Vor 20 Jahren zeigte MTV das erste Musikvideo im deutschen Fernsehen: Bilder wie Messerstiche

Mittags um Zwölf erschien Elton John auf dem Bildschirm und sprach ein launiges Grußwort, das von 1,6 Millionen Haushalten empfangen werden konnte. Dann geschah etwas, an dem sich Medientheoretiker die kommenden Jahrzehnte abarbeiten sollten: Der Clip zu "Money for Nothing" von den Dire Straits ging über den Sender. In dem viereinhalbminütigen Stück gab es eine Wohnzimmersituation als Zeichentrick zu sehen, in der sich Mensch und Hund vor dem Fernseher versammelt hatten. In der mit kantigem Strich dargestellten Glotze lief, nach Einspielung des bis heute nur farblich variierten Senderlogos, ein Auftritt der Dire Straits - als Realfilm. Die Realität, so die Botschaft, sollte nie mehr dieselbe sein: Mark Knopflers Stratocaster-Gitarre erschien in unnatürlich fluoreszierenden Farben, sein Stirnband und das Mikrofon in mintgrünen Fehlfarben. Die Fernsehwelt begann, sich mit der wirklichen Welt zu durchmischen.Gewalt und GoldkettchenAls nach heftigen Konflikten mit der Deutschen Post und anderen Netzaufsichtsbehörden MTV Europe am 1. August 1987 von London aus den Sendebetrieb aufnahm, sahen manche den Untergang des Abendlandes gekommen. Die Diskussion orientierte sich an dem, was die amerikanische Kulturkritik nach dem Start des US-Vorbilds argumentativ bereits durchexerziert hatte: Peter Kaplan verlieh im Magazin "Esquire" seiner Befürchtung Ausdruck, es komme durch die rasche Abfolge von Bildschnitten, die "wie Messerstiche auf den Betrachter losgehen", zu einer umfassenden "menschlichen Desensibilisierung". Statistiken machten die Runde, nach denen Gewaltdarstellungen in den Musikvideos signifikant häufiger seien als im ohnehin schon verrohten US-Abendprogramm.In der Tat führte das Musikfernsehen zum Durchbruch eines Musikstils, der wenig andere Themen als Sex und Gewalt kennt: Rap fand durch Kurzfilme, in denen leichtbekleidete Tänzerinnen, Waffen und Goldkettchenschmuck die Hauptrollen spielten, seinen Weg aus den Ghettos in die Stuben der gutsituierten Mittelschicht, die fortan zur Hauptkäuferschaft der Platten von Run DMC, den Beastie Boys oder Eminem zählen sollte.Nicht wenige Erfolge sind an MTV gekoppelt: Michael Jackson verdankt den Erfolg seiner Solokarriere vor allem dem Video zu "Thriller", einem 14-minütigen Horrorfilm, mit dem der Regisseur John Landis einen künstlerischen Meilenstein setzte und das Rekordbudget von 800 000 US-Dollar verballerte. Es ist kein Zufall, dass Jacksons Stern - ähnlich dem von Madonna und Billy Idol - mit dem Bedeutungsverlust des Musikfernsehens zu sinken begann.Musik ist NebensacheDer Mythos bekam erste Kratzer, als MTV sich Mitte der Neunziger kurzzeitig ins Bezahlfernsehen verabschiedete und der neuen Konkurrenz von Viva das Feld überließ. Mit einer auf Regionalisierung ausgerichteten Strategie tauchte der Sender 1997 wieder auf - und strahlte erstmals Formate auf Deutsch aus. Gegen das Internet als neues Musikmedium half das aber nicht.Inzwischen befinden sich Viva und MTV im Besitz des Medienkonzerns Viacom, Musik ist hier wie da nur noch eine Programmfarbe: Die Sendergruppe MTV Networks strahlt in der Hauptsache nunmehr Soaps, Reality-Formate und Dauerwerbesendungen für Jugendliche aus - und freut sich über wachsende Marktanteile.------------------------------Als MTV Europe am 1. August 1987 den Sendebetrieb aufnahm, sahen manche den Untergang des Abendlandes gekommen.------------------------------Foto: (2) "Money for Nothing" von den Dire Straits (l.) war der erste Videoclip auf MTV Europe am 1. August 1987. Heute zählt der Sänger Justin Timberlake zu den Stars auf MTV.------------------------------Foto: Aufsehen erregten Madonna und Britney Spears 2003, als sie sich bei der Verleihung der MTV-Awards küssten.------------------------------Foto: Die Fantastischen Vier (im Bild v. l. Smudo, Thomas D. und Michi Beck) spielten für MTV "un-plugged". Das war im Jahr 2003.------------------------------Foto: Kulturaustausch: MTV-Regenschirm und DDR-Grenzer auf der Berliner Mauer 1989.