LOBETAL. Es ist schon dunkel an jenem 31. Januar 1990, als vor dem Pfarrhaus in Lobetal bei Bernau (Barnim) eine schwarze Limousine hält. Peter Althaus, ein Urologe aus Berlin, steigt aus und geht auf Pfarrer Uwe Holmer zu, der aus dem Gebäude getreten ist. Nach einer kurzen Begrüßung wenden sie sich dem Wagen zu, dem nun ein älteres Ehepaar entsteigt: Es sind Erich Honecker, der gestürzte SED-Chef, und seine Frau Margot, die einstige Volksbildungsministerin.Zweieinhalb Monate bleiben die Honeckers im Pfarrhaus von Lobetal. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel hatte zuvor in ihrem Auftrag die Kirchenleitung um Hilfe gebeten. Niemand will die Honeckers aufnehmen, nirgendwo kann man für ihre Sicherheit garantieren. So kommen sie nach Lobetal. Aber auch dies ist nun kein ruhiger Ort mehr. Journalisten belagern das Pfarrgrundstück, es gibt Demonstrationen aufgebrachter Bürger, Tausende Briefe mit zum Teil wüsten Beschimpfungen erreichen den Pfarrer.Aber Holmer steht auch heute noch zu seiner Entscheidung. Er ist ein Christ, der an das Wort der Bibel glaubt. "Jeden Sonntag beten wir im Gottesdienst 'Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern'. Das kann doch nicht nur so dahingesagt sein", sagte er kürzlich der Sächsischen Zeitung.Zu vergeben hatte Holmer auch. Acht seiner Kinder durften das Abitur nicht machen, weil sich der Pfarrer und Bürgermeister des Diakoniedorfes Lobetal nicht arrangieren wollte mit den SED-Oberen. Auch die Stasi hatte ihn im Visier, acht Spitzel waren auf ihn angesetzt.Dennoch rücken die Holmers, die mit zwei ihrer zehn Kinder im Pfarrhaus leben, zusammen und lassen die Honeckers ins Obergeschoss ziehen. Überraschend normal, höflich und nie arrogant seien die beiden gewesen, erinnert sich Uwe Holmer. Frau Honecker habe für ihren Mann gekocht und auch die Treppe gewischt. Besuch hatten sie nur selten, die Tochter kam ab und an, und ein paar Angestellte aus Wandlitz brachten den Einkauf vorbei. Politiker, gewesene und aktuelle, ließen sich nicht blicken.Uwe Holmer hat später ein Buch geschrieben über seine Erlebnisse mit den Honeckers. Darin schildert er, wie sich die Familien annähern, persönliche Gespräche führen. Nur über Politik oder Religion will Honecker nicht reden. Oft habe er im Fernsehen politische Sendungen gesehen, habe über die alten Mitstreiter und vor allem auf den "Verräter" Gorbatschow geschimpft.Ende März 1990 ziehen die Honeckers in ein Ferienheim in Lindow, wegen der besseren Betreuung für den Kranken. Aber nach einem Tag hatte sie der Volkszorn wieder vertrieben. Bis Mitte April bleiben sie noch bei den Holmers, dann verlegt man sie in ein sowjetisches Militärhospital in Beelitz. Von dort fliehen sie im März 1991 nach Moskau.Uwe Holmer lebt heute, 80-jährig, in Serrahn, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Dort bietet er "biblisch orientierte Lebenshilfe" im Diakonischen Zentrum für Suchtkranke an, spricht einmal die Woche mit Alkoholkranken. Auch andernorts im Land verkündet er in Bibelstunden das Wort Gottes oder hält Vorträge über seine christliche Weltsicht. Seine zehn Wochen mit den Honeckers spielen häufig eine Rolle, denn dies ist für Uwe Holmer auch ein Beispiel für die Kraft Gottes. Schließlich habe da ein Mann, der die Christen vielfältig drangsaliert hatte, ausgerechnet die Kirche um Asyl gebeten. "Wenn das kein Sieg Gottes ist."------------------------------1905 gegründetLobetal wurde 1905 von Pastor Friedrich von Bodelschwingh als Stätte für Obdach- und Arbeitslose gegründet. Zu DDR-Zeiten lebten dort 1 200 Behinderte, Senioren und Suchtkranke, denen Unterkunft und Arbeit in Werkstätten geboten wurde.Betreut wurden die auch Lobetaler Anstalten genannten kirchlichen Einrichtungen vom Diakonischen Werk. Pastor Uwe Holmer war in Lobetal auch Bürgermeister und Geschäftsführer der Einrichtung.------------------------------Foto: Uwe Holmer 1990 vor seinem Lobetaler Haus. Vier Mal ging die Bitte an die Kirche, Honecker aufzunehmen.Foto: Erich Honecker zwischen Anwalt Wolfgang Vogel (l.) und Pfarrer Holmer