Das 18. Jahrhundert ist im Sturm geschieden. Für das neue erwartete Friedrich Schiller nur Krieg, Unordnung und den Einsturz der vertrauten, alten Formen. Mitten im Zusammenbruch des alten Europa - 1803 - beschwor er "zu Aachen in seiner Kaiserpracht" Rudolf von Habsburgs heilige Macht. "Denn geendigt nach langem verderblichen Streit / war die kaiserlose, die schreckliche Zeit,/ und ein Richter war wieder auf Erden./ Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,/ Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr / Des Mächtigen Beute zu werden." Drei Jahre später, am 6. August 1806, wich Franz II., der 22. Kaiser aus dem Hause Österreich, vor dem eisernen Speer zurück, vor Napoleon, der die meisten deutschen Fürsten im Rheinbund um sich scharte, und legte die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder. Da es ihm unmöglich gemacht worden sei, den Pflichten des kaiserlichen Amtes länger zu genügen, erklärte er das Band für gelöst, das ihn bisher an den Staatskörper des Reiches gebunden und erklärte die kaiserliche Würde für erloschen.In Wien, in der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt, stand das Volk wie vor etwas Unbegreifbarem, und Schrecken ergriff die Wiener, wie sich später Franz von Schönholz erinnerte. Denn so baufällig das alte Haus da draußen war - der Einsturz musste doch unvermeidlich auch die inneren Staats- und Gesellschaftsverhältnisse in Österreich verändern. Außerdem fürchteten sie, festliches Gepränge, das ihnen lieb geworden, von nun an entbehren zu müssen. In Prag stieß das Erlöschen des Reiches und damit der böhmischen Kurwürde auf Gleichgültigkeit, und auch in Berlin gab es keinerlei seelische Erschütterung.Aus dem ehrwürdigen Frankfurt, der Freien Reichsstadt, wo die deutschen Könige seit 1562 gewählt und zu Kaisern gesalbt und gekrönt wurden, schrieb allerdings die Frau Rat Goethe ihrem lieben Sohn: "Mir ist übrigens zu mute als wenn ein alter Freund sehr krank ist, die Ärzte geben ihn auf, man ist versichert, daß er sterben wird und mit aller Gewissheit wird man doch erschüttert, wenn die Post kommt, er ist tot. So geht's mir und der ganzen Stadt. Gestern wurde zum ersten Mal Kaiser und Reich aus dem Kirchengebet weggelassen ... So sehen unsere Freuden aus! Um mich lieber Sohn habe keine Besorgnis, ich komme durch." Den versetzte freilich ein Streit seines Dieners mit einem Kutscher mehr in Leidenschaft als die Nachricht, das deutsche Reich sei aufgelöst.Der Knabe Johann Wolfgang, der gerne erste Sätze auswendig lernte, hatte sich auch die Einleitung zur Goldenen Bulle, dem Reichsgrundgesetz, für dauernd gemerkt, wie er in Dichtung und Wahrheit erzählt. Omne regnum in se divisum desolabitur etc. "Ein jeglich Reich, so mit sich selbst uneins ist, das wird wüste, denn seine Fürsten sind Diebsgesellen geworden." Dergleichen Worte konnten Kaiser schon längst nicht mehr der großen Reichsversammlung ins Gesicht publizieren. Goethe schildert bald nach diesen Bemerkungen die Krönung Josephs II. 1764. Das Bild von den Festlichkeiten, das er entwirft, entbehrt jeder Gemütlichkeit. Er veranschaulicht ein in sich uneiniges Reich am Ende mählichen Verfalls.Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewändern aus der Zeit der Staufer, die in jeder Beziehung für ihn zu groß waren, wie in einer Verkleidung vom Dom zum Römer. Die Krone stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopfe ab. Szepter und Reichsapfel setzten in Verwunderung. Joseph konnte sich als aufgeklärter Zeitgeist des Lachens während dieser Nachahmung des Altertums nicht enthalten. Ältere wussten, dass dessen Vater, der regierende Kaiser Franz, 1746 die Krönung wie eine Wiener Maskerade auffasste, in der er als Gespenst Karls des Großen auftrat. Seine Pantomimen mit Reichsapfel und Szepter brachten Maria Theresia und das Volk vor dem Rathaus zu unendlichem Lachen. Auch Joseph II unterließ keine Gelegenheit, in diesem Sinne dem Genius des Pöbels zu opfern.Im pathetisch ausgeschmückten Saal des Rathauses saß allerdings der "Herrscher der Welt" nahezu allein. Nur die drei Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier leisteten ihm Gesellschaft. Die Gesandten der Weltlichen zogen es vor, in Nebenräumen behaglich zu schmausen, unbelästigt von antiquarischem Mummenschanz. Der nahezu leere Festsaal bekam dadurch ein gespensterhaftes Aussehen, wie sich Goethe erinnert. Gespenstisch und unheimlich wie diese Groteske um Kaiser und Reich wirkte auf den jungen Goethe längst die Reichsstadt.Er war vertraut mit den Irrgängen unterhalb der Fundamente bürgerlicher Wohlanständigkeit. Die Fassaden wurden geputzt und in Ordnung gehalten, "aber im Inneren sieht es öfters um desto wüster aus, und ein glattes Äußere übertüncht, als ein schwacher Bewurf, manches morsche Gemäuer, das über Nacht zusammenstürzt". Dem immer Lebendigen und dem Leben Zugewandten belästigten die mumifizierten Vergangenheiten in der Gegenwart. Goethe, der Reichsdeutsche, mitten im Paradies der Reichsherrlichkeiten und Absonderlichkeiten aufgewachsen, das von Franken über die "Paffengasse" von Speyer über Trier und Mainz nach Bonn reichte, war deshalb "fritzisch" in seiner Jugend gesonnen. Er dankte wie seine Zecher in Auerbachs Keller Gott jeden Morgen, dass er nicht brauchte fürs Röm'sche Reich zu sorgen. "Wie hälts nur noch zusammen?"Das wusste keiner. Schließlich galt das Reich schon vor dem Westfälischen Frieden von 1648 als eine Monstrosität, als ein Skelett, dessen Teile nicht durch Nerven, sondern durch Messingdrähte miteinander verbunden waren und keine natürliche Bewegung hatten. Kaiser und Reich waren in Zeiten, die noch nicht den Dialog und die Diskussion für das innerste Geheimnis der Politik hielten, ein stets willkommenes Beispiel dafür, wie man sich bei Gesprächen verplaudern kann und unfähig zur Politik wird. Der junge Georg Wilhelm Friedrich Hegel zog daraus 1802 den naheliegenden Schluss: Deutschland ist kein Staat mehr. "Es ist kein Streit mehr darüber, unter welchen Begriff die deutsche Verfassung falle. Was nicht mehr begriffen werden kann, ist nicht mehr."Das Deutsche Reich kam ihm wie die Natur vor, unergründlich im Großen und unerschöpflich im Kleinen als System der durchgeführtesten Gerechtigkeit. Denn Deutsche beherrschen eine Kunst, nämlich alles zu verrechtlichen, so dass selbst die gröbsten Ungerechtigkeiten unter den Schutz des Rechtes stehen. Das Recht ist ihnen heilig und entrückt sie der Wirklichkeit, da von Deutschen zuletzt Fiktionen und Chimären, die aller Realität entbehren, für wichtiger gehalten würden als wirklicher Besitz. Deshalb vermag keiner die Grenzen des Reiches zu bestimmen, da Rechtstitel in ihrer wunderbaren Zeitlosigkeit fort und fort leben, wenn es nur gelang, den Schein ihrer Unverletzlichkeit deutend gewahrt zu haben.Auf diese Art war Deutschland ein Staat in Gedanken geworden und kein Staat in der Wirklichkeit. Formalität und Realität hatten sich vollständig getrennt, wobei die leere Formalität dem Staat, die Realität aber dem Nichtsein des Staates zugehört. Unter solchen Voraussetzungen, so schließt Hegel, kann in einer Welt von Staaten das Reich als Nicht-Staat verständlicherweise nicht überleben. Der Philosoph, der Deutschland nicht aufgeben mochte, hoffte auf einen Theseus, auf einen Eroberer, der das ewige Gespräch der Deutschen mit Gewalt unterbricht, sie zu einer Masse versammelt, die er zwingt, sich nicht mehr als ein Besonderes zu fühlen, sondern als zu Deutschland gehörig. Nicht durch Einsicht kämen die Deutschen zu einem Begriff des Wirklichen und des Staates, sondern durch die Gewalt, die Begriffe mit dem Leben verbindet und rechtfertigt; dann unterwirft sich ihnen der Mensch.Dieser Theseus musste keineswegs das revolutionäre Frankreich mit dem "Zorn der Freiheit" sein, herausgefordert seit 1792 von den Monarchen oder anschließend Napoleon. Beide wirkten nacheinander als Beschleuniger von Kräften, die sich längst im Reich regten. Das Reich war ohnmächtig, nicht aber Österreich und Preußen. Die zwei deutschen Großmächte fühlten sich zunehmend eingeengt in ihrem Bewegungsdrang durch das altertümliche Verfassungsleben. Sie wollten zu ihrem jeweiligen Vorteil im Reich aufräumen, um es unter sich aufzuteilen, was hieß, ins Reich hineinzuwachsen durch Enteignung anderer Fürsten. Friedrich der Große hatte sich Schlesien erobert, ohne Rechte darauf zu besitzen. Er brauchte es, um Preußen zu einem überlebensfähigen Königreich zu machen im ständig neu zu balancierenden Gleichgewicht der europäischen Staaten.Dieses ungemein vernünftige System im Jahrhundert der Vernunft konnte sich nur als wohltätig erweisen, wenn es möglichst wenig Rücksicht nahm auf historische, also irrationale Erbmassen. Aus der Geschichte kam die Unvernunft der dunklen Jahrhunderte, die schließlich vom Licht der reinen Vernunft erhellt, aufgeklärt und unschädlich gemacht werden sollte. Geschichte wurde unter solchen Bedingungen zu Geografie in Bewegung, in Italien, Deutschland und Polen. Die Grenzen waren elastisch, Provinzen mit ihrer darin befindlichen Biomasse wurden hin und her geschoben, wie es dem Nutzen Europas bekömmlich sein konnte und damit dem Ehrgeiz der fünf Großmächte. Den Verlust Schlesiens hoffte Österreich durch den Gewinn Bayerns zu kompensieren, nachdem es Maria Theresia nicht gelungen war, Preußen im Siebenjährigen Krieg zu besiegen und durch Aufteilung auf ein für sie ersprießliches Mittelmaß zurückzubilden.Österreich hoffte, sich den Süden Deutschlands bis zum Main anzueignen, Preußen den Norden bis hinab zu dieser von der Natur und ihrer Vernunft angebotenen Trennungslinie verschiedener Interessensphären. Die Säkularisierung der Bistümer und Abteien, die Aufhebung der reichsritterlichen Unabhängigkeit und gräflicher oder fürstlicher Landeshoheiten, die Beseitigung der freien Städte war zumindest als Gedanke vorhanden, der nur darauf wartete, unter günstigen Umständen in die Wirklichkeit rationalisierend einzubrechen. Das zwischen Preußen und Österreich gelagerte Deutschland, umgangssprachlich das Reich genannt, lebte während des 18. Jahrhunderts durchaus mit banger Erwartung, lauter letzte Tage gefährdeter Freiheit zu genießen. Das gab den gebildeten "Reichsdeutschen" einen leicht verstaubten, altklugen Charme, weil frühgereift und zart und traurig.Was ihnen allen drohte, veranschaulichten die Teilungen Polens. Ein unvernünftiger Staat, ein gotisches Überbleibsel störte Russland, Preußen und Österreich. Da keiner es dem überwiegenden Einfluss des Anderen gönnen mochte, blieb vernünftigerweise kein anderer Ausweg, als einen Staat am Rande Europas, der nicht zu den großen Mächten gehörte, 1795 seiner Existenz zu berauben. Gewissenhafte Deutsche fanden das ziemlich empörend. Aber da begannen die Deutschen, angeleitet von Preußen und Österreich, das Reich zu plündern. Die deutschen Fürsten waren zu Diebesgesellen geworden, wie es in der Einleitung zur Goldenen Bulle hieß. Eine gekrönte Räuberbande, noch nicht einmal bereit, sich wenigstens untereinander an die Ganovenehre zu halten, überfiel die Schwächeren und brachte sie um ihr Erbe und ihr Recht.Das alles - wie üblich im Land des rechtlichen Aberglaubens - unter Berufung auf Rechtstitel, sich für verlorenen Besitz auf dem linken Rheinufer, das Preußen 1795 den Franzosen überlassen hatte, sich Wiedergutmachung im übrigen Deutschland zu verschaffen. Der Kaiser als Hüter des Rechtes und der Verfassung wurde zum Räuberhauptmann. Schiller, der politische Kopf, schrieb nie die Satire auf das Römische Reich, die das schändliche Treiben der Rechtswahrer nahe legte. Als Kaiser Franz II. 1804 gegen sich selbst putschte und Österreich zum Kaisertum erhob - ohne sich um das Reichsrecht und das ungarische Recht zu sorgen - war Schiller aber ganz zeitgemäß mit dem falschen Demetrius beschäftigt, mit Betrug und Illegitimität in der Geschichte, während der kaiserliche Rechtsbrecher alsbald die monarchische Legitimität zur Grundlage allen sicheren Rechtes machen sollte.Demetrius konnte nur Erfolg haben, weil die legitimen Mächte sich seiner bedienten, ihn betrogen und damit selber zu Betrügern wurden. Schillers Fragment behandelt die seitdem umstrittene Frage, wie aus Gewalt Macht und aus Unordnung wieder Ordnung werden könne. Illusionslos sah er am Ende aller Sicherheit nur noch Lüge, Wortspiel, Gedanken, einen ideologischen Apparat, der den wirklichen Staat der nackten Gewalt in ein historisches Kostüm kleidete und ihn damit verkleidete. Der Staat wird endgültig zum Maskenspiel, hinter dessen Kulissenzauber sich die Wirklichkeit verbirgt.Eben deshalb fiel es ihm schwer, Napoleon überhaupt interessant zu finden und ihn für einen wichtigen Protagonisten in dem Schurkenstück zu halten, das Deutsche mit ihm zusammen aufführte. Widerwärtiger als der kaiserliche Usurpator waren dessen unaufrichtige Kollaborateure. Auch im Rheinbund, den Schiller nicht mehr erlebte, dachten sie wie im alten Reich nur an sich selbst, an ihr Eigenleben und sahen zu, sich möglichst vor französischer Einmischung in innere Angelegenheiten zu schützen. Napoleon benötigte Soldaten, die gewährte man ihm gerne und kaufte sich, indem man Landeskinder "verkaufte", frei von weitergehenden Verpflichtungen. Ansonsten versuchte jeder deutscher Staat, ob Bayern, Preußen, Württemberg oder Österreich, Anschluss an die allerneueste Neuzeit zu finden, übrigens überall im Bewusstsein den Franzosen überlegen zu sein.In Frankreich hatte der wirre, von Leidenschaften getriebene Pöbel die Revolution gemacht, in deutschen Landen macht sie sorgfältig und akkurat der Beamte auf dem Verwaltungsweg. Und Beamte hatten schon vor der Revolution über Reform und Rationalisierung nachgedacht. Goethe, leitender Beamter in einem kleinen Reformstaat, befand sich mit allen Beamten in deutschen Staaten in Übereinstimmung, Reformen ohne Tumulte oder populäre Aufwallungen einzuleiten. Er und die meisten Beamten unterschätzten den die deutschen Staaten übergreifenden und sie gefährdenden Nationalismus. Zu seinem und aller Bürokraten Ärger sehnten sich auf einmal Deutsche nach einem Reich zurück, um das sie sich unlängst kaum gekümmert hatten und deshalb eigentlich gar nicht entbehren konnten. Goethe war darüber sehr ungehalten.Vor allem aus Berlin kam die Aufforderung an alle Deutsche, das Reich, das zertrümmert ward, wiederherzustellen. Heinrich von Kleist feierte den letzte Kaiser, Franz II., schon als neuen Kaiser, der Welt Retter, der dem Mordgeist in die Bahn tritt, dem Tyrannen Napoleon, "den .anzuklagen die Sprache der Menschen nicht hinreicht und den Engeln einst, am jüngsten Tage, der Odem vergehen wird". Er gab den Deutschen, die Deutsche werden wollten, die Parole: "Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst." Der herkömmliche Kulturpatriotismus wurde von Berlin aus um politische Inhalte erweitert. Goethe und Schiller hatten den Deutschen davon abgeraten, sich zur Nation zu bilden."Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." Deutsche Größe feierte Schiller in der Bemühung, männlich mit dem Wahn zu kriegen, in das Geisterreich zu dringen und alles Schätzbare bei anderen Völkern und Zeiten zu sammeln und zu bewahren und damit die Menschheit, die allgemeine, in sich zu vollenden. Der Tag der Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit. Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten, denn sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation. Diese Vorstellung hat sich nicht so rasch verloren. Wagners Hans Sachs verkündet mit ähnlichen Wendungen seinen Nürnbergern: "Zerging in Dunst / das heil'ge röm'sche Reich, / uns bliebe gleich / die heil'ge deutsche Kunst!"Aber die Freiheit, das hatte man während der Besatzungszeit gelernt, ließ sich doch nur behaupten und vollständig erringen, wenn Deutschland dauernd davor geschützt wäre, weiter der Spielplatz für Akrobatenkunststücke raumfremder Mächte, also vor allem der Franzosen, zu bleiben, wie Clemens Metternich, der österreichische Staatskanzler, sein politisches Ziel umschrieb. Dieser große Realist, die menschgewordene Prosa, verwarf die Erneuerung des Reiches als phantastisch. Ein lockerer Bund der deutschen Staaten genüge vollauf, sofern Preußen und Österreich, immer einig, mit ihrer drückenden Masse die übrigen deutschen Staaten vor Unberechenbarkeiten und Eigensinn bewahrten. Preußen und Österreich könnten zusammen mit dem 1815 gegründeten Deutschen Bund zum Schiedsrichter in allen europäischen Angelegenheiten werden, sicher davor, nicht als Avantgarde des Westens gegen den Osten oder des Ostens gegen den Westen missbraucht zu werden. Auf diese Art, im Bündnis mit Russland und durch die italienische Stellung Österreichs weiter verstärkt, würden Deutsche für Ruhe und Ordnung in Europa sorgen.Ein deutscher Nationalstaat, darüber war sich Metternich mit preußischen Konservativen einig, würde Europa vollends aus dem Gleichgewicht bringen und ins Chaos stürzen. Friedrich von Gentz fürchtete um jede vernünftige Ordnung, sobald Herkunft, Sprache oder Religion ein Recht verliehen, "ein und dasselbe politische Ganze zu bilden". Dem Berliner Staatsrechtler Friedrich Julius Stahl galt die Nation als bloßes Naturtum, nebelhaft verschwimmend, und der Historiker Heinrich Leo in Halle erklärte allen, "die vom nationalen Hund gebissen", dass nicht Sprache und Blut ein Volk bilden, sondern der Staat, der sich sein Staatsvolk als Vereinigung von Staatsbürgern erzieht. Deutscher konnte jeder auch ohne deutschen Staat sein.Im Gegensatz zu den Liberalen, die in der Nation die Voraussetzung der Freiheit vermuteten, fürchteten, und wie sich bald herausstellte zu Recht, die Konservativen, dass der nationale Gedanke, zum befreienden Prinzip erhoben, gerade die Freiheit vernichten würde. Zur Freiheit gehörte es bislang, dass es im Römischen Reich, in deutschen Staaten und dann im Deutschen Bund keine Staatssprache und "Leitkultur" gab. Außerdem lebten viele Deutsche als Minderheit unter anderen Völkern. Die Nationen ließen sich nicht säuberlich voneinander scheiden. Es gab keine natürliche Grenzen, und noch war man nicht so barbarisiert, um ethnische Säuberungen, wie sie erstmals William Gladstone 1862 für den Balkan vorschlug, für eine hilfreiche Lösung bei den plötzlichen Schwierigkeiten des Zusammenlebens zu halten. Der nationale Gedanke hat nicht nur Deutschland, er hat Europa in Unordnung gebracht.Bismarck, der beste Schüler Metternichs, hatte gehofft, mit seinem Reich, das kein Nationalstaat war, sondern ein Bund deutscher Staaten im innigsten Einverständnis mit Österreich-Ungarn, deutsche Nationalisten zu beruhigen. Aber mittlerweile waren alle in Europa national aufgeregt, jeder fühlte sich benachteiligt, betrogen, misshandelt und nahm das zum Anlass, andere zu betrügen, zu misshandeln, zu ermorden oder zu vertreiben. Das Zwanzigste Jahrhundert umgab sich mit einem Horizont von Gräbern. Von der Humanität kam man über die Nationalität konsequent zur Bestialität, wie der traurige Freund der Freiheit, Franz Grillparzer, 1848 prognostizierte.Die Nation als Idee hat Europa ruiniert. Das alte Reich, in dem Flamen und Wallonen, Italiener, Franzosen, Slowenen, Tschechen, Polen und Dänen zusammenlebten, wirkt auf manche zuweilen wie ein verlorenes Paradies. Doch vor solchen Gemütsergötzlichkeiten muss man sich hüten. Denn die Europäische Union, ein in sich versponnener Nachbar der Welt, ist als Gedankenstaat das wiedergeborene Reich, eine verplauderte Wertegemeinschaft, die auf dem besten Wege ist, eine aller Vernunft spottende Monstrosität zu werden. Da liegt es näher, sich in die Heimaten zurückzuziehen und sich an Schiller zu halten: "Was unsterblich im Gesang soll leben, / Muß im Leben untergehn."------------------------------Foto (2): Die Kaiserkrönung Franz I. im Frankfurter Dom 1745. Nach Wolfgang Christoph Mayr.Wer sich hier auf dem Thron fläzt, ist Kaiser Franz. 1792 war er zum römisch-deutschen Kaiser Franz II. gekrönt worden, hatte aber 1806 diese Kaiserkrone niedergelegt und damit das Ende des Heiligen Römischen Reiches herbeigeführt. Allerdings hatte er sich 1804 auch zum österreichischen Kaiser ernannt. Als solcher, nunmehr Franz I., ließ er sich unter der habsburgischen Hauskrone 1832 von Friedrich von Amerling malen.Wien, Weltliche Schatzkammer in der Hofburg, Leihgabe des Kunsthistorischen Museums.------------------------------(KORREKTUR - Im Beitrag "Zuletzt ein Skelett, mit Messingdrähten zusammengehalten" über das Ende des Heiligen Römischen Reiches im Magazin vom Wochenende sind bedauerlicherweise einige Absätze vertauscht worden. Wir bitten um Entschuldigung. - 07.08.2006)