Nach dem Sturz in die Donau war von einer "Luftnummer" die Rede. In dem Wort schwang vielerlei mit, betrogene Schaulust, Schadenfreude, das ganze Hämerepertoire, dazu der Vorwurf des Unseriösen. Auf den Gassen wiesen Kinder mit Fingern auf ihn, Spitzbuben pfiffen hinter ihm her, und weil Hohn und Spott sich immer schon mit Vergnügen verselbstständigt haben, wurde er gar zum Betrüger gestempelt. Dokumente erzählen davon, dass der von seinen Mitbürgern Verfolgte für Jahre untertauchte. Blamage eines Bahnbrechers, Ruin der bürgerlichen Existenz des Schneiders Albrecht Ludwig Berblinger.Die Geschichte des Schneiders von Ulm, der am 31. Mai 1811 mit seinem Flugapparat so bös scheiterte, ist häufig von ihrem Ende her erzählt worden. Denn das Scheitern, so sagten die Geschichten, musste ja so kommen. Um den Absturz unter den Augen des zum Demonstrationsflug angereisten Königs von Württemberg zu erklären, übernahm vor allem das gemeine Volk die Deutungshoheit. Dass der Mensch zum Fliegen einfach nicht geschaffen sei, dass er die Gesetze der Natur verhöhne, dass er Gott lästere. Dass ein Schneiderlein sich übernommen habe an einem fatalen Pakt, wurde zum Gassenhauer: "Der Schneider von Ulm hat's Fliegen probiert / Da hat ihn der Teufel in die Donau neig'führt."Nun waren die Träume, die die Menschheit seit ihren Kindertagen auffliegen lässt, immer schon tollkühn, Dädalus und Ikarus wurden zum Mythos, den auch Johannes Schweikle in seinem soeben erschienenen Roman "Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger" aufgreift. Im Mythos nahm "die Begierde nach dem Himmel" ihren Anfang, es folgten zahllose Versuche, die den Gesetzen der Natur ebenso trotzten wie dem Geist der Kirche, todesmutig.Vogelmaschinen kreisten dem Menschen seit dem Mittelalter durch den Kopf, und wer die Absicht hat, eine Geschichte der Flugpioniere zu schreiben, kommt zweifellos nicht umhin, sich mit Leonardo da Vinci zu beschäftigen, mit seinen sagenhaften Flugobjekten, darunter ein Apparat, den das 20.Jahrhundert dann als Hubschrauber aufsteigen sah.Rund 250 Jahre später, noch 30 Jahre vor Berblingers Großtat war sich die Wissenschaft nicht einmal sicher gewesen, was den fliegenden Menschen in den Lüften erwarte. Eine lebensfeindliche Umwelt? Tiere ließ man im Heißluftballon der Gebrüder Montgolfier als Versuchskaninchen aufsteigen, erst nachdem sie unversehrt zur Erde hinabgeglitten waren, erlaubte Ludwig XVI. eine erste Menschenexpedition dem Himmel entgegen.Was für eine Leistung das war, die schließlich der tollkühne Schneider aus Ulm mit seinem historischen Versuch unternahm, kann man daran ermessen, dass die Drachen-fliegerei, heute aus keinem Freizeithimmel mehr wegzudenken, eine Erfindung des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts ist. Berblinger war mit seinem Flugobjekt, einem steuerbaren Gleitflieger, der ihn die Hänge der Schwäbischen Alb mehrfach hatte hinabsegeln lassen, seiner Zeit um 150Jahre voraus. Was Berblinger als Gleitfluggerät austüftelte und 1811 als Apparat schulterte, war auch in den 1960er-Jahren eine Mutprobe, ja lebensgefährlich - ob von der Zugspitze hinab oder im Autoschlepp.Doch dass es mit einer Konstruktionsgeschichte wahrlich nicht getan ist, zeigt eine Kulturgeschichte, die mit Berblinger einen Ingenieur in seiner Zeit sieht, um die Tragik des Gedankenflugs in einer Ära der Restauration zu rekonstruieren. Zweifellos übel sah es aus in Ulm, die Stadt wurde vom Krieg heimgesucht, von einem prassenden Potentaten wie dem König von Württemberg gebeutelt; auch Ulm wurde zum Resonanzraum der Revolution. So, mit der Zuversicht eines Heimatfilms, zeigte bereits 1978 Edgar Reitz die Stadt eines auch sozial tapferen Schneiderleins. Johannes Schweikles zum Jubiläum erschienene Geschichte "Fallwind", mehr fabelnde Rekonstruktion als Roman, bettet die hochfliegenden Pläne Berblingers ins Milieu betulicher Selbstgenügsamkeit.Auch der deutsche Romanautor Max Eyth (1836 - 1906), Erfinder und Protagonist der Beschleunigung aller Produktionsverhältnisse, ein einst berühmter Chronist deutscher Ingenieursgeschichte, hatte in seinem 1906 erschienenen Roman den Augenblick des Absturzes fixiert. Mit Blick auf die Sekunden des Scheiterns konfrontierte er den Trivialromanleser mit einer der großen Herausforderungen an die Romankunst, der Stillstellung von Zeit durch Zeitdehnung oder Zeitraffung. Vielleicht war es der Technikfreak und Beschleunigungsspezialist, der den Trivialautor jäh innehalten ließ: "Was in den nächsten fünf Sekunden geschah, lässt sich schwer in Minuten erzählen."An der Deutung dieser fünf Sekunden haben sich immer wieder Spezialisten versucht. Es wurde errechnet, dass die "Anlaufgeschwindigkeit" zu niedrig, die Rampe der Adlerbastei zudem zu kurz, der notwendige Rückenwind nicht aufgekommen sei - aber wie denn auch, das war wegen der Wasseroberfläche der Donau sowieso unmöglich, sodass Berblinger, weil er nichts von Turbulenz, Auftrieb, Widerstand, nichts von aerodynamischen Beiwerten wusste, von Horizontalgeschwindigkeiten und Sinkgeschwindigkeiten, ins Leere fiel. Die Menge schrie auf. Zur Einsicht in die Ursachen des Unglücks natürlich nicht minder unfähig, aber, in ihrer Schaulust soeben gefoppt, extrem nachtragend.Aus verschiedenen Quellen lässt sich die Geschichte des Erfinders rekonstruieren. Allein der Film von Edgar Reitz und die Romane von Schweikle und Eyth zeigen, wie sehr alle Geschichtsschreibung, auch die kritische, wahrhaftig eine Konstruktion ist. Sie erzählen uns von der Euphorie des Dilettanten und dem Heldenmut des Laien. Auch kam es zu dem Moment, dem jeder Ingenieur erliegt wie unter Zwang - seiner Vermählung mit der Maschine, wenn sich Berblinger den Michelsberg hinunterstürzte, die Hänge der Schwäbischen Alb hinab, wo, ja, der Wind, der Wind, das himmlische Kind, die physikalischen Gesetze den Vogelmenschen trugen, ohne dass er gewusst hätte warum. Diese Vertrauensseligkeit machte seinen Flug vor Publikum, am 31. Mai 1811, zum blamablen Absturz in die Donau, die Demonstration zur Luftnummer, die Pioniertat wahrhaftig zum Blindflug.Das ist die Geschichte, die vom Schneider von Ulm geblieben ist, und auf wundersame Weise zeigt sie uns Tilo Prückner in dem Film von Edgar Reitz (der jetzt, zum Jubiläum, neu herauskommt). Sie zeigt, dass sein Schneider ein tapferes Fachmännlein ist, aber nicht einmal ein Fachidiot sein muss, vielmehr ein geselliger Mensch, ja ein verantwortungsbewusster Mitmensch, um dennoch das Drama des Spezialisten zu erleben, als Geisel seines Traums. Denn vom Traum des Visionärs erzählt nicht nur das verklärte Lächeln, sondern, wenn Tilo Prückners Erfinder die Ferne absucht, der Tunnelblick.Berblinger, der edle Tor. Um es ein wenig genauer zu sagen, muss man sich an einen Gedanken des Philosophen Alfred North Whitehead erinnern, der einmal meinte, dass die größte Erfindung des 19. Jahrhunderts "die Erfindung der Methode des Erfindens" gewesen sei. Berblinger, so lehrt uns die Beschäftigung mit ihm, war ein Tüftler, der methodisch vorgehen wollte, aber die Methode nicht zu fassen bekam. Die Zauberformel des Gleitfliegens ließ sich nicht aufspüren, weil ihm, es war schier zum Auswachsen, systematisches Vorgehen versperrt blieb.In einem Katalog, vor 25 Jahren erschienen, heißt es, es gebe nur wenige Chronisten, die der Nachwelt die Vorgänge vom 31. Mai 1811 überlieferten, das hektische Trippeln Berblingers vor dem Anlauf, das Wittern des Winds, das eine oder andere Detail, das dann Edgar Reitz übernahm in seine Ballade, die, wie eine jede, Holzschnitt und Stationendrama wurde. Adlerbastei war der Name der Rampe, in Reitzens Rekonstruktion sieht sie, wenn die Kamera sie aus der Untersicht zeigt, aus wie ein Schafott.Was Berblinger vollbrachte, war nicht zu vollbringen. Um das zu verstehen, müssen wir noch eine weitere Quelle anzuzapfen, das so weltberühmte wie ahnungslose Wikipedia. Dort heißt es Ende Mai 2011: "1986 wurde anlässlich des 175. Jahrestags des ersten Flugversuchs ein Wettbewerb veranstaltet, bei dem auch herausgefunden werden sollte, ob eine Überquerung der Donau an dieser Stelle überhaupt möglich (gewesen) wäre. Ein Gleitflug wird durch die an Flüssen vorherrschenden Fallwinde sehr erschwert." Was Wikipedia nicht erwähnt: Von 30 Startern fielen 29 in die Donau, wie wir durch Schweikles Roman erfahren, und deshalb ist es gut, dass es ihn gibt, so hölzern und knirschend seine Konstruktion auch ist, so betulich und wenig beschwingt er sich auch liest.Schweikle schließt sich den Dokumenten im Ulmer Stadtarchiv an, wenn er Berblinger 1829 in einem Armengrab der Stadt verscharrt sieht. Wie Max Eyth schickt auch Schweikle den in Ulm abgetauchten Erfinder mit Napoleons Armee bis ins brennende Moskau. Bei Eyth stirbt ein Handwerker des Tötens am Ende den Soldatentod, bei Reitz ist es am Ende so, dass Berblinger auf der Flucht vor dem Pöbel zum Entdecker des Periskops wird. Ein offenes Ende, wie im Märchen.Weil aber das tapfere Schneiderlein aus ganz unterschiedlichen Gründen bis heute nicht gestorben ist, darf man sagen, dass Albrecht Ludwig Berblinger ein in der Vogelmenschengeschichte tragischer Heros war, ein obendrein typischer Antiheld der Moderne. Wie bei Helden üblich, ging es um alles, hier um die Identifikation mit einem Apparat, um das Zusammenwachsen von Mensch und Maschine zu einem Tier! In der totalen Hingabe an den Apparat sah sich der Schneider im Vogel aufgehen. Wie wiederum in dem Vogel sich selbst. Ich, der Vogel. Johannes Schweikle lässt seinen Schneider sagen: "Zweimal habe ich die Tragflächen vergrößert, dreimal ist mir ein Flügel gebrochen."------------------------------Foto: Der Hängegleiter von A. L. Berblinger, zeitgenössischer Kupferstich von Johannes Hans, 1811