzipation durch Scheinehe Mit fünfzehn Jahren wurde Sofia in die Gesellschaft eingeführt und lernte das intellektuelle Leben in Petersburg kennen. Zeitweise war sie schwärmerisch in den Schriftsteller Dostojewski verliebt, der seinerseits erfolglos ihrer älteren Schwester Anjuta einen Antrag machte. Im Januar 1868 endlich erhielt sie in Petersburg den ersehnten privaten Unterricht in höherer Mathematik bei Alexander Strannoljubski. Durch ihn bekam sie Kontakt mit "nihilistischen" Kreisen, jungen revolutionären Schwärmern, die sich auch für die Gleichberechtigung der Frauen einsetzten. So kam Sofia auf die ungewöhnliche Idee, Mathematik studieren zu wollen.In Russland durften Frauen nicht studieren, und ihr Vater erlaubte ihr kein Studium im Ausland. Daher schmiedeten Sofia und Anjuta gemeinsam mit Freundinnen einen abenteuerlichen Plan: Sie wollten eine Scheinehe arrangieren. Ein gleich gesinnter Ehemann sollte ihnen die Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben verschaffen. Der ärmlich von Übersetzungen lebende, aber standesgemäße Wladimir Kowalewski fand sich aus politischer Überzeugung dazu bereit. Am 27. August 1868 heiratete ihn Sofia auf Palibino. Als Begleitung eines ehrbaren Ehepaares durfte nun auch Anjuta ins Ausland.Die drei fuhren 1869 nach Wien, wo Wladimir Geologie studieren wollte, Anjuta ging nach Paris, um sich der Arbeiterbewegung anzuschließen. Sofia, die nun ihren Namen in Sonja von Kowalewski eindeutschte, gelang es an der altehrwürdigen Universität Heidelberg, jedem Professor die Hörererlaubnis für ihre Vorlesungen einzeln abzuringen. Bald kam auch die Freundin Julia Lermontowa nach, der es glückte, beim notorischen Frauenhasser Robert Bunsen Chemie zu studieren. Bunsen beschwerte sich bitter bei dem Berliner Mathematikprofessor Karl Wilhelm Weierstrass über die "gefährlichen Russinnen".Sofia und Julia bildeten den Kern einer Frauen-Wohnkommune, zu der ab und an auch Anjuta und Wladimir stießen. Eigentlich hatte der seine Rolle längst erfüllt, doch zwischen den Scheinehe-Partnern entstand ein ambivalentes, spannungsreiches emotionales Verhältnis. Immer wieder wechselten Zeiten, in denen beide getrennte Wege gingen, mit Phasen geschwisterlichen Zusammenlebens.1870 zogen Sofia, Wladimir und Julia nach Berlin, wo der berühmte Mathematiker Weierstrass lehrte doch in Preußen durften Frauen nicht studieren. Julia konnte bei August Wilhelm Hofmann, dem führenden organischen Chemiker, im Privatlaboratorium arbeiten, während Sofia bei Weierstrass Privatvorlesungen hörte: jeden Sonntag in seiner Junggesellenwohnung, freitags in der russischen Wohngemeinschaft.Nach einiger Zeit klärte Sofia Weierstrass über ihre Ehe auf. Dass sie sich bald darauf mit ihrem Lehrer duzte, lässt auf ein ziemlich inniges Verhältnis schließen. Weierstrass begriff, dass Sofia nicht materiell abgesichert, sondern auf einen Beruf angewiesen war. So sah er sich nach einer Universität um, die Sofia promovieren könnte, für Julia suchte Hofmann eine Promotionsmöglichkeit. Nach vielen Mühen konnten beide Frauen 1874 in Göttingen den Dr. phil. erwerben.Sofia hatte gleich drei Dissertationen eingereicht, die auch die Breite ihrer Interessen zeigen: "Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen", "Zusätze und Bemerkungen zu Laplace s Untersuchungen über die Gestalt der Saturnringe" und "Über die Reduction einer bestimmten Klasse Abel scher Integrale 3. Ranges auf elliptische Integrale". Jede einzelne Arbeit wurde als "weit über das Maß der an eine Dissertation zu stellenden Anforderungen hinausgehend" beurteilt.Wladimir, 1872 als Paläontologe promoviert, Sofia und Julia kehrten in die Heimat zurück. Sofia und Wladimir wurden nun wirklich ein Paar, dem 1878 eine Tochter geboren wurde. Als Wladimir als Dozent nach Moskau berufen wurde, wandte sich Sofia 1881 wieder der Mathematik zu. In Russland durfte sie nicht arbeiten, so lebte sie wieder in Berlin und Paris und gewann rasch hohes wissenschaftliches Ansehen.Nobels enttäuschte Liebe 1883 nahm sich Wladimir nach einem Bankrott das Leben, um die Tochter kümmerte sich die treue Julia. Die nun ungebundene Sofia wurde nach Stockholm berufen und dort als "Fürstin der Wissenschaft" begrüßt. Im Januar 1884 hielt sie die erste ihrer hochgelobten Vorlesungen (auf deutsch), im Juni wurde sie zur Professorin ernannt. Von der internationalen Mathematikerschaft erhielt sie Ehrungen und Mitgliedschaften in Akademien.In Schweden fand sie auch gesellschaftliche Anerkennung. Alfred Nobel machte ihr erfolglos einen Antrag so entstand das Gerücht, nach einer Liebesbeziehung so bitter enttäuscht, habe er keinen Preis für Mathematik vorgesehen.Im Dezember 1890 reiste Sofia nach Südfrankreich zu Maksim Kowalewski, mit dem sie Liebe und intellektuelle Partnerschaft verband. Auf der Rückreise musste sie beim Umsteigen, vom Kofferschleppen verschwitzt, in Eiseskälte warten und kam krank heim. Trotz hohen Fiebers hielt sie noch Vorlesungen, die Erkältung ging in eine Lungenentzündung über, der sie am 10. Februar 1891, gerade 41-jährig, erlag.Die Tochter, in den letzten Jahren bei der Mutter lebend, wuchs weiter bei Julia im gleichen Geiste auf. Für Sofia wie Julia war, wie eine Biografin Sofias schreibt, "ihre eigene Emanzipation mit dem Fortschritt von Technik und Wissenschaften unauflöslich verbunden. Nur dieser Fortschritt garantierte so ihre Überzeugung die Überwindung der sie unterdrückenden patriarchalischen Strukturen. "JUBILÄUM Kowalewskaja // Eine wissenschaftliche Geburtstagsfeier für die russische Mathematikerin Sofia Kowalewskaja findet am Sonnabend,den 15. 1. , an der Humboldt-Universität statt: 12-19 Uhr, Professorenmensa im Hauptgebäude, Unter den Linden 6. Die Feier wird organisiert von den Frauenbeauftragten der Berliner Mathematik-Fachbereiche und dem Deutschen Hochschullehrerinnenbund. Neben zwei mathematikhistorischen Vorträgen geht es um Themen aus der Angewandten Mathematik. Info: Tel. 20 93 26 30.Eine lesenswerte Biografie über Sofia Kowalewskaja erschien 1995 als Jugendbuch: Cordula Tollmien: Fürstin der Wissenschaft. Die Lebensgeschichte der Sofja Kowalewskaja, Beltz und Gelberg, Weinheim 1995, 190 S. , 16, 80 Mark.Wilderich Tuschmann, Peter Hawig: Sofia Kowalewskaja. Ein Leben für Mathematik und Emanzipation. Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin. 1993, 185 S. , 58 Mark.

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