LEIPZIG, im Oktober. Die Bilder und Sätze werden denen von damals ähneln. Den Bildern und Sätzen vom 6. Oktober 1985, als die ostdeutschen Medien aus dem fernen Australien mit der glücklichen, in Siegerpose winkenden Sportlerin gleich ein ganzes Menschenbild in die Heimat sendeten. Sie könnten denen im ganzseitigen Porträt einer Regionalzeitung vor neun Jahren gleichen oder in der Riverboat-Talkshow des MDR vor zwei Jahren: Marita Koch wird an diesem 6. Oktober 2005 gerühmt werden als großartige Athletin und für ihre sympathisch-zurückhaltende Art. Die Rostockerin wird verhalten in die Kameras lächeln und dabei vielleicht noch einmal ihren Weltrekordlauf in Canberra beschreiben: "Ich ging, wie immer, die 200 Meter sehr schnell an, kam mit 33,9 Sekunden auf meine beste 300-Meter-Zwischenzeit und merkte, dass ich noch nicht am Ende meines Lateins war." Ein leichter Kreislaufkollaps nach dem Rennen, ja, und trotzdem: alles ganz normal, alles wie immer. Die Reprise als Kundendienst für ungetrübte Erinnerung. Marita Koch wird wissen, dass man ihr eine Frage gar nicht erst stellt, weil sie ohnehin dazu schweigt. Oder sie vertraut darauf, dass rücksichtsvolle Reporter sie wie ein böses Gerücht behandeln, die Frage.Und wenn sie darauf nicht zählen kann? "Ihre Kollegen von den Norddeutschen Neuesten Nachrichten waren gerade da", erklärt Marita Koch und bittet um Verschiebung des vereinbarten Telefontermins. Die Verschiebung wiederholt sich, am Ende sprechen nur noch die Anrufbeantworter. So ein Rekord stört also doch. 47,60 Sekunden brauchte Koch beim Weltpokal-Finale in Canberra für die 400 Meter. Nie wieder blieb eine Läuferin nach ihr auf der Stadionrunde unter 48 Sekunden, nur drei unter 49 Sekunden: 1996 beim Duell um den Olympiasieg die Französin Marie-José Pérec (48,25) und die Australierin Cathy Freeman (48,63), 2003 die Mexikanerin Ana Guevara (48,89). Kochs 47,60 - Rekord für die Ewigkeit wird er genannt, ein Bollwerk, wie in Stein gemeißelt, eine Zeit aus einer anderen Zeit.Die WunderdrogeWolfgang Meier, Kochs Trainer, plante 47,65 für den Saisonhöhepunkt 1985. "Spaßeshalber haben wir schon 47,11 geulkt", sagte sie in Canberra. Gerade jene Jahre bieten Raum für solch makabren Ulk. Vielleicht nähert man sich deshalb noch einmal dem Monstrum 47,60 und Marita Kochs langem Abschied aus dem Spitzensport. Sie wollte schon nach dem Olympiaboykott 1984 aufhören. Es lag nahe, dass sie damit einem Rat von Meier folgte, dem Autodidakten ohne Trainerdiplom, der sie als 13-Jährige entdeckt hatte und eingeweiht war in die Pläne des DDR-Sports. Sportchef Manfred Ewald erklärte nach dem Boykott, bei der "Anwendung unterstützender Mittel" sei nun "alles erlaubt". Erstmals in der modernen Sportgeschichte sollten Wachstumshormone verabreicht werden."Wie bereits in der Vergangenheit festgestellt", notierte Manfred Höppner, sportärztlicher Manager des DDR-Dopingprogramms, "hat Meier einen sehr großen Einfluss auf Marita Koch und ihre Meinung ist in der Regel nicht maßgebend bzw. nicht gefragt." Koch und der 15 Jahre ältere Meier wollten heiraten. Doch das Duo wurde zum Weitermachen gedrängt. 1985 forderte Ewald die "Wunderdroge", gipfelte die Perversion in einer bis dahin unerreichten Zahl: 1 800 Sportler in 21 Verbänden wurden mit verbotenen Drogen flottgemacht.Koch, die Allrounderin, deren Stil kraftvoll und locker wirkte, war ein besonderes Talent. 1979, mit 22 Jahren, blieb sie als erste Frau über 200 Meter unter 22 Sekunden. Den Weltrekord (21,71) hielt sie von 1979 bis 1988, bis zum 21,34-Fabellauf der Amerikanerin Florence Griffith-Joyner, die zusehends vermännlichte und 38-jährig starb. Vielleicht verfügte Koch über eine ungewöhnliche Zahl schnell zuckender Muskelfasern, die sonst nur Tiere haben mit der Fähigkeit, extrem schnell zu flüchten. 16 Weltrekorde stellte sie auf, für den einen, die 47,60, habe sie dreizehn Jahre gebraucht und, wie sie gern mitteilte, "bei der harten Trainingsbelastung ziemlich oft den inneren Schweinehund überwinden" müssen. Doch irgendwann, vielleicht nach dem verweigerten Ausstieg, muss etwas gekippt sein.Zur systemtypischen Zahlenreihe - 970/1460/720/530 Milligramm, den für Koch dokumentierten Jahresraten des DDR-Anabolikums Oral-Turinabol für den Vierjahreszyklus bis 1984 - addierte sich nun Unabweisliches. Ein Brief, den Michael Oettel, Forschungsdirektor des VEB Jenapharm beantworten sollte: Die Rostockerin Marita Koch beschwert sich, dass ihre Jenaer Konkurrentin Bärbel Wöckel zusätzlich besondere oder stärkere Anabolika bekommt, weil ein Verwandter von ihr bei Jenapharm arbeite. Ein bisher unveröffentlichter Bericht von Höppner (Stasi-IMB Technik) aus dem Rekordjahr 1985: "Durch den Sektionsarzt Leichtathletik des SC Empor Rostock, Hommel, wurde der IMB informiert, dass durch die bulgarische Leichtathletik-Mannschaft eine Reihe von Pharmaka nach ihrer Abreise im Hotel liegen gelassen und an Meier übergeben wurden. Von sich aus hat er diese bei der Koch zur Anwendung gebracht. Zwischenzeitlich hat sich der Meier an den IMB gewandt, mit der Bitte, übersandte Urinproben analysieren zu lassen hinsichtlich der Nachweisführung der übersandten Pharmaka. Disziplinarische Maßnahmen sind wegen der Eigenmächtigkeiten des Meier nicht vorgesehen." Koch und Wolfgang Meier hatten das Zwangssystem kreativ adaptiert.Anfang 1986 verweigerte Ewald erneut das Karriereende. Marita Koch schrieb an den Rostocker SED-Chef Heinz Lange: Ewald habe eine Entscheidung gefordert, bis 1988 weiterzumachen: "Er will keine EM-Titel, sondern Olympiasiege. (.) Alle von uns aufgeführten Gründe wie Kinderwunsch (mit 29 Jahren), Studium, gesundheitliche Gründe usw. fand er mehr oder weniger unwesentlich." Auch ein Trainingslager in Australien lehnte Ewald ab. Hatte Koch begriffen, dass sie zum Verbrauch bestimmt war? 1986 gewann sie zwei EM-Titel. Anfang 1987 lief sie während des Trainings plötzlich aus der Bahn und sagte: "Ich will nicht mehr." Keiner konnte sie umstimmen. Offizieller Rücktrittsgrund: Beschwerden an der Achillessehne. Doch in ein Abschiedsinterview rutschte ein für sie außergewöhnlicher Satz. Koch sprach von einem "Havariezustand meines Körpers"."Diese Flucht"So deutlich äußerte sie sich in nachvereinigten Zeiten nie mehr. "Ich würde heute wieder alles genau so machen!" sagte sie 1996. Im Jahr 2000 kam ihr Ehemann und Trainer noch einmal zu Popularität. Marie-José Pérec ließ sich von Meier auf Olympia in Sydney vorbereiten. Über "das Thema", sagte Marita Koch, und meinte damit die Doping-Frage, habe sie mit Pérec nicht geredet. Die D-Frage? "Da sage ich auch gar nichts mehr dazu." Meier ließ die Gazelle Pérec Autoreifen hinter sich herziehen, trieb sie an, bis sie sich erbrach. Die Radikalkur sollte Gold bringen wie für Koch, Doppelolympiasiegerin von Moskau. Marie-José Pérec floh aus Sydney, kurz vor Wettkampfbeginn. Fast vier Jahre blieb sie verschwunden, bis sie im Sommer 2004 ihren Rücktritt verkündete. "Warum ich abgehauen bin? Die Antwort ist einfach. Das bin ich, diese Flucht."Koch, Inhaberin von Sportgeschäften in Rostock, würde über ihr langes Karriere-Ende nie so sprechen. Warum sollte sie - selbst der Leichtathletik-Weltverband IAAF flaggt mit ihren Erfolgen, präsentiert sie auf der Homepage ungebrochen als Legende. Und eine solche Fluchtgeschichte würde auch nicht den Tatsachen entsprechen. Eher schon eine andere: Marita Koch trainiert am Ostseestrand. Wie später Pérec sprintet sie und zieht einen Autoreifen. Daneben Meier, er schreit, er gestikuliert - Koch folgt den Kommandos, wieder und wieder läuft sie los. Der Reifen, stellt man sich vor, muss schwerer werden mit jedem Schritt im Sand. Er ist an einem Seil um ihre Hüften geschlungen. Loswerden kann sie ihn nicht. Wie die D-Frage, die an ihr klebt mit diesem Monstrum, dem Rekord, ihren 47,60 Sekunden.------------------------------Foto: Eine andere Dimension: Marita Koch 1985 in Canberra - eine dreiviertel Sekunde vor der Russin Wladykina.------------------------------Foto: Ersttagsbrief der australischen Post mit den Unterschriften der Weltrekordler Bubka (UdSSR), Koch (DDR), Conley (USA) und Kratochvilova (CSSR)