An der Wende zum 19. Jahrhundert, zur Zeit der Frühromantik, war Jena die Hauptstadt deutschen Geistes und deutscher Wissenschaft. In dem kleinen Landstädtchen an der Saale mit seinen 4 500 Einwohnern und 800 Studenten lebten viele berühmte Dichter und Denker. Dazu gehörte auch der junge Physiker Johann Wilhelm Ritter, dessen Kenntnisse, Kombinationsgabe und experimentelle Meisterschaft alle bewunderten."Ritter ist Ritter", sagte der Dichter Novalis, "und wir sind nur Knappen". Clemens Brentano nannte ihn "den einfachsten, genialischsten Menschen seiner Zeit". Ritter schlage "wie Moses mit seinem Stab an den harten Fels der Wissenschaft, aus dem die reine kristallhelle Quelle der Weisheit hervorsprudelt". Wer es wage, seinen Becher daran zu füllen, der wird von der Größe dieses unsterblichen Menschen durchdrungen. Sogar für Goethe war Ritter "eine Erscheinung zum Erstaunen, ein wahrer Wissenshimmel auf Erden". Angetan war der Geheime Rat und Minister vor allem von der Entdeckung des ultravioletten Lichtes, die dem gerade 24 Jahre alt gewordenen Physiker im Februar 1801 geglückt war. Ritters Hauptinteresse galt der Elektrochemie, der Zerlegung von Salzen, Säuren und Laugen durch den elektrischen Strom. Damals sprach man vom "Galvanismus", weil der italienische Arzt Luigi Galvani das neue Gebiet erschlossen hatte. Die wichtigste Erfindung war anno 1800 die "Batterie" als Stromquelle durch Alessandro Volta. Anfang Dezember 1802 war Ritter einer neuen Entdeckung auf der Spur: In eine beidseitig mit Korken verschlossenen Glasröhre füllte er eine Kochsalzlösung. Durch die beiden Korken führten Golddrähte. Als Ritter einen Strom durch die Röhre schickte, sah er an den beiden Enden der Drähte Gasblasen aufsteigen, Sauerstoff auf der einen, Wasserstoff auf der anderen Seite. Als er den Stromkreis wieder unterbrach, erlebte er eine Überraschung: Es brodelte weiterhin, wenn auch schwächer. Die chemische Reaktion dauerte an, lief aber nun in entgegengesetzter Richtung. Wo sich am Ende des einen Golddrahtes zuvor Sauerstoff gebildet hatte, entstand nun Wasserstoff und umgekehrt.Um die Wirkung zu verstärken, ersetzte Ritter die Golddrähte durch Kupferplatten und statt des Salzwassers verwendete er mit Salzlösung getränkte Pappen. Er schichtete 51 Kupferplatten und 50 Pappen zu einem Sandwich und ließ einen Gleichstrom etwa drei bis fünf Minuten durch die Anordnung fließen. Die Säule war daraufhin so stark geladen, dass man aus ihr zum Beispiel elektrische Funken ziehen oder Wasser chemisch zerlegen konnte. Das war die Erfindung der von Ritter so genannten Ladungssäule.Napoleon hatte für Entdeckungen auf dem neuen Gebiet der Elektrochemie eine Goldmedaille im Wert von 3 000 Franken gestiftet, die jährlich verliehen werden sollte. Die französischen Kollegen forderten Ritter auf, sich zu bewerben; er könne den Preis kaum verfehlen. Ritter bewarb sich, wurde aber nicht ausgewählt. Dafür berief ihn die Bayerische Akademie der Wissenschaften im Herbst 1804 zum ordentlichen Mitglied nach München.Schon fünf Jahre später starb er dort im Alter von 33 Jahren. Zuletzt hatte Ritter noch wie viele Romantiker "Fragmente" aus seinen Schriften exzerpiert und herausgegeben. Seine Sammlung beschloss er mit den Worten: "Unsre irdische Hülle ist nur eine Anmerkung, die der Schöpfer zum geistigen Text gemacht hat." Als hätte er es geahnt: Wir besitzen heute kein authentisches Bild Ritters und damit keine Vorstellung von der "irdischen Hülle" dieses großen Physikers. Ob der abgebildete Kupferstich wirklich Johann Wilhelm Ritter zeigt, ist bis heute umstritten. Aus Verzeichnissen der Bayerischen Akademie kann man noch heute ersehen, dass er sich viele wertvolle Apparate und Zubehör für seine Forschung ausgeliehen hat. Schon in Jena war er immer wieder in Geldschwierigkeiten. In München musste er zuletzt für vier minderjährige Kinder sorgen. Schließlich wusste sich Ritter nicht anders zu helfen, als die Platin- und Goldtiegel unter der Hand zu verkaufen oder zum Pfandleiher zu tragen. In den Bestandsbüchern der Akademie findet man mehrfach den Eintrag: "An Ritter ausgeliehen. Nach seinem Tode nicht wieder aufgefunden." Seit 1860, also zwei Generationen später, entwickelte der Physiker Gaston Planté in Paris den Blei-Akkumulator und machte Ritters Ladungssäule damit zu einer brauchbaren Stromquelle. Als abermals eine Generation später (und ein Jahrhundert nach Ritter) das Zeitalter des Automobils begann, benötigte man immer mehr Blei-Akkus zum Anlassen der Motoren und zur Beleuchtung.Das Automobil mit abgasfreien Elektromotoren statt mit Verbrennungskraftmaschinen anzutreiben blieb indessen ein Traum. Das größte Manko des Akkumulators ist nach wie vor seine begrenzte Speicherfähigkeit. Das weiß jeder, der ein Handy besitzt.Grafik: DEUTSCHES MUSEUM MÜNCHEN Johann Wilhelm Ritter war selbst für Goethe ein "wahrer Wissenshimmel auf Erden". Unklar ist, ob dieser Holzstich - das einzige überlieferte Bild von Ritter - authentisch ist.